Norwegen: Auf dem Postschiff zum Nordkap - DER SPIEGEL
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Norwegen Auf dem Postschiff zum Nordkap

Die verschneite Küste erscheint als weißgrauer Schatten in der Ferne. Mit einem Becher heißen Tees stehen Passagiere an der vereisten Reling und unterhalten sich leise. Eine Fahrt auf einem Postschiff ans Nordkap ist im Winter ein ganz besonders Erlebnis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Oslo - Der Unterschied zu "richtigen" Kreuzfahrtschiffen zeigt sich schon bei der Ankunft: Kein beflissener Steward weist dem Gast den Weg in die Kabine. Das Einchecken ist ein wenig so, als besteige man einen Bus und bekomme dabei einen Zimmerschlüssel. Und so ist es eigentlich ja auch: Die Hurtigrutenschiffe bringen das ganze Jahr hindurch Post, Güter und Menschen zu den Orten entlang der Küste.

2500 Seemeilen lang ist die norwegische Küste mit ihren vielen Fjorden. Die Hurtigrute führt von der alten Hansestadt Bergen nach Kirkenes an der russischen Grenze und zurück. Jeden Abend startet ein Schiff in Bergen und legt nach elf Tagen Fahrt am Nachmittag des zwölften Tages wieder dort an.

Insgesamt werden 34 Häfen angelaufen. Wer sich an Land schnell einen Überblick verschaffen möchte, kann ihn bei den mitunter kurzen Halts sicher bekommen. Aber wer ein wenig länger Landgang haben möchte, wird oft enttäuscht. Nur in größeren Häfen wie Trondheim oder Tromso bleibt das Schiff mehrere Stunden liegen.

Sorgen wegen stürmischen Seegangs im Winter braucht an Bord eines Hurtigruten-Schiffes niemand zu haben - es schaukelt eher gemäßigt. Lange Strecken werden im Windschutz von Halbinseln und Schären gefahren. Auch davor, im Eis stecken zu bleiben, muss sich niemand fürchten: Entlang der Küste fließt der Golfstrom und hält das Wasser offen. Nur in einigen Fjorden kann Eis treiben.

Dem Golfstrom ist es auch zu verdanken, dass das Klima an der Küste Norwegens im Winter recht mild ist: Es sind eher Temperaturen um den Gefrierpunkt, als die von vielen erwarteten minus 20 Grad. Erst bei Kirkenes entfernt sich der Golfstrom von der Küste.

Eine Kabine kostet für die gesamte Reise im Durchschnitt rund 4500 Mark. "Die alten Schiffe haben auch billigere Kabinen mit Duschen auf dem Flur", sagt Jens Blaumeier von der Norwegischen Schifffahrts-Agentur (NSA) in Hamburg. "Dafür bieten die neueren Postschiffe auch Suiten an." Und der Vorteil im Winter: "Wir nehmen keinen Einzelzimmer-Zuschlag." Auch gebe es ab 67 Jahren einen Seniorenabschlag auf den Reisepreis.

Der Aufenthalt an Bord ist - vor allem auf den neueren Schiffen - komfortabel. Lobby und Restaurant verbreiten einen Hauch von Luxus. Die Kabinen sind klein, aber sehr gepflegt. Das Essen ist etwas für Freunde der Fischküche: Es gibt Fischpasteten, Rogenhäppchen und große Portionen Dorschfilet. Das Meer vor Norwegen ist reich an Seelachs, Schellfisch, Rotbarsch und wildem Lachs. Gekrönt wird das Menü oft mit Variationen von Moltebeeren. Besonders gerne essen die Norweger die brombeerähnliche gelbe Frucht mit viel fetter Schlagsahne.

Auch an Land gibt es in der dunklen Jahreszeit viel zu erleben. Vor allem herrscht richtiges Winterwetter - "Schmuddelwetter" wie in Deutschland gibt es in Norwegen nicht. Ausflüge führen zum Skilauf und zu Wanderungen durch den Schnee. Angeboten werden auch Touren mit Schneescootern über zugefrorene Seen oder ein Besuch bei den Samen mit einer traditionellen Mahlzeit samt Folklore im Zelt. Oder man schlendert durch die Küstendörfer mit ihren bunten Holzhäusern, auch wenn die Geschäfte vielerorts schon um 16.30 Uhr schließen.

Höhepunkt jeder Hurtigruten-Tour ist das Nordkap. Im Winter kostet ein Ausflug bei einer Gruppengröße von mindestens 13 Personen 1100 Kronen (270 Mark) - im Sommer ist die Tour nur ein Drittel so teuer. Das Nordkap auf der kleinen Insel Knivskjelodden ist in der kalten Jahreszeit nur per Schneekatze oder Scouter zu erreichen, die Straße ist gesperrt. Von dem vielen Grün samt Vergissmeinnicht, Enzian und Schlüsselblumen, die in den warmen Monaten dank der langen Sonnentage besonders bunt blühen, ist dann nichts mehr zu sehen. Das Grau des Himmels vermischt sich mit dem Weiß am Boden, der Wind beißt im Gesicht. Selbst die anspruchslosen Rentiere, von denen sonst 4000 auf der Insel leben, wurden für den Winter an Land gebracht.

Gekrönt wird jeder Tag an Bord vom Schauspiel des Nordlichts. Von November bis März sind die zumeist weißgrün kreisenden Schleier besonders gut zu sehen. Wer Glück hat, kann das Polarlicht auch in Form rötlicher Kreisel bewundern.