Norwegen Nichts für Hektiker
An der langen Küste zwischen Trondheim und den Lofoten findet sich das unbekannte Norwegen: ein schmaler Saum zwischen offenem Meer und den schroffen Höhen des Hinterlandes. Hier fassten schon die alten Wikinger Fuß auf ihren Fahrten gen Norden. Und hier fochten ihre Nachfahren über Jahrhunderte als Bauern und Fischer den Kampf um ein karges Dasein.
Nördlich der alten Königsstadt Trondheim zweigt kurz hinter Steinkjer der Riksvei 17 von der Europastraße 6 in Richtung Nordmeer ab. Fast 700 Kilometer weit zieht sich die alte Reichsstraße an den Gestaden von Nord-Tröndelag und Helgeland entlang gen Norden. Ein halbes Dutzend Fähren verbinden die Teilstücke miteinander. Wer ein paar der zahlreichen vorgelagerten Inseln besucht, kommt leicht auf doppelt so viele Überfahrten. Die Fähren bestimmen den Rhythmus der Reise. Hektik ist hier fehl am Platz, wenn die Fähre nicht da ist, muss eben gewartet werden.
Man sollte sich von dieser Stimmung einnehmen lassen, von dieser Ruhe, einer natürlichen Gelassenheit. Die Landschaft tut ihr Übriges. Bei der Fahrt durch Laubwälder blinkt immer wieder das Wasser einsamer Seen auf, ehe bei Namsos die Küste erreicht wird. Der Ort zählt knapp über 8000 Einwohner, Brönnöysund nur halb so viele und Sandnessjöen 5500 - das sind auch schon die größten Städtchen hier.
Von Namsos aus führt ein Abstecher auf die Insel Jöa. Versteckt im Foldasund liegt die Heimat Olav Duuns, der als einer der bedeutendsten Epiker Norwegens gilt. Der Zeitgenosse des ungleich bekannteren Nobelpreisträgers Knut Hamsun hat hier den Stoff zu seinen "Juwikingern" gefunden, und wer die Bücher kennt, der erkennt auf Jöa auch die Landschaften wieder: stille Buchten, niedriges Birkengestrüpp, nackte, von der letzten Eiszeit glattpolierte Felsenkuppen, in den feuchten Mulden fruchtbare Wiesen und Äcker.
Von den Höhen der Insel Vikna aus betrachtet, scheint das silbrig glänzende Wasser übersät zu sein von grauen, felsigen Krümeln. Über 12.000 dieser winzigen Eilande sollen es an der Helgelandküste sein. In Rörvik, dem umtriebigen Zentrum Viknas, lässt sich bestaunen, wie einst jene Boote gezimmert wurden, mit denen Fischer und Handelsleute das Inselreich befuhren: Hier entstehen Küstensegler noch nach alter Bootsbauerkunst. Heute tuckern meist Motorfähren hinüber zu den größeren Inseln, die so wundersame Namen tragen wie Leka, Vega, Dönna, Nesöya oder Fuglöya.
Bei der Überfahrt nach Vega geht es auf Mitternacht zu, die Sonne taucht das Meer in goldenen Glanz. Wie dunkle Walfischrücken heben sich Hunderte nackte Felsbuckel aus dem Wasser. Das Fährschiff schüttelt sich in der Dünung, aus der scheppernden Lautsprecheranlage tönt Elvis. Nur wenige Passagiere sind an Bord, schlürfen einen Kaffee und qualmen ein paar Zigaretten. Als das Schiff nach knapp einstündiger Fahrt anlegt, ist die Sonne versunken, die Insel liegt in milchige Dämmerung getaucht. Ganz dunkel wird es hier im Sommer nie.
Auf die Insel Alsten schwingt eine moderne Spannbrücke über den Sund. Drüben, im Anwesen von Alstahaug, lebte und schrieb Norwegens Volksdichter, der Priester und Poet Petter Dass (1647-1707) - ein malerisches Fleckchen Erde, wie geschaffen zum träumerischen Philosophieren, mit rot gestrichenen Holzhäusern und einer Kirche mit Zwiebeltürmchen. Landeinwärts ragen die sieben Schwestern auf: schroffe Bergrücken mit wilder mythologischer Entstehungsgeschichte. Als die sieben Töchter des Sulis-Königs vor dem Vagakallen gen Süden flüchteten, wurden sie vom anbrechenden Tag überrascht und in Felsen verwandelt, heißt es.
Im Frühjahr und Herbst tobt die See, im Winter bläst hier ein eisiger Wind. Im Sommer aber hat die Kombination aus Golfstrom und immer währender Sonne genügend Kraft, um für ein mildes Klima zu sorgen. Da weht vom Meer her eine sanfte Brise, vermengt sich der Geruch nach Salz und Fisch mit dem Duft von frisch gemähtem Gras. Kühe weiden auf saftigen Wiesen, in felsigen Flanken klettern Schafe und Ziegen, Elche kreuzen den Weg.
Auf der Fährfahrt zwischen Kilboghamn und Jektvik wird beinahe unbemerkt der Polarkreis passiert. Auf dem nächsten Straßenabschnitt wälzen sich dann die mächtigen Ausläufer des Svartisen-Gletschers in eisigem Blau von blendend weißen Höhen herab, ehe die Küstenstraße am Saltfjorden endet. Dort, wo unterschiedliche Strömungen in ewigem Kampf miteinander liegen und die wilden Strudel des Saltstraumen aufwirbeln, trifft der Riksvei 17 bei Löding wieder auf eine Europastraße: Die E80 führt zum 20 Kilometer weiter westlich gelegenen Bodö, wo Fähren hinüber zur Inselkette der Lofoten ablegen - mit ihren jäh aus dem Meer steigenden Felsnadeln das Kontrastprogramm zum stillen Glück der Küstenstraße.
Matthias Huthmacher, gms
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