Obdachlosen-Tour Stuttgarter Schattenseiten
Stuttgart - Der Stadtführer Emanuel Baranowski steht mitten auf dem Marienplatz in Stuttgart und erzählt einer Gruppe von Jugendlichen von vergangenen Tagen. Von Schlössern und Kirchen fehlt allerdings jede Spur. Nur eine karge Betonfläche zwischen stark befahrenen Straßen gibt es zu besichtigen. Baranowski zeigt den Teilnehmern seiner Führungen keine typischen Sehenswürdigkeiten, sondern die Nebenschauplätze jenseits von schön und teuer. Der Marienplatz war früher Treffpunkt von Drogensüchtigen und Obdachlosen, zu denen einst auch Baranowski gehörte. Mit der Umgestaltung des Platzes in eine rundum einsehbare Freifläche wurden sie vor sechs Jahren vertrieben.
Obdachlosigkeit, Drogensucht, Straßenkinder - von diesen Schattenseiten des städtischen Lebens bekommen viele Stuttgarter kaum etwas mit. Die baden-württembergische Landeshauptstadt zählt zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität in Deutschland. Trotzdem leben nach Angaben der Stadtverwaltung 2765 wohnungslose Menschen in Stuttgart. Die meisten von ihnen sind in Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe untergebracht, etwa 30 Menschen leben offiziellen Schätzungen zufolge im Freien.
Reichen 347 Euro zum Leben?
Die "alternativen Stadtführungen" werden vom Verein Trott-war organisiert, der in Stuttgart die gleichnamige Straßenzeitung herausgibt. 12 bis 15 Mal pro Monat führt Baranowski Gruppen durch die Stadt - Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ), Betriebsräte, Abgeordnete oder auch mal neugierige Rentnerinnen. Er selbst hat viereinhalb Jahre Straßenleben hinter sich. Nicht ohne Stolz berichtet er von den vielen Tricks, mit denen er diese Zeit überstanden hat: "Aber irgendwann war ich soweit unten, dass es nur noch darum ging, wo ich Zigaretten, Alkohol und Geld herbekomme", sagt der 49-Jährige.
Vom Marienplatz aus steuert Baranowski den Verein "Netzwerk" an, der Wohnsitzlosen in kalten Monaten umsonst und anonym Schlafmöglichkeiten bietet, um sie vor dem Erfrieren zu bewahren. "Dort kommen im Winter Obdachlose aus dem ganzen Land hin", erzählt er. Dann leitet er seine Gruppe weiter zum nächsten Programmpunkt: ein Männerwohnheim, in dem hauptsächlich Hartz-IV-Empfänger leben. Für die jugendlichen Teilnehmer der Führung Anlass, über den Regelsatz von 347 Euro zu diskutieren. Reicht das zum Leben?
Eine Kreuzung weiter befindet sich das "Café Maus". Hier können sich Heroinsüchtige ihre Tagesdosis Methadon abholen. Vor der Tür herrscht Hochbetrieb. Und nicht weit davon entfernt liegt der "Schlupfwinkel" in einer Parallelstraße eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in Notsituationen. Baranowski führt seine Gruppe an einer Einrichtung der Drogenhilfe vorbei zur Paulinenbrücke. Dort beginnen und beenden zahlreiche Obdachlose neben einer 24-Stunden-Tankstelle den Tag mit Schnaps und Bier. Dazwischen treffen sie sich bei der "Vesperkirche", die Bedürftigen warme Mahlzeiten anbietet. Wer ohne Wohnsitz ist, hat nur wenige feste Bezugspunkte im Leben.
Spritzenautomat neben dem Hauseingang
Neben einem Hauseingang hängt ein unauffälliger Automat. Baranowski weiß, dass die meisten Stuttgarter den Kasten im Vorbeigehen gar nicht bemerken und macht die Jugendlichen deswegen darauf aufmerksam. Für 50 Cent können sich Heroinabhängige hier ein sauberes Spritzenbesteck ziehen. Was für die Menschen aus dem Milieu offensichtlich ist, liegt für die braven Bürger oft im Verborgenen. Baranowski hat von dem Automaten selbst nie Gebrauch gemacht - seine Droge war der Alkohol. "Bis zu drei Flaschen Whiskey habe ich an einem Tag getrunken", räumt er ein. Weil er darüber hinaus auch spielsüchtig war und den Unterhalt für seine Tochter nicht zahlte, hatten sich irgendwann rund 50.000 Euro Schulden angehäuft.
Baranowski führte in der DDR bis 1989 ein normales Leben als EDV-Facharbeiter. Nach dem Mauerfall ging er in den Westen -"überstürzt und ohne Plan", wie er betont. Das Obdachlosenmilieu in Stuttgart wurde seine neue Heimat - seinen Schlafplatz hatte er sich in einem Zelt hinter einer Lärmschutzmauer eingerichtet. Er bekam finanzielle Leistungen vom Staat, arbeitete nebenher schwarz und rutsche dennoch immer tiefer ab. Erst eine Entziehungskur half ihm wieder auf die Beine.
Bei Trott-war ist Baranowski inzwischen fest angestellt. Die Hälfte seines Lohns bekommt er für die Stadtführungen, die andere Hälfte für den Verkauf von Straßenzeitungen. Mit 926 Euro pro Monat kann er keine großen Sprünge machen, "aber es reicht", betont er. Selbst seine Schulden sind inzwischen abgebaut. Ende dieses Jahres wird der 49-Jährige nicht mehr auf staatliche Stütze angewiesen sein. "Ich habe mit mir Frieden geschlossen", betont er.
Von Tanja Wolter, ddp