Olympiastadt Turin: Quadratisch, praktisch, schick - DER SPIEGEL
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Olympiastadt Turin Quadratisch, praktisch, schick

Der Countdown läuft: In einem Monat beginnen die Olympischen Winterspiele in Turin. Die Norditaliener nehmen die anstehende weltweite Aufmerksamkeit gelassen hin. Ihre Stadt ist vorbereitet und zeigt ihre Schätze wie den Palazzo Reale und die umgebaute Fiat-Fabrik Lingotto.
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Turin - Die Passanten in der Via Roma, der schicksten und teuersten Einkaufstraße in Turin, haben einen forschen, einen zielstrebigen Gang. Sie bewegen sich schneller als die Menschen in Rom oder Neapel, auch sind sie derzeit dicker eingepackt als ihre Landsleute im Süden, tragen lange Wintermäntel und wollene Schals. Geradezu mitteleuropäisch sind die Temperaturen in Turin - und auch sonst ist hier von südlicher Milde und Leichtfüßigkeit nicht viel zu spüren. Selbst gut einen Monat vor Beginn der Winterspiele (10. bis 26. Februar) herrscht in der Olympiastadt Turin keine italienische Aufgeregtheit, keine Hektik, schon gar kein Chaos - die rechte Begeisterung ist noch nicht zu sehen.

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Olympia 2006: Der Countdown läuft

Foto: GMS

Turin ist eine strenge Metropole. Sie hat große, quadratische Plätze und breite Straßen, die in der Innenstadt hübsch parallel laufen. Auch das ist ganz "un-italienisch": Nicht kreuz und quer und kunterbunt gewachsen ist die Stadt, sondern wie planmäßig angelegt nach dem Muster eines Schachbretts. "Wir Turiner verlaufen uns in anderen Städten - außer in Manhattan", heißt ein Bonmot, das Stadtführer gerne zum Besten geben.

Für die Fortbewegung zu Fuß sind viele Straßen im Zentrum mit Arkaden gesäumt, die es auf die stolze Gesamtlänge von 18 Kilometer bringen - eine der schönsten und angenehmsten städtischen "Dienstleistungen" zum Flanieren und Schlendern. Sie geben der Stadt ihr ganz besonderes Flair. Natürlich säumen die Arkaden auch die Piazza San Carlo, den wohl schönsten Platz der Stadt, einen Steinwurf von der Via Roma entfernt. Zum Palazzo Reale, dem eher schlichten und schmucklosen Königspalast, ist es ebenfalls nur ein paar Schritte. Hier schlägt das Herz der Stadt, auf dem großen Rund am Palast werden während der Winterspiele abends viele Siegerehrungen stattfinden.

Heimat der Agnelli-Familie

Ein anderes Bonmot über Turin heißt: "Sogar die Straßenbahnen sind pünktlich", was die Effizienz und die Ordnungsliebe der Bewohner im Gegensatz zu den Landsleuten aus südlicheren Gefilden markieren soll. Kein Zufall: Turin ist die Heimat Fiats, des einzigen weltweit agierenden Industriegiganten des Landes.

Zwei Dynastien haben die Stadt am Po geprägt: die Fiat-Familie der Agnellis und das Adelshaus der Savoyer, die Königsfamilie Italiens. Beide haben allerdings ihre größte Zeit eher hinter sich: Die Monarchie in Italien wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft, und Fiat befindet sich seit Jahren in einer Dauerkrise. Große Teile der Industrieanlagen Mirafiori und Lingotto liegen heute still. Die meisten Olympiaveranstaltungen in Turin werden sich in Sportstadien abspielen, die sich auf ehemaligem Industriegelände befinden.

Eine Wandlung der besonderen Art erlebte die Fiat-Fabrik Lingotto: 800 Meter lang und 400 Meter breit ist das 1915 gebaute Aushängeschild des Autobauers. In den besseren Fiat-Zeiten wurden die neuen Modelle gleich auf dem Dach des Hauses zur Probe gefahren. Als Fiat Anfang der achtziger Jahre auszog, verwandelte der Stararchitekt Renzo Piano den Koloss in einen Kommerz- und Kulturpalast samt Konzerthalle, einem Dutzend Kinos und Läden. Und auf dem Dach, als Krönung sozusagen, ist die Gemäldesammlung des "Avvocato" zu finden, des 2003 gestorbenen Firmenpatriarchen Gianni Agnelli.

Nach dem Willen der Stadtpolitiker soll diese Veränderung Richtung weisend sein: Von der Autometropole zur Kultur- und Dienstleistungsstadt, lautet das Motto. Der durchgestylte Palazzo ist heute einer der ganz großen Touristenattraktionen.

Schwindelgefühle im Mole Antonelliana

Ein weiterer Höhepunkt der besonderen Art ist Mole Antonelliana, das Wahrzeichen der Stadt: ein eigenartig geschwungener Turm, der sich für den Fremden unvermittelt aus dem Stadtbild erhebt. 167 Meter hoch ist das Bauwerk, das Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde und eigentlich als Synagoge geplant war. Wer im gläsernen Fahrstuhl hochfährt, den überkommt schon mal ein leichtes Schwindelgefühl. 1953 stürzte das Gebäude teilweise ein, wurde mit Stahl verstärkt und modernisiert, heute ist hier ein großes Kinomuseum zu Hause. Die Aussicht vom höchsten Punkt der Stadt lohnt sich auf alle Fälle.

Ein Schatz ganz anderer Art ist dagegen das "Grabtuch von Turin": das Leichentuch, in dem Jesus von Nazareth nach der Kreuzigung ins Grab gelegt worden sein soll. Die vier Meter lange und einen Meter breite "Sacra Sindone", auf der mit bloßem Auge nur vage Schemen zu erkennen sind, ist für Millionen Gläubige die größte Attraktion Turins. Untergebracht ist das heilige Tuch im Dom, ausgestellt wird es allerdings nur alle paar Jahrzehnte. Forscher äußern zwar immer wieder Zweifel über Alter und Herkunft der Reliquie: Ist das Stück Stoff wirklich 2000 Jahre alt oder doch eine Fälschung aus dem Mittelalter? Der Streit dauert an, vermutlich für weitere Jahrhunderte. Doch das ist eine Auseinandersetzung, für die sich die meisten Olympiabesucher wohl nur am Rande interessieren dürften.

Von Peer Meinert, gms