Paris Allez les Vélos!
PARIS. ARC DE TRIOMPHE, MONTAG, 16:30 UHR
Schwüle Luft mischt sich mit öligen Abgasen - Paris riecht nicht gerade verführerisch. Der Blick auf den Arc de Triomphe ist milchig trüb. Auf den Straßen stauen sich Autos, Motorräder, Lieferwagen - dichter Feierabendverkehr. Es wird gehupt und gedrängelt. Alle sind in Eile, wer bremst, wird beschimpft. Mir kommen Zweifel, ob es eine gute Idee war, ausgerechnet mit dem Fahrrad durch Paris zu kurven. Zum Grübeln bleibt jedoch keine Zeit. "Weiter gehts", ruft meine Reiseleiterin.
Die Ampel springt auf Grün. Mitten auf der Kreuzung steht mit hochrotem Kopf eine Polizistin, pfeift schrill, rudert mit den Armen und brüllt "Vite! Vite!" - schnell, schnell! Meine zehn Mitradler und ich starten entschlossen in den Kreisverkehr am Arc de Triomphe. Kaum haben wir uns eingefädelt, schießen von hinten Autos heran. Ich höre Reifen quietschen und lautes Hupen. Jetzt bloß nicht straucheln. Wir drehen eine Runde, dann noch eine. Allmählich beginnt es Spaß zu machen. Es wird gelacht und gescherzt. Autos und Abgase sind zwar nicht verschwunden, machen uns aber kaum noch etwas aus. "Das ist genial", ruft Renate Pfausch, die hinter mir radelt, "ich halte nie mehr an!" Touristen feuern uns vom Straßenrand aus an: "Vive le Tour de France!" Ein Vespa- Fahrer ruft fröhlich und kopfschüttelnd: "Vous êtes fous" - ihr seid verrückt. Zwischen Stoßstangen und hoher Bordsteinkante fahren wir weiter.
Kein Grund zum Fürchten
Leider hat die Polizistin nun genug von dem Spektakel. Mit einer Serie von gellenden Pfiffen stoppt sie den Verkehr und winkt uns an die Seite. Dort warten diejenigen aus unserer Gruppe, die sich nicht in den Zirkel gewagt haben. "Irre, dass ihr das gemacht habt", sagen sie. "Stimmt", antwortet stolz der vierzehnjährige Ingo Borgdorf. Dann geht es schon weiter - die Champs-Élysées hinunter. Eine Radtour durch Paris: Geht das überhaupt? Bei dem höllischen Verkehr und dem notorisch rüden Fahrstil der Hauptstädter? Kein Grund zum Fürchten: Auch in der französischen Kapitale sind neue, sportlichere Zeiten angebrochen. Seit ein paar Jahren hat die Regionalregierung ihr Herz für Radfahrer entdeckt und legt mehr und mehr Radwege an. Mittlerweile spannt sich das Netz über die gesamte Stadt.
Viel wichtiger noch: Autofahrer nehmen Rücksicht auf die neuen Verkehrsteilnehmer. Der kleine Reiseveranstalter "Natours" aus Ostercappeln bei Osnabrück hat die Marktlücke entdeckt und bietet für Großstadtabenteurer geführte Radtouren durch Paris an. Mit großem Erfolg, beinahe jede Tour ist ausgebucht. "Am Anfang überwiegt bei den Teilnehmern Skepsis und Vorsicht, am Ende wollen sie nicht mehr vom Rad steigen", sagt die deutsche Reiseführerin Britta Treede-Cissé.
Die Gruppen haben nicht mehr als 15 Teilnehmer, die Tagesetappen sind zwischen 15 und 40 Kilometer lang. Man kann sein eigenes Rad mitbringen oder vor Ort eins mieten. Die Touren führen kreuz und quer durch die Stadt, nach Versailles, entlang der Marne, zur Mittagspause ins jüdische Viertel Marais oder nachts zum Eiffelturm. Meist auf separaten Radwegen, manchmal auf für Radler freigegebenen Busspuren, auch zwischen den Autos auf viel befahrenen Straßen. Sightseeing aus ungewohnter und sportlicher Perspektive. Wir nähern uns den großen Sehenswürdigkeiten von neuen Seiten. Wir parken die Räder vor kitschig-romantischen Flohmärkten. Zum Mittagessen besuchen wir die Seine: In der Nacht hilft der beleuchtete Eiffelturm bei der Orientierung. Wir besuchen kleine, unscheinbare Restaurants oder wir futtern Falafel vom orientalischen Imbiss.
MARYS HÔTEL, NÄHE METRO-STATION, OBERKAMPF, DIENSTAG, 10 UHR
Britta Treede-Cissé ist verliebt. In ihr Paris. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet die 39-Jährige hier. Wenn sie vor dem Panthéon, dem Louvre oder der Kathedrale Notre-Dame steht und Episoden und Abenteuer aus der Geschichte erzählt, lächelt sie milde. Es macht Spaß, ihr zuzuhören: Man erfährt Überraschendes aus der Stadt, die man schon zu kennen glaubt. Paris ist ihre zweite Heimat, sie kennt verborgene Winkel und versteckte Ecken - und die zeigt sie uns auch.
So lässt sich auch die vergangene Nacht schnell vergessen. Die war, um es milde auszudrücken, ziemlich unruhig. Kristin Richter kommt am Morgen mit dunklen Augenringen an und gähnt versteckt hinter der Hand. Die Teenagerin nimmt zusammen mit ihrer Mutter an der Tour teil. "Unser Zimmer geht zur Straße hin", klagt sie, "die ganze Nacht haben wir Autotüren knallen und Leute schwatzen gehört." War draußen endlich Ruhe, sei es drinnen munter weiter gegangen: "Nebenan haben sie eine Party gefeiert." Das kleine Hotel liegt mitten im In-Viertel Oberkampf. Bars, Bistros, trendige Läden und Restaurants reihen sich in den Straßen aneinander. "Wenn man nahe an Paris sein will, dann ist Oberkampf genau richtig", sagt Britta. Und der Mann an der Rezeption erklärt lapidar: "In unserem Hotel gibt es keine ruhigen Zimmer." Kristin kauft sich unterwegs in einer Apotheke Ohropax für die kommende Nacht.
FAHRRADVERLEIH, METRO ST-MARCEL, MITTWOCH, 10:40 UHR
Auch Inge Köster hat schlecht geschlafen. Am Morgen fühlt sich die 66-Jährige deshalb etwas strapaziert. Sie steht im Hof des Fahrradverleihs und schimpft: "Mit diesem Wrack fahre ich nicht." Die Bremse funktioniere nicht, moniert sie, der Sattel hänge schief. Schmutzig findet sie das Rad auch. Der Verleiher zuckt mit den Schultern: "Je ne comprends pas." Er versteht nicht. Davon lässt die resolute Dame sich nicht beirren. Mit großer Geste wischt sie über den Rahmen und hält ihm den verschmierten Finger vor. Der Mann nimmt das Fahrrad, schiebt es gelassen zurück in die Garage und erscheint mit einem anderen Modell. Nun hebt er den Finger: "Attention!" Dann führt er selber vor: Die Bremsen packen zu, der Sattel sitzt gerade, sauber glänzt der Rahmen. "Cest mieux?" - besser, fragt er lächelnd. "Wird schon gehen", sagt Inge und steigt auf.
Autos hupen, Japaner lachen, Franzosen schütteln den Kopf
ARC DE TRIOMPHE, ABZWEIGUNG ZU DEN CHAMPS-ÉLYSÉES, NACHT ZUM DONNERSTAG, KURZ VOR 1 UHR
Tiefergelegte Autos rollen langsam die Straße hinunter. Hiphop von Eminem und 50 Cent dröhnt aus den Boxen. Die Cafés sind voll besetzt. Vor ein paar Minuten saßen wir noch auf dem beschaulichen Marsfeld zu Füßen des Eiffelturms, haben Champagner aus Plastikbechern getrunken und die Lichter der Stadt bewundert. Jetzt wollen wir die Flaniermeile hinunterfahren - das Pariser Nachtleben aus einem neuen Blickwinkel erleben. In schneller Fahrt geht es zwischen den Autos hindurch, über Kopfsteinpflaster. Wieder Hupen. Wieder Anfeuerungen. Vorbei an parkenden Autos, sich öffnenden Türen und wankenden Nachtschwärmern. Über der Szene hängt unwirklich schön ein strahlender Vollmond. Der zwölfjährige Frederik Tillmanns sucht einen Extra-Kick. Seinen Vater hat er bereits überholt, jetzt steigt er mächtig in die Pedale. Er will uns abhängen. Fünf Minuten später ist das Rennen vorbei. Nach und nach trudelt auch der Rest am Treffpunkt ein. Nur zwei fehlen: Achim Königstein und Britta, unsere Reiseleiterin. Wir warten. Zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten. Nervosität macht sich breit. Schließlich schicken wir einen Suchtrupp los. Der findet die beiden etwa 500 Meter weiter am Straßenrand. Ein Reifen ist platt. Die Reiseleiterin hat Ersatzmaterial im Gepäck. Im Schein der Leuchtreklamen ziehen sie gemeinsam einen neuen Schlauch auf.
RER-STATION INVALIDES, DONNERSTAG, 10 UHR
Der Ausflug nach Versailles beginnt mit einer Fahrt in der Pariser S-Bahn. Auf dem Weg zum Gleis werden wir mit unseren Rädern nicht weniger als sechs Mal von Bahnbediensteten angehalten. Immer wieder mit derselben Frage: "Quest-ce que vous faites ici?" - Was macht ihr hier? Mal halten sie uns freundlich die Türen auf, mal versperren sie uns den Weg zur Rolltreppe. Beim Einsteigen ziehen wir verwunderte Blicke auf uns. Japaner lächeln irritiert, Franzosen schütteln den Kopf.
SCHLOSS VERSAILLES, DONNERSTAG, 14 UHR
Am Schlossgarten von Versailles stellen wir die Räder ab und machen uns auf zum Rundgang. Nachdem sich alle an Prunk und Glanz sattgesehen haben, picknicken wir ausgiebig auf der Wiese. Es gibt Rotwein, Käse, Baguette und Obst. Schade, dass wir schon bald wieder zur Rückfahrt starten müssen. Doch als wir dann über einsame Kieswege rollen, macht sich Ausgelassenheit breit. Bevor wir wieder in die Stadt hineinfahren, erreichen wir einen kleinen Hügel, von dem aus sich uns ein wunderbarer Blick über Paris bietet. "Allein dafür hat sich die Tour gelohnt", schwärmt Renate.
RESTAURANT LA MOSQUÉE, RUE GEOFFROY SAINT-HILAIRE, DONNERSTAG, 20:30 UHR
Verschwitzt und staubig lassen wir uns im Restaurant der großen Moschee von Paris nieder. An den anderen Tischen sitzen Männer mit Krawatten und Anzügen, die Frauen tragen elegante Kleider. In unseren kurzen Hosen und T-Shirts sind wir wohl ein bisschen underdressed. Aber nach der Versailles-Tour blieb uns zum Umziehen oder gar Waschen keine Zeit. In dampfenden Schüsseln werden Couscous, Fleisch und Gemüse aufgetragen. Dazu trinken wir starken Tee, auf dem Pfefferminzblätter schwimmen. Langsam steigt eine wohlige Müdigkeit in uns hoch, die Muskeln entspannen sich. Renate seufzt: "Ich könnte für immer hier sitzen bleiben." Dann zitiert sie ein Dichterwort über die Stadt: "Nur wer in Paris gestorben ist, hat wirklich gelebt." Das kann jeder Radfahrer bestätigen.