Paris autofrei: Viel Lärm um nichts? - DER SPIEGEL
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Paris autofrei Viel Lärm um nichts?

Kein Gehupe, keine wilde Raserei. Eine vierwöchige Sperrung der Schnellstraße längs der Seine vermittelt ein neues Paris-Gefühl und lässt die politischen Wogen hochschlagen.
Von Andrea Weisbrod
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seit dem 15. Juli ist die Schnellstraße am rechten Seineufer zwischen den Tuilerien und dem Pont de Sully tagsüber für den Autoverkehr gesperrt. Inlineskater, Radfahrer und Liebhaber schöner Blicke kommen bis zum 15. August in den Genuss frischer Luft und eines ganz neuen Paris-Gefühls.

Was zunächst als hübsche Ferienaktion geplant war, hat sich inzwischen zum Politikum entwickelt - Rechte und Linke streiten sich, und der rechte Ex-Bürgermeister Jean Tibéri sieht den Zeitpunkt zum Angriff auf seinen linken Nachfolger Bertrand Delanoë gekommen.

Nirgendwo ist Paris pariserischer als am Seineufer - zumindest nach Vorstellung vieler Touristen. Dort gibt es Geschichtliches auf Schritt und Tritt, malerische Brücken, Bateaux mouches, Bouquinisten, Straßencafés und eine Sehenswürdigeit nach der anderen. Ein wunderbarer Ort zum Flanieren, der spektakuläre Blicke auf den Eiffelturm, Notre Dame und andere Wahrzeichen der Stadt bietet.

Doch genau an dieser zentralen Stelle tobt sich der Pariser meistgehasstes Objekt aus - das Auto. Mit der Einweihung der "Voie Georges Pompidou" feierte hier in den sechziger Jahren ein Werk von Technokraten zweifelhafte Triumphe. Seit dieser Zeit zieht sich entlang des rechten Seineufers eine zweispurige, 13 Kilometer lange Schnellstraße, die den Pariser Verkehr effektiv und ungebremst von Ost nach West befördern soll.

Besonders in den heißen Sommermonaten verursachen die vorbeirasenden Autos am Flussufer einen Lärm und Gestank, der kaum auszuhalten ist. Die Liebenden von Pont Neuf müssten sich Ohrenstöpsel und Atemschutzmasken mitbringen, wenn sie bei einem romantischen Rendezvous auf einer der berühmten Ausbuchtungen der Brücke den Blick auf den glitzernden Fluss genießen wollten.

Für Enki Bilal, den Pariser Kultzeichner von grellen Endzeitvisionen, ist die Voie Pompidou ein Schnitt mitten durchs Herz von Paris, der die malerischen Viertel an der Seine von ihrem Lebensnerv abgetrennt hat. "Gebt den Parisern endlich ihren Fluss zurück!", fordert er und stellt sich vor, wie Cafés und Menschen sich bis zu den Ufern ausbreiten, wenn dem Autoverkehr endlich der Hahn zugedreht würde. Sein Wunsch ist ihm zumindest vorläufig in Erfüllung gegangen. Denn was sie normalerweise nur an manchen Sonntagen dürfen, können die Pariser jetzt an jedem Tag bis zur Neige auskosten: am rechten Seineufer in aller Ruhe spazieren, radeln, skaten und faulenzen.

Doch zunächst wurde die Aktion sehr zögerlich angenommen. Es regnete viel, und so sah man in der ersten Woche der Sperrung nur wenige Unerschrockene auf den autofreien Uferstraßen Radfahren oder Inlineskaten. Dafür gab es in der restlichen Innenstadt kilometerlange Staus, was die Autofahrer wütend machte. Einhellig forderten Pendler, Fuhrunternehmer und Taxifahrer die sofortige Beendigung der ihrer Meinung nach überflüssigen, autofeindlichen Aktion.

Jetzt hat sich die Pariser Rechte an die Spitze der Bewegung gesetzt. Der im Frühling abgewählte Tibéri bezeichnet die von seinem Nachfolger Delanoë ins Leben gerufene Sperrung als "demagogisch, extremistisch und völlig unverantwortlich", ein Abgeordneter eines Pariser Vorortes wirft dem Bürgermeister vor, hier mal wieder ein arrogantes, zentralistisches Hauptstadt-Projekt auf Kosten der ohnehin schon benachteiligten Werktätigen der Banlieu gestartet zu haben. Der RPR, Partei Chiracs und Tibéris, fordert die Aussetzung der Aktion und spart nicht mit medienwirksamen Hinweisen auf eigene sanftere Konzepte gegen zu viel Verkehr in Paris. Doch inzwischen gibt der Erfolg der Aktion Recht.

Seit am letzten Wochenende der Sommer nach Paris zurückgekommen ist, bevölkern Pariser und Touristen zu Tausenden die Uferstraßen und genießen in aller Ruhe die wunderschönen Blicke auf die Sehenswürdigkeiten. Bertrand Delanoë und mit ihm die Sozialisten sind im Aufwind.

Am Dienstag ließ der neue Bürgermeister verkünden, die Sperrung wie geplant bis zum 15. August aufrechtzuerhalten und im Sommer 2002 sogar noch größere Teile von Paris für Autos sperren zu lassen. Es bleibt also zu hoffen, dass die provokante Aktion nicht nur ein spektakulärer Sommerspaß einer gerade erst angetretenen Partei bleibt, sondern langfristig zu einer spürbaren Reduzierung des Autoverkehrs in der französischen Hauptstadt führen wird.