Paris Taxi verzweifelt gesucht
Paris ist brechend voll. Voll mit Taxis und voll mit Leuten, die in diesen Taxis lustig durch die Gegend brausen. Bis Montparnasse haben wir nur ein leeres Taxi von hinten gesehen. Am Bahnhof warten circa 50 Leute fein säuberlich hintereinander aufgereiht auf eine Mitfahrgelegenheit und weit und breit ist keine zu sehen. Also weiter die Rue de Rennes runter in Richtung Saint-Germain-des-Prés. Zu Fuß entdeckt man Dinge, die einem sonst wohl nie auffallen würden. Einer meiner Weggefährten gerät in Begeisterung über ein offenbar frisch renoviertes Jugendstilungetüm, das gut die Kulisse für einen Draculafilm abgeben könnte, dann stürzt er plötzlich auf die Straße und stoppt ein leeres Taxi. Der Chauffeur kurbelt die Scheibe runter und fragt nach dem Ziel. Das 20. Arrondissement? Er winkt ab und fährt weiter.
Ein Gespräch kommt darüber auf, ob Taxis in Deutschland auch ihr Leuchtschild auf dem Dach anmachen, wenn sie besetzt sind. Nach längerem Hin und Her sind wir uns jedenfalls alle einig, dass die französische Beschilderungspraxis unlogisch und unübersichtlich ist. Und immer noch kein freies Taxi in Sicht.
Es ist St. Patricks Day und es scheint, als hätten alle Iren beschlossen, ihren Nationalfeiertag in Paris zu verbringen. Im vornehmen Saint-Germain-des-Prés verstopfen sie zu Hunderten die engen Straßen und rufen gut gelaunt nach Bier - ein Taxi würde hier sowieso nicht durchkommen. Weiter in Richtung Châtelet über die Pont Neuf, die in Filmen immer ein bisschen romantischer aussieht als in Wirklichkeit. Die Seine hat Hochwasser und damit ist endlich mal der dröhnende Verkehr auf den Schnellstraßen am Ufer lahmgelegt. Meine beiden Begleiter sind jetzt bald zu Hause. Ein weiterer Taxifahrer lässt uns stehen. Wozu sollte er auch einmal quer durch die Stadt und leer zurückfahren, gibt es doch hier genug Kundschaft, die von einer Kneipe zur nächsten transportiert werden will.
Um halb drei im Sentier angelangt, sind zwei weitere Taxis einfach weitergefahren - mir bleibt noch eine gute dreiviertel Stunde zu Fuß. Wo am Tag rege Betriebsamkeit herrscht und in den engen Hinterzimmern die meisten Kleider der Hauptstadt hergestellt werden, treiben sich nachts nur noch wenige rum - die meisten sind taxisuchende Nachtschwärmer.
Einer meiner Weggefährten, er hat gerade seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht, will mich nicht alleine weitergehen lassen. Mir scheinen seine Bedenken übertrieben und so verabschiede ich mich. Noch ein letzter Versuch, einen Chauffeur zum Transport zu überreden. Doch der lacht nur und fährt wortlos davon. Allein unterwegs in Richtung République, die Rue de Turbigo ist schon ziemlich leer. Zwei Häuser weiter hält einer der Wagen der SAMU, des städtischen Not- und Unfalldienstes. Zwei Männer steigen aus und schütteln einen Penner, der in einem Hauseingang liegt. In der Rue Faubourg du Temple kommt mir ein Pulk Jugendlicher entgegen, die so aussehen, als würden sie auf teure Uhren stehen. Solche wie meine. Noch zwanzig Minuten bis nach Hause.
Ein leeres Taxi fährt die verlassene Straße runter. Ich hebe mechanisch die Hand und siehe da, es hält an! Da ich mich vor Verblüffung nicht von der Stelle bewege, bedeutet mir der Fahrer ungeduldig, einzusteigen. Noch nie hat sich eine Taxirückbank so wunderbar weich angefühlt. Der Chauffeur ist aus Marokko. Er fragt mich lächelnd, ob er rauchen darf und meint, diese Iren hätten ihn ganz verrückt gemacht. Die würden heute ihren Nationalfeiertag feiern und er hätte nie verstanden, wo sie hingefahren werden wollten. "Viel zu betrunken", sagt er. Jetzt sei Feierabend und er auf dem Weg nach Hause. Aber er hätte es nicht übers Herz gebracht, mich so mutterseelenallein stehen zu lassen. Das Viertel ist nicht ungefährlich, da läuft man als Frau nicht mitten in der Nacht allein rum, sagt er. Wo ich überhaupt herkomme und was ich mache? So, Journalistin. Na, da würde ich ja bestimmt viel erleben. Er als Taxifahrer würde auch viel erleben, Geschichten könnte er mir erzählen, da würde ich nur mit den Ohren schlackern. Doch leider, bevor er zur ersten ansetzen kann, sind wir schon angekommen. Er lässt mich raus und fährt davon, in seinen Feierabend.