Pariser Schatztruhe: Einmal Mona Lisa links liegen lassen - DER SPIEGEL
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Pariser Schatztruhe Einmal Mona Lisa links liegen lassen

Die Museen der französischen Hauptstadt sind kleine Wundertüten. In den Nebenstraßen von Paris warten erstaunliche Kuriositäten sowie unerwartete Zeugen von Geschichte und Kunst - auch der Alltagskultur - auf den neugierigen Spaziergänger.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Paris - Paris gleicht als Weltstadt mit Geschichte einer unaufgeräumten Schatulle. Wer darin herumkramt, stößt immer wieder auf unerwartete Fundstücke. Mal sind es Bürgerhäuser, die Berühmtheiten beherbergt haben, mal verschwiegene Plätzchen mit einer Bar. Mit den Museen, dem "Gedächtnis" der Stadt, ist es nicht anders. Auf einem Streifzug darf man den Louvre mit seiner "Mona Lisa" oder die Impressionisten des Musée d'Orsay ruhig einmal links liegen lassen, zumal im Jahr des "Sakrileg"-Films nach dem Bestseller von Dan Brown der Louvre sowieso überlaufener ist denn je.

Im Schatten des Eiffelturms sinniert der "Denker" vor sich hin, den schweren Kopf abgestützt. Umgeben ist dieses Meisterwerk des Bildhauers Auguste Rodin von einem gepflegten Garten. Die Pariser kennen "ihren" Rodin und das charmante Museum mit den weltbekannten Werken des französischen Bildhauers im früheren "Hôtel Biron" am linken Seine-Ufer. Die angrenzende Neogotik-Kapelle dient nicht nur als angemessener Eingang zu den Meisterwerken von den "Bürgern von Calais" bis zur "Höllenpforte", sondern bietet auch Sonderschauen. Ganz sicher zählt das Musée Rodin zu den wichtigeren der Schatztruhe Paris und eröffnet würdig den Reigen der kleineren Museen der Metropole.

Glas und Metall für die Fondation Cartier

Kontraste schaffen Abwechslung auf dem Weg durch die Jahrhunderte der Kultur. Von Rodin zum Boulevard Raspail ist ein knapper Kilometer Großstadtdschungel zu durchwandern, in der Kunstgeschichte allerdings sind es an die 100 Jahre. Das beeindruckende Gebilde aus Glas und Metall, das der Architekt Jean Nouvel für die Fondation Cartier hier hat hinzaubern lassen, beherbergt auf 1200 Quadratmetern Fläche immer anregende, manchmal aufregende, in jedem Falle trendige Kunst.

Der überdimensional in einem vielfarbigen Mosaik schillernde Blumentopf des Designers Alessandro Mendini steht am Eingang vor der riesigen Libanon-Zeder, die der Schriftsteller Châteaubriand 1823 dorthin pflanzen ließ. Seit 1994 zieht die Stiftung für zeitgenössische Kunst die Kunstinteressierten an, die "auf dem Laufenden" bleiben wollen.

Um die Promenade etwas mehr abseits der ausgetretenen Kulturpfade fortzusetzen, überquert der Stadtwanderer die Seine und setzt den Fuß ans rechte Seine-Ufer. Der Reisende in Sachen Museen tritt sozusagen aus dem Schatten des Eiffelturms in den von Sacre-Coeur. Oben auf der "Butte" leben die Montmartrois, die sich immer für etwas Besonderes hielten. In dem ältesten Haus dieses "Dorfes" offeriert die "Gesellschaft des Alten Montmartre" einen historischen Rundgang mit Gemälden, Zeichnungen, Plakaten und Kunstobjekten. So spiegelt das Musée de Montmartre den Geist von Anarchie und Bohème auf dem stolzen und bis 1860 von Paris unabhängigen Hügel.

Museum des romantischen Lebens im Hinterhaus

Der Museumsentdecker bleibt zunächst auf dem Hügel über Paris. Frisch renoviert lädt das abgeschiedene Musée de la Vie Romantique unter der Place Pigalle in seinen ruhigen kleinen Garten und in die "romantische" Zeit von Frédéric Chopin und George Sand ein. So wie viele andere Musiker, Schriftsteller und Maler ging der polnische Komponist in diesem im Hinterhof gelegenen Künstlerhaus ein und aus, das einst dem Hofmaler von Louis Philippe, Ary Scheffer, gehörte.

Während das "Museum des romantischen Lebens" - gemeint ist die Kunstepoche der Romantik - zu den abgelegenen Orten der quirligen Weltstadt gehört, in denen Stille findet, wer die Stille sucht, ist einige hundert Meter weiter viel Betrieb. Vor allem asiatische Touristen fliegen auf das mit riesigen Gemälden und Zeichnungen voll gepfropfte Domizil des Pariser Malers Gustave Moreau (1826 - 1898).

Schon zwei Jahre vor seinem Tod hat Moreau selbst dieses Gebäude auf mehreren Stockwerken zu einem musealen Zeugnis seiner gewaltigen Schaffenskraft gemacht. Von ihm gemalte Gestalten aus der Mythologie, von Prometheus bis zu den Argonauten, bevölkern das Museum mit seiner enormen, schmiedeeisernen Wendeltreppe - eine wirkliche Entdeckung in der Flut der weniger bekannten Museen. Mancher setzt sich ans Licht auf einen der Stühle an den Fensterläden und studiert einige der Tausenden von Zeichnungen in Wandfächern, die man umblättern kann.

Moreau hatte das, woran es dem ebenso unermüdlichen Honoré de Balzac stets mangelte - Geld. Der weithin geschätzte Meister der "menschlichen Komödie" führt auf der Entdeckungsreise in den Pariser Westen. Als verstecktes Juwel im Herzen des alten Dorfes Passy wartet in der Rue Raynouard das Maison de Balzac auf Besucher, die sich für den Schriftsteller und Sezierer menschlicher Schwächen begeistern. Es war ein Fluchtort für Balzac. Sieben Jahre lang lebte er hier unter falschem Namen, verfasste einige seiner bedeutendsten Bücher und musste sich stets vor Gläubigern hüten.

Weinmuseum im Steinbruch

Nach der fast erdrückenden Wucht großformatiger Ölbilder des Gustave Moreau und dem Bücherstaub des Honoré de Balzac tut etwas Abwechslung Not. Unweit des Maison de Balzac, in der winzigen Rue des Eaux gelegen, lässt sich studieren, wie Wein gemacht wird. In einem Steinbruch, der schon Ende des 15. Jahrhunderts von der Bruderschaft des Couvent des Minimes als Weinkeller genutzt wurde, stellt hier das Musée du Vin in prächtigen Gemäuern vor, was Interessierten sehen und wissen möchten. Nach einem Rundgang lässt sich umso kenntnisreicher einen der speziellen Weine schlürfen.

Zahlreiche kleine Museen liegen fast in Nachbarschaft, ein Zeichen dafür, wie Geschichte und Kultur ihr Füllhorn über ganz Paris ausgeschüttet haben. Dank der Sammelleidenschaft einzelner Mäzene, der Stadt oder des Staates ist die neugierige Nachwelt eingeladen, sich - mit der Qual der Wahl - einiges davon herauszupicken.

Ein ganzes Buch müsste man wohl schreiben, um die ungewöhnlichen Museen und winzigen Kollektionen alle aufzählen zu können. Der Autor Dominique Lesbros, der dies mit "Musées insolites de Paris" (Editions Parigramme) getan hat, muss allerdings einräumen, "dass es trotzdem nicht ohne Auswahl ging". Da sind doch noch die Shorts von Marilyn Monroe ausgestellt, die Badewanne der berühmten Sarah Bernhardt oder ein Dokument von Albert Einstein - und so weiter, und so fort.

Von Hanns-Jochen Kaffsack, gms