Patras Kulturhauptstadt in Zeitnot
Patras - Wer in Patras ankommt, fährt meistens gleich weiter. Mit dem Auto geht es von der Fähre zur Rundreise über den Westpeloponnes oder ins Hotel an einen Strand in der Umgebung. Denn Patras ist auf den ersten Blick eine typische Mittelmeer-Hafenstadt: Hupende Autos stauen sich auf den Straßen, die zu den Anlegestellen der Schiffe hin abfallen und das Zentrum wie ein Schachbrett in Blocks unterteilen. Alte Fassaden, teils beängstigend verfallen, wechseln sich mit schnell hochgezogenen Neubauten aus Beton ab. 2006 lohnt sich aber ein Stopp, denn Patras ist Europas Kulturhauptstadt.
Patras: Kulturhauptstadt 2006
Auf die Frage, weshalb ausgerechnet Patras diese Ehre zuteil wurde, antwortet Alexis Alatsis mit verständnisvollem Lächeln. "Patras hat eine lange Kulturtradition, hier wurde beispielsweise das griechische Schattenrisstheater erfunden und die Geschichte des Karnevals, der vom 21. Januar bis 5. März gefeiert wird, reicht bis in die Antike", erzählt der Programmleiter, der jahrelang als Theaterregisseur in Hamburg arbeitete und auch das Kulturprogramm der Olympischen Spiele in Athen organisierte.
Alatsis sieht den Sinn des Kulturhauptstadtjahres 2006 so: Er will die Kulturszene der drittgrößten griechischen Stadt beleben, die sich im Umbruch vom Industriehafen zum Servicehafen befindet. Traditionen sollen integriert und neue Infrastrukturen geschaffen werden, die von den mehr als 200.000 Einwohnern genutzt werden können. So wird etwa eine alte Papierfabrik aus den sechziger Jahren zur Ausstellungshalle umgebaut. Vom 13. Januar an, dem Tag der Eröffnung des Kulturjahres, ist hier die Schau "Leonardo da Vinci - Wissenschaftler, Erfinder und Künstler" zu sehen.
Die längste von Kabeln gehaltene Brücke der Welt
"Bleiben Sie in Patras, es lohnt sich" - diese Botschaft soll nicht nur durch das künstlerische Programm vermittelt werden, das sich unter anderem mit den Schnittstellen zwischen Musik und Poesie oder mit dem heutigen Blick auf antike Dramen beschäftigt. Die Stadt, die 1200 Hotelbetten bietet, möchte auch sonst entdeckt werden - in ihren Gegensätzen und einem außergewöhnlichen Umfeld: Patras liegt im Dreieck der antiken Stätten Epidauros, Olympia und Delphi. Eine Stunde fährt man zum ehemaligen Orakel über die neue Rio-Antirrio-Brücke, die mit einer Länge von 2250 Metern längste von Kabeln gehaltene Brücke der Welt.
Im Vorort Rio sitzen Urlauber beim Ouzo in Tavernen am Kiesstrand, blicken auf Badende und die Brücke im Hintergrund - vom Lärm der Hafenstadt dringt hierher kein Laut. Auf der Suche nach Stille und Genuss wird man auch in den Kellern des Weinguts Achaia Clauss fündig: Es liegt 15 Minuten Fahrt von der Innenstadt entfernt und wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom bayerischen Einwanderer Gustav Clauss gegründet, der hier die süße Mavrodafni-Traube anpflanzte.
Für ein Menü mit frischem Fisch und einen abendlichen Bummel empfiehlt sich die Rückkehr ins Zentrum: In Hafennähe haben die Tavernen ihre Holzstühle in die Seitenstraßen gestellt und laden den Gast ein, in der Küche auszuwählen - "psari" heißt Fisch auf Griechisch. Wer mehr Rummel mag, findet eine Taverne neben der anderen an der Straße Trion Navarhon, die bis zum Platz des Leuchtturms am Meer führt. Auch dort wird draußen Kaffee serviert.
Renoviertes Amphitheater mit 1800 Plätzen
Wie eine riesige Bühne mit Balkon in Richtung Meer mutet der über der Straße liegende Platz Ipsila Alonia an. Die Palmen in seiner Mitte sind von Cafés und Bars umgeben, er bildet die Grenze zwischen der Unter- und der Oberstadt von Patras. Diese Bezeichnungen kann man wörtlich nehmen: In der Oberstadt, die von einer Schlossruine aus byzantinischer Zeit gekrönt ist, liegen liebevoll restaurierte Stadtvillen.
Die meisten finden sich in der Nähe des römischen Odeions, eines renovierten Amphitheaters mit 1800 Plätzen. In der Unterstadt muss hingegen noch viel in die Sanierung investiert werden - das fällt besonders beim Einkaufen rund um den belebten Platz Platia Georgio auf, an dem auch das Stadttheater liegt.
"Um die historischen Fassaden zu retten, ist extra ein Programm aufgelegt worden - aber man hat viel zu spät damit angefangen", sagt Alexis Alatsis. Der Programmdirektor des Kulturhauptstadtjahres zuckt mit den Achseln, er kennt die Neigung seiner Landsleute, "auf den letzten Drücker" fertig zu werden - das war bei den Olympischen Spielen 2004 so, und beim Kulturjahr 2006 wird es nicht anders sein.
Von Natascha Plankermann, gms