Philadelphia Metropole der brüderlichen Liebe
Philadelphia - An beeindruckenden Hochhäusern, breiten Avenuen und mächtigen Brücken fehlt es Philadelphia nicht. Die Stadt, immerhin die fünftgrößte der USA, hat alles, was urbane Bedeutung verleiht. Und doch fragt sich der Besucher aus Übersee, was nun genau mit Philadelphia anzufangen sei. Dass Philadelphia die Stadt Benjamin Franklins ist, die "Wiege" der unabhängigen Vereinigten Staaten und ehemals eine bevorzugte Adresse für Einwanderer aus Deutschland, entdecken die meisten erst bei näherer Betrachtung.
"Den Menschen, die hier wohnen, geht es gar nicht anders", sagt Amy Polk. Mit weißer Haube und rosa Rüschenkleid leitet die kleine Frau im Auftrag von Centipede Tours Touristen zu den historischen Attraktionen. "Man vergegenwärtigt sich kaum, dass man in einer der geschichtsträchtigsten Städte Nordamerikas lebt."
1682 wurde Philadelphia, griechisch für "Stadt der brüderlichen Liebe", von dem englischen Quäker William Penn an der Mündung des Schuylkill in den Delaware-Fluss gegründet. Koloniale Kirchen, in denen schon George Washington kniete, Stätten der Revolution gegen England, der "deutsche" Stadtteil Germantown - all das fügt sich nicht zu einem aufpolierten Freiluftmuseum, sondern ist Teil des Großstadtalltags.
Zehn Jahr lang war Philadelphia Hauptstadt
Lange schien Philadelphia die Vergangenheit in den Hintergrund geschoben zu haben, und man konzentrierte sich stattdessen auf die aktuellen Probleme einer Millionenmetropole. Während Boston, der andere koloniale Großdarsteller, alles Geschichtliche herausputzte und an jeder Ecke historische Bedeutsamkeit atmet, wurden in Philadelphia Ausfallstraßen, Einkaufzentren und Sportstadien errichtet. Kein Wunder, dass selbst vielen US-Besuchern nicht mehr die "Freiheitsglocke" das Hauptanliegen war, sondern ein Blick auf die Treppe vor dem - grandios bestückten - Kunstmuseum, wo Boxlegende Rocky Balboa im Film seine Kondition trainierte.
Dabei geriet in Vergessenheit, dass Philadelphia zehn Jahre lang Kapitale der jungen Republik war, und damals nach London die größte Stadt der englischsprachigen Welt, mit der ersten modernen freiwilligen Feuerwehr, der ersten öffentlichen Leihbibliothek und einem Swimmingpool für die Allgemeinheit. Letztere Errungenschaften gehen auf das Konto Benjamin Franklins, der als Teenager nach Philadelphia kam und Karriere als Staatsmann, Wohltäter und Naturwissenschaftler machte.
Mittlerweile ist die Geschichtsvergessenheit gewichen. An der historischen Meile Independence Mall wird renoviert und gebaut, um den Zugang zur Vergangenheit zu erleichtern. Doch die Bürger achten darauf, dass ihre Stadt darüber nicht alltagsuntauglich wird. Selbst der Terrorschutz erfährt seine Grenzen: Als die Behörden nach dem 11. September 2001 die alte Independence Hall, in der die Unabhängigkeitserklärung von 1776 unterzeichnet wurde, weiträumig absperrten, formierte sich erfolgreich ein Protest gegen die Barrikaden. Man berief sich auf Franklin: "Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren."
Mit "Lights of Liberty" durch das Stadtzentrum
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Philadelphias Geschichte zu erkunden: Wer es lautstark und bequem mag, setzt sich in eines der Amphibienfahrzeuge von "Duck Tours" und lässt sich an den wesentlichen Orten vorbeikutschieren, einschließlich einer Spritztour durch den Delaware-Fluss. Geführte Fußmärsche von zwei bis vier Stunden bietet beispielsweise Centipede Tours an. Nach Einbruch der Dunkelheit leitet eine Audio-Tour namens "Lights of Liberty" durch das Zentrum, begleitet von Lichtprojektionen auf Häuserwänden. Wer Philadelphia auf eigene Faust erschließen möchte, dem empfiehlt sich als Startpunkt das neue Besucherzentrum an der Independence Mall sein. Neben der Independence Hall sollte auf der Besucherliste unter anderem stehen: die "Freiheitsglocke", ein nationales Symbol der Amerikaner; das jüngst eröffnete National Constitution Center in der Arch Street sowie Carpenters' Hall, wo der Kontinentalkongress der revoltierenden Kolonien tagte.
Wer die deutschen Wurzeln seit dem 17. Jahrhundert ergründen will, sollte die Germantown Historical Society besuchen. Viele Kneipen mit großem Bierangebot können wohl auch dem deutschen Erbe zugeschlagen werden. Die "City Tavern" aus dem 18. Jahrhundert ist zwar nicht deutschen Ursprungs, wird aber heute von dem Deutschen Walter Staib geführt, der Rezepte aus den Tagen Washingtons wiederbelebt hat und "koloniale Biersorten" braut.
Auf den Spuren von Benjamin Franklin
Spuren Franklins gibt es ebenfalls reichlich. Das Postamt, dem er als erster "Postmaster General" der USA vorstand, ist noch in Betrieb. Sein Grab ist auf dem Friedhof der Christ Church in der Arch Street/Ecke 5th zu besichtigen. Sein Haus in Franklin Court an der Market Street steht allerdings nicht mehr. Daran erinnern nur noch ein Balkenskelett und ein Museum.
Auf einer grünen Holzbank unter einem Maulbeerbaum in der Nachbarschaft sitzt aber an schönen Tagen ein Mann, der "Doktor Franklin" verblüffend ähnlich sieht: Ralph Archbold ist nach 30 Jahren als Franklin-Imitator eine Institution Philadelphias. Er plaudert mit Schulklassen über revolutionäre Tage und beglückt Jung und Alt mit 200 Jahre alten Lebensweisheiten seines Ebenbildes.
Von Frank Rumpf, gms