Pontresina Pferdeschlittentaxi ins Hotel
Das Fernsehen kann ganz schön gemein sein. Jedes Jahr, wenn sich im März rund 12.000 Langläufer in den Trubel des Engadin-Skimarathon stürzen, bauen sich die Schweizer Kameraleute besonders gerne da auf, wo ein buntes Durcheinander von purzelnden Skisportlern zu erwarten ist. Auch in Pontresina gibt es solch eine Stelle: Die Bergab-Passage mit Links- und Rechtskurven um die Bäume herum ist für ungeübte Läufer eine echte Herausforderung, der man am besten mit dem Abschnallen der Skier begegnet. Doch dafür entschädigen dann die Loipen im Langlaufzentrum Pontresina durch den wunderschönen Ausblick auf die Gletscher Morteratsch und Roseg.
Pontresina, 1800 Meter hoch gelegener Nachbarort von St. Moritz, befindet sich im Herzen des Langlaufparadieses der Region Engadin. Insgesamt warten dort 225 Kilometer Loipen aller Schwierigkeitsgrade auf die Skater oder die Freunde der etwas gemütlicheren klassischen Technik. In Pontresina selbst gibt es 25,5 Kilometer Strecke von der Renn- bis zur Nachtloipe und die zehn Kilometer lange anspruchvolle Höhenloipe bei der Diavolleza Talstation.
Mit dem Hausberg Piz Languard, der Lagalb und der Diavolezza lockt Pontresina aber auch den alpinen Skifahrer, zumal die berühmten Hänge von St. Moritz und Celerina nur wenige Minuten entfernt sind. Kein Wunder, dass angesichts dieses Angebotes viele Gäste sowohl mit Alpinskiern und Snowboards als auch mit Langlaufbrettern anreisen.
Das Vorurteil, dass Skilanglauf eine eher lahme Sache für all die ist, die es auf den Alpinpisten nicht mehr packen, wird in Pontresina damit ad acta gelegt. Der Grund dafür hat nur einen Namen: Skaten. Nicht nur junge, kräftige Sportler beherrschen die neue Technik: "Meine ältesten Skating-Schüler sind 81 Jahre alt", so Martin Stupan, Leiter der Langlaufschule Pontresina. Einige Skierfahrung vorausgesetzt, kann man bereits in zwei bis sechs Stunden die Grundkenntnisse des Skatings erlernen.
Wie beliebt das Langlaufen in Pontresina ist, zeigt die Tatsache, dass in der Hauptsaison bis zu 15 Lehrer die Schüler über Loipe und Skatingbahn jagen, wobei die Skater mit 60 Prozent schon die Mehrheit stellen. Sechs Franken (umgerechnet rund acht Mark) kostet die Tageskarte für das Loipen- und Bahnennetz im gesamten Engadin.
In Decken gehüllt
Pontresina hat sich die muntere neue Langlauftechnik zu Herzen genommen. Der romantische Ort, der noch viel von einem alten Bündner Dorf mit seinen schönen Verzierungen an den Häusergiebeln bewahrt, hat sich nachhaltig, aber angenehm unaufdringlich modernisiert. Das Kongresszentrum Rondo bildet das neue Herz des Ortes.
Etwas verschlafen wirkte lange die Hotellerie. Es bestand großer Investitionsbedarf, aber es gab kein Geld. Eine hässliche Hotelruine mitten im Ort erinnerte an längst vergangene Zeiten. Zwar gab und gibt es - bestens geführt und auf Top-Niveau - die großen Häuser wie den Kronenhof oder das Hotel Walther. Diese Häuser verlangen allerdings auch eindrucksvolle Preise. Mit dem Teil-Neubau des Hotel Saratz fuhr nun jedoch vor vier Jahren ein frischer Wind durch die Beherbergungsszene von Pontresina - und alle profitierten. Das Saratz öffnet sich auch hausfremden Gästen, sei es für einen Drink in der Kaminbar, für ein Essen oder bei der Hotelbesichtigung für Jedermann.
Nun warten in der vom Dezember bis April dauernden Wintersaison knapp 6000 Betten in 25 Hotels, 820 Ferienwohnungen sowie bei Privatleuten und in der Jugendherberge auf Gäste. Vor wenigen Monaten öffnete das Hotel Allegra, dem die Ruine des lange geschlossenen Hotels Lanquard weichen musste. Für die Skatinggeneraton gibt es hier Internet-Anschluss über den Fernseher und Anschlüsse für das Laptop - Pizokel und Bündner Gerstensuppe muss man in den Restaurants nebenan bestellen, denn das Allegra verzichtet auf eine eigene Gastronomie.
Aber die gibt es in Pontresina und Umgebung reichlich - und meist in Schweizer Qualität. Zu empfehlen sind vor allem die deftigen Bündner Spezialitäten, gerade wenn man etliche Kilometer Loipe in den Knochen stecken hat.
Kenner meinen, dass nichts über eine "Halbzeit" im Gasthof Roseg geht - Halbzeit deshalb, weil man ja eigentlich noch die sieben Kilometer durch das Tal zurück nach Pontresina fahren muss. Es kann aber sein, dass der Anblick des Roseg-Gletschers so betört hat, dass der Langläufer auf der Terrasse, in Decken gehüllt, die Zeit um sich herum vergessen hat. Bevor er sich in der Dämmerung über die Loipe quält, bringt ihn dann das Pferdeschlittentaxi sicher nach Hause.
Informationen Kur- und Verkehrsverein Pontresina , Tel. 0041-81-838 83 00, Fax 0041-81-83 88 310
Frank Heidmann