Porto Santo Madeiras kleine Schwester
Porto Santo - Vor über einem halben Jahrtausend lebte der spätere Entdecker Amerikas auf Porto Santo. Hier heiratete er 1478 Filipa Moniz, die Tochter des portugiesischen Inselgouverneurs. Und hier reifte in ihm die Überzeugung, dass weit im Westen noch Land sein müsse, wenn die Strömung von dort Früchte an den Strand spült. Bei unzähligen Strandspaziergängen wird er darüber nachgedacht haben, bei unzähligen Diskussionen mit Freunden abends beim Vinho Verde unter den Palmen von Vila Baleira.
Die nur 41 Quadratkilometer große Insel ist eineinhalb Flugstunden vom europäischen Festland entfernt. Zweieinhalb Stunden dauert es mit dem Schiff bis zur Schwesterinsel Madeira, zwanzig Minuten mit kleinen Propellermaschinen. Dabei sind die Bewohner Madeiras neidisch auf das, was die kleinere Schwester zu bieten hat: neun Kilometer feinsten Sandstrand, während Madeira ganz ohne Strände auskommen muss. Wie eine riesige Saharadüne, die es über tausende Kilometer hierher geweht hat, zieht sich der Dünenstrand von Ponta da Calheta bis Vila Baleira die Südküste entlang. Vor dem Hause des Columbus mitten im Zentrum von Vila Baleira steht an diesem Nachmittag ein Motorrad. Der Fahrer flirtet eine Straßenbiegung weiter im Café mit den Inselschönheiten. Auf der Parkbank gegenüber schläft ein Mann mit Baskenmütze in der Nachmittagssonne. In sein Gesicht hat das Leben so tiefe Spuren gemeißelt, dass man versucht wäre, ihn nach Columbus zu befragen.Erst das Glockenläuten der kleinen Kirche Nossa Senhora da Piedade reißt in die Wirklichkeit zurück. Das Wohnhaus des Christoph Columbus ist die größte touristische Sehenswürdigkeit der Insel - gründlich restauriert, mit gepflegtem Garten, als wäre der Hausherr erst vor ein paar Minuten fortgegangen, und Palmen wie jenen, unter denen er gesessen und Seekarten studiert hat. Das schwere Gittertor zum Hof ist verschlossen, denn zur Besichtigung geöffnet ist das Anwesen nur offiziell nach festem Zeitplan und inoffiziell, wenn der Wächter gerade Zeit hat. Die Einheimischen kennen es alle, und Touristen kommen außerhalb der sommerlichen Hochsaison nicht viele: eine Insel der Stille, Urlaub ohne ein Pflichtprogramm aus Sehenswürdigkeiten, ohne Zeitdruck, ohne Gedränge und ganz ohne Animation. Eigentlich müsste man die Armbanduhr gleich bei der Ankunft am Flughafen abgeben, denn der Tag wird hier nicht in Stunden und Minuten gemessen, sondern nur nach Anfang und Ende.
Rückwärts rumpelt ein Touristen-Jeep aus der schmalen Altstadtstraße in Vila Beilara heraus und schrammt dabei haarscharf an den mal weiß, mal türkis, mal hellblau gekalkten Hauswänden vorbei. Der alte Mann auf dem Stuhl vor seiner Veranda kennt das schon, lächelt gütig und irgendwie ein bisschen ironisch. Voller Gottvertrauen zieht er nichtmal die Füße ein, wenn der Wagen an ihm vorbeibrummt: "Wird schon gutgehen" denkt er sich wahrscheinlich - wie hunderte Male zuvor. Zwei, dreimal am Tag wiederholt sich das Szenario vor seiner Haustür in der Saison: immer dann, wenn Touristen per Leihwagen auf Inselerkundung gehen und seine Straße "ausprobieren". Auf Porto Santo fehlen sämtliche Sackgassen-Schilder: kein Hinweis darauf, dass die Piste wieder vor einer Mauer endet, kein Zeichen dafür, dass sie nach der nächsten Kurve aufs Meer trifft oder nur in den ersten Berg entlang der Route ein Tunnel gesprengt wurde, nicht aber in den zweiten. Wahrscheinlich dachte man sich, die Insel sei so klein, dass man sowieso auf jedes Sackgassen-Schild verzichten könnte. Und eigentlich ist diese Überlegung auch nicht von der Hand zu weisen.
Die schroffen Berge der Ostküste, die Spitzen des Pico do Macarico, des Pico Branco und des Pico do Concelho, um die herum sich schmale Serpentinenstraßen winden - sie sind die Gipfel von Atlantis. Die letzten Erhebungen des vor Jahrtausenden versunkenen Kontinents, die noch aus dem Wasser des Atlantik ragen.
Davon jedenfalls ist die Engländerin Heather Woods Krohn überzeugt, die in einer umgebauten Windmühle auf der Insel lebt und jede Sage kennt, die man nur hören möchte. Sogar von einer geheimnisvollen Mauer weiß sie, die angeblich auf dem Grund des Atlantiks von Porto Santo bis zu den Bahamas verläuft. Von magischen Stellen, geheimnisvollen Erdströmungen auf der Insel. Die schrullige alte Lady mit dem englischen Humor ist vor zwanzig Jahren nach Porto Santo gezogen und hat sich daran gewöhnt, dass ihre Freunde aus England und Amerika nichts mit dem Namen der Insel anfangen können und sich hilflos über eine Weltkarte beugen.
Auf der Visitenkarte der ehemaligen Fernseh-Korrespondentin steht deshalb als Adresse "Porto Santo/near Island of Madeira". "Man muss den Menschen einen Anhaltspunkt geben" sagt sie schulterzuckend und freut sich gleichzeitig: "Die Landschaft hier ist afrikanisch. Die Mentalität ist nicht Afrika, nicht Europa, sondern schlicht einmalig. Ein neues Jahrtausend? Na und! Wichtiger ist doch, in welcher Bar es den besten Kaffee gibt!" Heather verdammt den ewigen Wind, der vor allem in den Wintermonaten gnadenlos über das fast baumlose Eiland peitscht als wollte er die Ziegen von den Weiden reißen. Sie verdammt die schmalen, holperigen Straßen, die vielen Sackgassen - und doch liebt sie die Insel mit ihren nur 5000 Einwohnern, von denen jeder jeden kennt und viele irgendwie miteinander verwandt sind: "Wir sind wie eine große Familie."
Jedes Jahr im Herbst wird es eng im kleinen Hafen von Vila Baleira. Dann tummeln sich dort die geistigen Nachfahren von Christoph Columbus: Segler am Ausgangspunkt ihrer Atlantik-Überquerung, Yachten mit Kurs auf die Karibik. Sie warten auf die Entwarnung der Meteorologen und das Ende der Hurrikan-Saison an der gegenüberliegenden Atlantikküste. Die Zeit vertreiben sie sich damit, bunte Bilder auf der grauen Kaimauer zu hinterlassen und mit dem Namen ihres Schiffes zu signieren. Bevorzugte Motive: Palmen, Sonnenuntergänge, Szenen vom süßen Nichtstun. Alles, wozu Porto Santo die richtige Inspiration liefert.