Potsdamer Seen Sowjetstern aus roten Geranien
Potsdam - Am Nordrand von Potsdam erholen sich die Berliner vom Großstadtleben. Im Frühling spazieren sie durch die weitläufigen Parkanlagen, im Sommer legen sie sich ins Gras oder nehmen ein Bad im klaren Wasser. Die Idylle ist nur 30 Minuten per Auto oder S-Bahn vom Zentrum Berlins entfernt. Auch Touristen können sich an einem verlängerten Wochenende in der Hauptstadt im Grünen eine Atempause verschaffen.
Eigentlich aber ist Potsdams grüne Seite einen Kurzurlaub wert. Zum Wasser hat man es nirgends weit, der nächste See liegt meist unmittelbar vor der Tür. Das Zentrum der Potsdamer Seenlandschaft ist dabei die Havel. Oberhalb der Glienicker Brücke, die als Ort des Agentenaustauschs im Kalten Krieg in Erinnerung geblieben ist, weitet sie sich zu einem breiten Becken, auf dem man segeln oder rudern kann. Westlich schließen sich Jungfernsee und Heiliger See, südlich Glienicker Lake und Tiefer See an, bis der Fluss sich dann wieder verengt und mitten durch Potsdam weiter nach Süden mäandert.
An einem schönen Sonntag, wenn halb Berlin mit Kühltaschen, karierten Decken und Luftmatratzen anrückt, kann es vor allem auf den Liegewiesen an Jungfernsee und Heiligem See und an den Badestellen entlang der Havel eng werden. Dann fühlt man sich wie im Freibad, die Radios plärren, die Kinder schreien, und der Geruch von Grillwurst wabert durch die Luft. Aber selbst an solchen Tagen gibt es immer noch genügend Platz für eine ruhige Wanderung - zum Beispiel durch den Neuen Garten zwischen Pfingstberg und Heiligem See.
Sentimentaler Landschaftsgarten
Das 74 Hektar große Areal ist außerhalb Berlins ein Geheimtipp und nicht annähernd so überlaufen wie zum Beispiel Schloss Sanssouci und Potsdams Innenstadt. Ein Rundgang dauert etwa zwei Stunden und führt vorbei an historischen Bauten und einer schönen Parklandschaft. Der Neue Garten wurde im späten 18. Jahrhundert auf einem alten Obst- und Weinanbaugelände angelegt. Man hatte sich hier tatsächlich in der Rebenzucht versucht, die Resultate waren wegen der nördlichen Lage aber buchstäblich nicht berauschend. Deshalb entschloss sich Preußens König Friedrich Wilhelm II., Neffe und Nachfolger von Friedrich dem Großen, einen "sentimentalen Landschaftsgarten" in Auftrag zu geben.
Im Gegensatz zum im französischen Stil durchkomponierten Park Sanssouci seines strengen Vorgängers wollte der gut im Futter stehende und von seinen Untertanen "Dicker Wilhelm" genannte König es für "seinen" Garten lockerer angehen lassen. Er bestellte eine Anlage nach englischem Vorbild: naturbelassen und leger. Dazu wurden hier und da historisierende Gebäude eingestreut, wie die klassizistische Orangerie, deren Seiteneingang von einer Sphinx und ägyptischen Säulen bewacht wird. Wie ein Ägypten an der Havel wirken auch andere Ecken: der Obelisk vor dem würfelartigen Gartenschloss des "Dicken Wilhelm", dem Marmorpalais. Oder die Pyramide mitten im Garten, die als Eiskeller zur Kühlung von Speisen und Getränken diente.
Der Gartenrundgang beginnt am besten nicht an seinem Eingang im Süden, sondern am nördlichen Ende. Bei schönem Wetter kann man sich dort zunächst in der ehemaligen Meierei von 1791 stärken, in der heute eine Brauerei mit Terrassenrestaurant untergebracht ist. Das Bier ist gut, und der Blick auf den Jungfernsee wunderbar.
Cecilienhof im Tudorstil
Gleich um die Ecke liegt zudem das jüngste und wichtigste Bauwerk des Gartens: Cecilienhof, die dritte bedeutende Schlossanlage der Region neben Sanssouci und Charlottenhof. Cecilienhof ist ein Jagdschloss und wurde 1913 im englischen Tudorstil als Domizil des Kronprinzen errichtet. Bekannt wurde das Gebäude aber als der Ort, an dem die Siegermächte 1945 das "Potsdamer Abkommen" unterschrieben. Es führte zur Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen.
Im von Efeu berankten Innenhof des Schlosses ist ein großer Sowjetstern aus roten Geranien gepflanzt, das wirkt seltsam vor dem so eindeutig englischen Gebäude mit Holzgiebeln und gemauerten Torbögen. Aber dieser optische Widerspruch lässt nachempfinden, welch erstaunlichen Verlauf die deutsche Geschichte gerade hier genommen hat: von den Preußenkönigen über die Alliierten bis zum Kalten Krieg.
Tritt man aus Schloss Cecilienhof heraus unter die Eichen des anliegenden Gartenareals, ist man wieder mitten in der Idylle. Nach Osten wandert man zum "Grünen Haus", einem ehemaligen Winzerhaus.
Direkt daneben befindet sich eine beliebte Liegewiese, von der im Sommer mancher Sonnenbadende zur Abkühlung auch direkt in den Heiligen See hüpft, obwohl das Baden hier untersagt ist. Wer sich an die Regeln halten und dennoch aus der Landpartie einen Badeurlaub machen will, findet aber auch genügend Gelegenheiten im weiteren Verlauf der Havel nach Süden, zum Beispiel rund um Caputh.
Abstecher zum Pfingstberg
Weiter südlich im Garten führt der Weg an der Pyramide und dem Marmorpalais vorbei, bis man schließlich zum Eingangsbereich gelangt, an dem sich wie in Potsdams Zentrum eine holländische Mustersiedlung befindet. Von hier aus mit einem Schwenk zurück zum Ausgangspunkt im Norden. Wer sich noch frisch fühlt, kann durch das Albrechtstor, kurz hinter der Pyramide, und das Mirbachwäldchen einen Abstecher zum Pfingstberg machen.
Vom Gebäude Belvedere auf der Spitze des Hügels bietet sich der wohl beste Panoramablick über die Potsdamer Park- und Residenzanlagen. Westlich liegt der Buga-Park, das Überbleibsel der Bundesgartenschau 2001, südlich Sanssouci und Charlottenhof - viele Möglichkeiten also für weitere Erkundungstouren in dieser grünen Welt vor den Toren Berlins.
Von Frank-Daniel Jagdt, gms