Promi-Protest gegen Heathrow: Gemüse gegen Flieger - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Promi-Protest gegen Heathrow Gemüse gegen Flieger

Heathrow soll eine dritte Landebahn bekommen - aber jetzt landen Umweltschützer einen Coup, der alle Pläne durchkreuzt: Sie haben Land erworben, das für den Ausbau gebraucht wird. Prominente wie die Schauspielerin Emma Thompson drohen damit, auf ihrer Parzelle einzuziehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

London - Der Pilot, der eilig seinen Rollkoffer durch die Halle zieht, schüttelt amüsiert den Kopf. "Was ist denn hier los?", fragt er einen Polizisten. Der schaut selber ungläubig auf die Invasion im Terminal 1 des Londoner Flughafens Heathrow. Kostümierte Gestalten ziehen in einer Polonaise vor den Check-in-Schaltern entlang, auf dem Fußboden sitzen Menschen mit Tupperdosen und picknicken, als säßen sie irgendwo im Grünen und nicht unter dem kalten Neonlicht der Abfertigungshalle.

"Stop airport expansion" ist auf ihren T-Shirts zu lesen, andere tragen Schärpen mit dem Slogan "Trains, not planes". Ab und zu brechen sie in Sprechchöre aus: "No third runway" - keine dritte Landebahn.

Mittendrin hüpft Tamsin Omond wie ein Gummiball umher. Die 24-Jährige steckt hinter diesem "Flash Mob", der am Montagabend den nüchternen Flughafen für anderthalb Stunden in eine Zirkusarena verwandelt hat. Die Gründerin der Aktivistengruppe "Climate Rush" ist eine der Hauptfiguren im Kampf gegen den Ausbau von Europas größtem Airport. "Wir werden die Regierung stoppen", sagt sie atemlos.

Es ist die Woche der Entscheidung. Alles deutet darauf hin, dass das Kabinett von Premierminister Gordon Brown den Bau einer dritten Landebahn und eines sechsten Terminals beschließen wird. Die Zahl der Flüge soll bis 2030 von 480.000 auf 720.000 pro Jahr steigen. Sonst könne Heathrow im Wettbewerb der globalen Drehkreuze nicht mithalten, warnt der Airport-Betreiber BAA. Es geht nicht um England-Touristen, sondern um das Interkontinentalgeschäft mit Durchreisenden zwischen Amerika, Europa und Asien.

Kein Unterricht mehr möglich

Anwohner und Umweltschützer laufen Sturm. Sie wollen nicht hinnehmen, dass vor ihrer Haustür der Umsteigeplatz der Welt entsteht. Seit Jahren leidet der Westen Londons unter dem Moloch Heathrow. "In manchen Schulen ist kein Unterricht mehr möglich", erzählt eine 69-jährige Anwohnerin aus Chiswick. Ein neuer Bericht des Bürgermeisters Boris Johnson kommt zu dem Schluss, dass Lärm und Luftverschmutzung schon jetzt grenzwertig seien. Mit dem Ausbau würden die Emissionen ins Unzumutbare steigen.

Der Widerstand ist gewaltig und trägt die Merkmale einer echten Bürgerbewegung. Die konservativen Tories kämpfen Seite an Seite mit den Grünen und Greenpeace, auf der anderen Seite stehen die Industrie, die Gewerkschaften und die Labour-Regierung. Die Landebahn-Gegner wollen lieber in den Aufbau eines Schnellzug-Netzes nach dem Vorbild des deutschen ICE oder französischen TGV investieren. Sie fordern eine neue Zugverbindung vom Londoner Eurostar-Bahnhof St. Pancras über Heathrow bis nach Manchester und Leeds, die großen Städte in Englands Norden.

Omonds Leben dreht sich seit einem Jahr um den Widerstand gegen Heathrow. Als das Parlament über den Ausbau debattierte, war sie eine der Aktivisten, die auf das Dach der Houses of Parliament kletterten und ein Transparent entrollten. Der Flughafen sei mit Abstand der größte Luftverschmutzer Großbritanniens, sagt sie. Durch die dritte Landebahn würden die CO2-Emissionen von 17 Millionen auf 28 Millionen Tonnen pro Jahr steigen. Wer den Klimawandel bekämpfen wolle, müsse daher mit Heathrow beginnen.

Emma Thompson will Gemüse züchten

British-Airways-Chef Wille Walsh kontert, bis die dritte Landebahn in Betrieb sei - angepeilt ist 2020 -, würden Flugzeuge 55 Prozent weniger Kohlendioxid ausstoßen. Doch das Klima-Argument leuchtet vielen Briten ein. Unter Führung von Greenpeace haben eine Reihe von Prominenten Land auf der geplanten Landebahn gekauft, um die Baupläne zu stoppen. Neben lokalen Politikern hat auch die Schauspielerin Emma Thompson eine Parzelle erstanden. "Wir werden das verhindern, und wenn wir einziehen und Gemüse anpflanzen müssen", sagt sie.

Der Comedian Alistair McGowan, der unter anderem durch seine Parodien von David Beckham und Tony Blair bekannt wurde, sagte, der Ausbau Heathrows sei so, als würde "Gordon Brown eine Riesenfackel an die Polkappen halten und sagen: 'Schmelzt, schmelzt'".

Ein Jahr hat Greenpeace den Coup vorbereitet. "Wir haben vorgegeben, ein Refugium für Esel zu bauen", sagte ein Sprecher laut "Guardian". Die Parzellen sollen an möglichst viele Leute in möglichst vielen Gegenden der Welt verkauft werden, damit der Rückkauf für BAA langwierig und teuer wird. Bis zu 4000 Menschen könnten am Ende das Land in der Größe eines halben Fußballfelds besitzen. Allerdings könnte Greenpeace sich auch zu früh gefreut haben. Laut "BBC News" gibt es eine gesetzliche Regelung, mit der solche taktischen Landkäufe für illegal erklärt werden können.

Der Premierminister scheint jedenfalls wild entschlossen, die Sache durchzuziehen. "Brown wird sich nicht umstimmen lassen", sagt Alistair Lucocq beim Protest-Picknick im Terminal 1. "Wir haben eine Rezession, und wir brauchen jeden Job. So denkt er."

Bis zu 65.000 neue Arbeitsplätze versprechen sich die Gewerkschaften von dem Bauvorhaben – eine Verlockung für jeden Labour-Politiker. Doch die Kosten sind hoch. Ein ganzes Dorf müsste der Landebahn weichen. Und die Anwohner glauben nicht, dass dies die letzte Expansion wäre. "Sie machen immer weiter", sagt eine ältere Frau im Terminal 1. "Sie werden auch noch einen siebten Terminal wollen." Deshalb sei es jetzt höchste Zeit, eine Grenze zu ziehen. Sie war schon auf mehreren Protestveranstaltungen. Einmal seien sie rund um den Zaun von Heathrow marschiert, erzählt sie. Ein anderes Mal hätten die Demonstranten ein großes "No" auf einem Rollfeld geformt.

Auch nach der Entscheidung der Regierung, die diese Woche fallen soll, wird der Widerstand daher weitergehen. Beobachter prognostizieren ein jahrelanges Tauziehen. Londons Bürgermeister Johnson, ein bekannter Tory, hat bereits angekündigt, gegen den Ausbau vor Gericht zu ziehen. Omond ist überzeugt: "Die Regierung wird Ja sagen. Aber gebaut wird die Landebahn nicht."

Mehr lesen über