Pubs Last orders, please
Das Ende der "Pub Laws" ist eine Zeitenwende auf der Marotten-verliebten Insel. Tony Blairs Labour Party verspricht den Briten nach der Wahl unbegrenzte Pub-Freuden und leitete damit die radikalsten Veränderungen der vergangenen 40 Jahre ein.
Die rigiden Ausschankzeiten sind ein Relikt ferner Tage, als England gegen Deutschland in den Krieg zog. Die Regierung David Lloyd George fürchtete um die Rüstungsproduktion, sollten die Arbeiter zu lange sumpfen. So führte man in der Downing Street nicht nur einen Krieg gegen Deutschland, sondern gedachte auch einen gegen die Trunksucht zu gewinnen.
Diese Schlacht allerdings ging gründlich daneben: Wenn die Glocke auch kurz vor halb zwölf Uhr schlägt, bedeutet dies noch lange nicht das Ende des Bieres. Schnell noch ein, zwei auf Reserve bestellt - das ist normal. Drei, vier, fünf Pints sind die Hard-Core-Version. Das nahezu kohlensäurefreie und magenfreundlich temperierte Bier kann man schließlich in einem Zug austrinken. Die Gläser stapeln sich auf den nassen Tischen - verkauft werden darf nichts mehr, getrunken werden schon.
Sturzbäche an Ale und Stout fließen in die durstigen Kehlen, um halb elf Uhr macht der Landlord seinen Laden endgültig zu. Dann stehen alle auf der Straße, voll, frustriert oder auf der oft vergeblichen Suche nach Taxi, Bus oder weiteren Drinks. So wird es jetzt auch die Polizei freuen, wenn die Freisetzung An- und Betrunkener entzerrt wird. Die Gastwirte sehen der Aufhebung der Öffnungszeiten mit gemischten Gefühlen entgegen, die lieb gewonnenen festen Arbeitszeiten sind damit wohl perdu.
Und damit - neben dem klar geregelten Aufenthalt von Kindern im Etablissement - die strikten Regelungen, in Zukunft soll jeder Gastwirt selbst entscheiden, wann genug ist. Pubs sind eine Institution, an der bisher alles vorüberging, ein Kontinuum im Rausch der Veränderung - und nun so etwas!
Pub ist die Abkürzung von Public Bar, ursprünglich einer Schänke für die untersten gesellschaftlichen Schichten: einfache, rustikale Einrichtungen, harte Stühle. Besser - wenngleich teurer - sind und waren die Salon Bar, die Lounge Bar oder gar die Private Bar. Diese Einteilung datiert in die Zeit zurück, in der das Standesbewusstsein in England noch höher als heute war und vor allem auch gelebt wurde. Heutzutage haben die Unterschiede kaum noch eine Bedeutung. Im Gegenteil: Wohl nirgendwo sonst im klassenbewussten England treffen gegensätzliche Menschen intimer und selbstverständlicher aufeinander als in einem Pub.
Nicht selten, dass der Banker im Business-Chic und der Straßenarbeiter bei einem Pint angeregt über das letzte Ergebnis im Sport diskutieren. Dass Börsenyuppie und Punk einträchtig nebeneinander stehen und ihr Bier trinken. Hoffnungslos überfüllt sind die Pubs zur Mittagszeit, Kontakte garantiert. Moralisten und Abstinenzler, Wirtschaftskrise und Fernsehkrimi haben diese Grundfeste des englischen Alltags nicht erschüttern können: Die Biertheken der Pubs sind immer noch die neutralen Ecken der britischen Klassengesellschaft - neben der Bank of England genauso wie mitten im Dartmoor.
Viele dieser Pubs sind uralt, manchmal pumpen die Landlords das Bier wie seit Jahrhunderten mit der Hand aus den Fässern im Keller: sämig, weich und ganz schön warm. Auch das Umfeld in den Pubs stimmt. Die Einrichtung ist meist ebenso alt wie der Pub, Gegenstände aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind keine Seltenheit. Wenn das trübe Licht eines nassen Herbsttages durch die geschliffenen und mattierten Glasfenster - die vielleicht schon zu Zeiten Queen Victorias angefertigt wurden - fällt, erhellt dies nicht nur den Pub, sondern auch die Seele des Biertrinkers.
Ein Pub hat allerdings mehr zu bieten als nur Bier: Dies ist nicht einfach nur Kneipe, sondern eine Institution. Seit Jahrhunderten die uneinnehmbare Festung britischer Freizeitgestaltung, in der jeder andere Gast gern gesehen ist. Sofern er sich, gerade derjenige vom Kontinent, an die Regeln hält. Völlig daneben: Hineingehen, "Bier!" brüllen, sich an den Tisch setzen und warten. Man holt es sich am nassgepladderten Tresen ab, zahlt dort sofort und lässt auf keinen Fall Trinkgeld liegen!
Nichts ist verpönter, als laut durch den Laden zu rufen, um dann generös zwei Pence - das Bier kostet grundsätzlich krumme Summen - zu spendieren. Außerdem bestellt man nicht einfach "ein Bier" - das ist unhöflich. Sondern gibt sofort Menge und die Sorte an, also: half a Pint of bitter oder a Pint of Lager, die Bestellung wird grundsätzlich mit einem "Please" beendet. Dann steht den Freuden in der Public Bar nichts mehr im Weg. Vielleicht ergibt es sich - das ist gar nicht selten -, dass Bands spielen oder improvisiert Musik gemacht wird.
Während draußen ein verregneter Tag dahinzieht, herrscht im Pub bei einem prasselnden Kaminfeuer, dem gedämpften Stimmengewirr, der verrauchten Luft eine gemütliche und entspannte Atmosphäre - zumindest solange, bis der Wirt laut, deutlich und vor allem unumstößlich sein "Last order, please!" oder "Please, Gentlemen, time!" ruft. Aber Moment, das war ja früher. "Gentleman, two more Pints Stout, please!" Klar gekontert. Sonst bleibt hoffentlich alles beim Alten!