Regattenstadt Kiel: Seh-Fahrt auf der Förde - DER SPIEGEL
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Regattenstadt Kiel Seh-Fahrt auf der Förde

Auch wenn momentan die Segelwelt zum America's Cup nach Valencia blickt: Für Segelregatten in Deutschland ist Kiel die erste Adresse. Ende April beginnt die Saison – und im Sommer kämpfen auch hier die großen Yachten um einen Platz auf dem Treppchen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kiel - Wer in Kiel aus dem Zug steigt, landet fast schon mit einem Fuß im Hafen. Durch das Kaiserportal am Ostflügel, das zur Jahrhunderwende eigens für den Besuch Kaiser Wilhelms II. gebaut wurde, gelangen ankommende Reisende direkt ans Wasser. Der Hafen an der Förde ist gewissermaßen das Herz der Stadt. Hier machen Skandinavien-Fähren und Kreuzfahrtschiffe fest. Dazwischen tummeln sich Yachten und kleine Sportboote von Freizeitskippern, die es sich nicht nehmen lassen, bis in die Stadtmitte zu kreuzen.

"Kiel heißt Leben am Wasser, auf dem Wasser, im Wasser und mit dem Wasser", sagt der pensionierte Marineoffizier Dieter Hartwig, der Touristen als Stadtführer die Stadt zeigt. Dabei geht es in Kiel allerdings unübersehbar in erster Linie ums Segeln. "In Kiel ist unheimlich viel los", sagt Dieter Wolf vom Seglerverband Schleswig- Holstein - vor allem, was das Regatta-Leben angehe.

Kabine mit Aussicht auf der Kieler Förde

Rund 2300 Liegeplätze stehen in den städtischen Häfen zur Verfügung, sagt Michael Braun von den Sporthäfen Kiel. Dazu kommen noch mehr als 400 Plätze für Jollen an Land. Auch in den Orten entlang der Förde gebe es einige hübsche Häfen, zum Beispiel in Strande oder Laboe, sagt Dieter Wolf. "Kiel ist für Fahrtensegler ein idealer Ausgangspunkt." Auf einem Wochenendtrip können Eckernförde oder die Schlei angesteuert werden.

Die Förde selbst sei auch ein beliebtes Segelrevier, sagt Wolf. "Man hat immer etwas für die Augen, seien es Kreuzfahrtschiffe oder Fähren." Das Revier sei überschaubar und geschützt, das Ufer stets in Sichtweite: "Es ist besonders reizvoll, wenn es draußen ruppig ist."

Nicht nur deshalb wird das Revier als Austragungsort für zahlreiche Regatten genutzt: "Kiel zählt zu den bedeutenden deutschen Seglerstädten", sagt Hans Sendes, Sportdirektor des Deutschen Segler-Verbandes in Hamburg. Für die Olympischen Spiele 1972 sei in Kiel-Schilksee eine hervorragende Infrastruktur geschaffen worden. "Von der profitieren heute noch die Veranstalter von großen Segelevents."

Im Sommer ist es in Kiel fast unmöglich, nicht Zeuge einer Regatta zu werden. Von Mitte April an liefern sich Skipper mit verschiedenen Bootsklassen fast wöchentlich Rennen. Die erste große Regatta ist das MAI Offshore Race Ende April. Spektakulär sind die Rennen der America's-Cup-Yachten beim German Sailing Grand Prix im August. Sie treten in Sichweite des Innenstadtbereichs vor der Reventlouwiese in so genannten Matchraces, also Boot gegen Boot, an.

Zum 125. Mal Kieler Woche

Das größte Segelereignis in Kiel ist aber die Kieler Woche vom 16. bis 24. Juni. "Wenn man die Meldezahlen der großen, internationalen Regatten vergleicht, steht die Kieler Woche tatsächlich weltweit auf Platz eins", sagt Hans Sendes. Das Großevent findet in diesem Jahr zum 125. Mal statt. Wie jedes Jahr wird in der ganzen Stadt gefeiert. Die Regatten beginnen gleich am 16. Juni. Einer der Höhepunkte ist die Windjammerparade am Samstag.

Wer zur Kieler Woche in einem der Stadthäfen festmachen will, muss allerdings auf sein Glück vertrauen. "Wir nehmen keine Reservierungen mehr an", sagt Michael Braun. Notplätze "im Päckchen", also an einem anderen Boot festgemacht, seien möglicherweise noch zu haben. Sicherer ist es aber, die Stadt vom Land aus zu besuchen.

Denn auch mit festem Boden unter den Füßen wird klar, warum sich Kiel als Segelstadt sieht. Ein Spaziergang am Westufer der Förde gleicht einer maritimen Geschichtsstunde. Ganz im Innern der Förde, in der Hörn, haben Jollen und Kutter aus dem 18. und 19. Jahrhundert im Museumshafen festgemacht. Vorbei an den großen Fähren am Schwedenkai geht es dann zum Schifffahrtsmuseum. Ist das Wetter zu schön für einen Besuch in der alten Fischhalle, lohnt zumindest ein Besuch der Museumsbrücke. Hier haben der Seenotrettungskreuzer "Hindenburg", das Feuerlöschboot "Kiel" und der Tonnenleger "Bussard" festgemacht und können besichtigt werden.

Besuchermagnet Gorch Fock

Hinter dem Ostseekai beginnt die "Kiellinie", wo Segelbegeisterte an mehreren Sporthäfen vorbeiflanieren und die dort liegenden Yachten bewundern können. Dort ist auch das "Camp 24/sieben" stationiert, wo im Sommer Segelkurse auf kleinen Optimisten für Kinder angeboten werden. Eines der imposantesten Schiffe finden Urlauber allerdings einige Kilometer außerhalb vom Stadtzentrum - wenn es sich gerade die Ehre gibt: Im Tirpitzhafen macht die Dreimastbark "Gorch Fock" fest, wenn das Segelschulschiff der deutschen Marine nicht auf Ausbildungstörn ist.

Die Förde lässt sich gut vom Wasser aus erkunden - und das auch ohne Segelschein. So können Tagesfahrten auf Traditionsseglern oder Segeltörns auf America's-Cup-Yachten gebucht werden. Günstiger ist allerdings die Einzel- oder Tageskarte der Förde-Fähre, auf der Touristen bis nach Laboe, Schilksee oder Strande schippern können. In Laboe lohnt der Besuch des Marineehrenmahnmals mit historischer Ausstellung oder das Kunstmuseum. Das Olympiazentrum in Schilksee ist zwar keine architektonische Schönheit, vom Strand neben dem Yachthafen gleitet der Blick aber dafür weit über die Fördemündung.

Im Sommer laden überall an der Förde kleine Strände zum Baden ein, so zum Beispiel in Heikendorf und Möltenort. Hier können Familien die Sonne bis in die Abendstunden genießen. In Stadtnähe liegt die Seebadeanstalt in Höhe des Kieler Yacht Clubs am Ostufer. Bei warmen Temperaturen lohnt ein Ausflug auf den Radwegen entlang der Förde - oder am Nordostseekanal. Etwa fünf Kilometer von Holtenau an der Mündung in die Förde entfernt kann man in einer Obstplantage auf dem Gut Warleberg einkehren, so der Tipp von Dieter Hartwig. "Das Obsthofcafé ist zwar etwas rustikal." Doch dafür könne man bei Kaffee und Kuchen einen herrlichen Blick über den Kanal genießen - und natürlich auf die Schiffe, die in Kiel einfach nie fehlen.

Annika Graf, gms