Reisehorror: Vergangenheit hat keine Eile - DER SPIEGEL
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Reisehorror Vergangenheit hat keine Eile

Als SPIEGEL-ONLINE-Leser Henrik Zorn von einen Tag auf den anderen von seiner Frau verlassen wurde, entschloss er sich von jetzt auf gleich zur Reise ohne Ziel. Sie wurde zur wohl unnötigsten Strapaze seines Lebens.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war an einem wunderschönen Sommertag, und ich saß frühmorgens am Gate des Münchner Flughafens, gebucht für Rom. Ich flog, obgleich ich Zeit hatte und Vergangenheit bekanntlich keine Eile hat. Ich tat so, als sei ich offen für allgemeine Fragen und blätterte gelassen in einer Tageszeitung.

Der Flug hatte Verspätung infolge eines Triebwerksschadens. Mein Ablenkungsfluss geriet ins Stocken, denn plötzlich war es möglich, sich das Ganze noch einmal in Ruhe zu überlegen. Was sollte ich in Rom, wo nicht einmal ein reserviertes Hotelbett auf mich wartete?

Ich schaltete nun doch einmal mein Handy ein, das ich zuvor lässig ausgeknipst hatte, und rief meine Frau an: "Ich stehe am Flughafen." Doch statt sich besorgt nach meinem Reiseziel zu erkundigen, erwiderte sie nur sachlich: "Viel Spaß." Also freute ich mich wenigstens über einen Fensterplatz. Allein: Ich saß direkt am Flügel, wenn die sommerliche Landschaft unten interessant zu werden versprach, verschwand sie denn auch gleich wieder unter dem starren Profil.

Neben mir saß ein hektischer Geschäftsmann aus dem Niederbayerischen und stank nach Schweiß. Mir war nicht nach Gespräch zumute, und so tat ich, als ob ich schliefe. Zum Essen wurde Kaffee serviert. Eine kleine Ungeschicklichkeit, und die halbe Tasse ergoss sich über meine Hose. Langsam glaubte ich, ich sei in einem Film.

In Rom angekommen, regnete es in Strömen. Die Hotelreservierung hatte nur ein Zimmer in einem Billig-Hotel im Angebot. Oder aber eines für ein halbes Monatsgehalt. Schließlich ging es jetzt nur noch darum, eine Bleibe zu haben.

Dann war kein Taxi zu bekommen, und ich drängelte mich mit meinem unnötig vielen Gepäck durch die Menschenmassen. Kein Busfahrer kannte mein Hotel, irgendwann endete ich am Bahnhof, und nahm von dort aus ein Taxi, dessen Taxameter nicht funktionierte. Der Fahrpreis erschien mir römisch.

Ich ging essen mit mir selbst. In dem Restaurant, das mir empfohlen worden war, wurde ich erst lange nicht bedient, dann brachte der Kellner den falschen Wein und ein kaltes Gericht, ich sah es ein: ein Film, zwar mit Geruch, aber ein Film. Dies alles konnte mir einfach nicht passieren. Nicht so.

Das Hotel war schäbig, wie ich es erwartet hatte. Die Matratze durchgelegen, ein öliger Geruch durchzog den Raum. Die Minibar war leer und der Fernseher kannte nur zwei Lautstärkestufen: stumm oder Saal-Lautstärke.

Natürlich konnte ich nicht schlafen. Als ich es dann doch tat, weckte mich das leidenschaftliche Paar von nebenan. Ich hielt mir die Ohren zu, um nicht auf der Stelle verrückt zu werden.

Am nächsten Morgen reiste ich wieder zurück nach Hause. Als ich in München ankam, war mein Koffer nicht mitgekommen. Ich erhielt deshalb einen Gutschein für das Nötigste.

Auf dem Weg in die Wohnung überfuhr ich eine rote Ampel und wurde geblitzt. Allmählich hatte ich Spaß am Unglück. Zu Hause angekommen, klingelte auch sofort das Telefon: Im Büro lief alles drunter und drüber. Ob ich wohl meinen Urlaub abbrechen könnte. Ich war richtig glücklich über diese Nachricht.