Rom: Carpe Noctem
Roms Nachtleben "Süß ist es auszurasten"
Paolo trägt nichts, nur ein paar Socken. Er rekelt sich im Kunstnebel, der über die kleine Bühne wabert. Über ihm lässt eine eingeölte Blonde ihren Hintern kreisen, rotiert tiefer und tiefer, hinein in den rot angeleuchteten Dunst, grinst ins Publikum und setzt sich auf Paolos bestes Stück. Höfliches Klatschen. Für 70 Euro Eintritt - Kondome kosten extra - bekommt man fast alles im Swingerklub "Why not".
Zwei weitere Männer bittet die "Tänzerin" auf die Bühne, dann eilen die aufgeheizten Paare in den Keller, wo fünf dunkle Zimmer auf sie warten, mit Betten groß wie Hochsprungmatten. "Sie hält den Rekord", sagt der Besitzer des Klubs, ein Grauhaariger mit Haifisch-Grinsen, und zeigt auf eine Dame, die an der Bar lehnt: "15 Männer in knapp drei Stunden. Ihr Gatte hat zugeschaut."
Das "Why not" in der Via dei Quattro Cantoni ist der einzige Sexklub weit und breit, im Bezirk Monti, nur wenige Straßen vom Kolosseum entfernt. Genau hier lag einst die Subura, das berüchtigte Armen- und Vergnügungsviertel des antiken Rom. Hier drang aus düsteren Kaschemmen das Gegröle der Betrunkenen, hier berauschten sich Tagelöhner am Wein der Billigschänken, hier warteten in schwülen Hinterzimmern die Dirnen, ein Beischlaf kostete so viel wie zwei Laibe Brot.
Für fast alles gibt es in Rom steinerne Zeugen. Das Pantheon erzählt vom Reich der Götter, das Trajansforum von der Ruhmsucht der Kaiser, die Engelsburg von der Macht der Päpste. Doch wer heute durch die Gassen der einstigen Subura streift, hört die Rollkoffer der Touristen rattern. Bordelle sind in Rom seit 1958 verboten, Privatklubs werden misstrauisch beäugt, um zwei Uhr beginnt im Zentrum die offizielle Sperrstunde. Was wurde aus dem derben Treiben der alten Römer? Wie dekadent sind ihre Nachfahren?
Bußgeld für zu kurze Röcke
Wer das Erbe der Subura sucht, muss hinausfahren, gen Süden, vorbei an den Caracalla-Thermen, die Via Cristoforo Colombo entlang, bis die Fahrbahn sechsspurig wird, bis Bürotürme und Werbetafeln die Straße säumen. Bis am Seitenstreifen Gestalten wie Samantha auftauchen.
Auf High Heels stolziert sie, die eigentlich ein Er ist, vor einer Tankstelle auf und ab, die Taille mit einer Korsage abgeschnürt, die Silikonbrüste groß wie Pampelmusen. 1999 kam Samantha aus Venezuela, seither verkauft sie ihren Körper auf dem Transvestitenstrich. "Läuft ganz gut", sagt sie, "aber du kannst das nur machen, wenn du dich frei fühlst." Sie deutet auf ihr Stückchen Freiheit, einen silberfarbenen BMW, geparkt am Seitenstreifen.
Geschätzte 60.000 Damen warten an den Ausfallstraßen Roms auf Freier, sie kommen aus Rumänien, Nigeria, Brasilien, viele von ihnen sind Dienerinnen höchst zwielichtiger Herren. Aber das Bordellverbot kippen, die Prostitution zurück in die Sicht- und damit Kontrollierbarkeit holen? Undenkbar in der Stadt des Papstes. Stattdessen verhängte Roms neofaschistischer Bürgermeister Gianni Alemanno für Samanthas Gewerbe jüngst ein Bußgeld bei zu kurzen Röcken: Damit die Autofahrer auf die Straße schauen, nicht auf nackte Schenkel.
Die Dirnen der Antike trugen transparente Kleider, sie warteten im Zentrum Roms auf Kundschaft. Jeder durfte sehen, wenn ein Bürger das Bordell betrat. Die Mächtigen bestellten sich Prostituierte in ihre Privatpaläste, genau wie heute, und auf dem Esquilin luden Patrizier zu Gelagen, die mehrere Nächte dauern konnten. Sie ließen sich eisgekühlten Wein aus Kannen mit phallusförmigen Tüllen einschenken, rekelten sich auf Speisesofas, auf denen sie liegend gebackene Schweinezitzen, Flamingozungen und safttriefende Feigen vertilgten. Mit Zahnstochern aus duftendem Mastixholz erfrischten sie ihren Mund, ehe sie sich auf die Lippen junger Knaben stürzten.
Spanische Tänzerinnen ließen ihre lasziven Hüften kreisen und geilten die Gäste ohne Ende auf, notierte der Dichter Martial. Und der Schmähschreiber Catull drohte einem unliebsamen Nebenbuhler, er werde ihn "bei angewinkelten Beinen und offenem Pförtchen mit Rettichen und dickköpfigen Fischen durchbohren".
Sex als Geschenk der Götter
In den ersten, kriegerischen Jahrhunderten nach der Reichsgründung waren auch im alten Rom die Sitten streng: Kinder wurden von ihren Eltern verheiratet, ein Mann durfte seine untreue Frau und ihren Liebhaber töten. Doch im zweiten Jahrhundert vor Christus eroberte Rom das griechische Reich, die Sitten lockerten sich. Homosexualität und Knabenliebe kamen in Mode, genau wie die Liebesheirat. Scheidungen wurden erleichtert. Auch Frauen durften verführen, "erlangten eine solche Autonomie und Freiheit, wie sie erst wieder ab den siebziger Jahren herrschte", schreibt der italienische Autor Alberto Angela.
Sex galt als Geschenk der Götter, eine Gabe von Venus, der Schirmherrin der Liebe, des Verlangens, der Schönheit. Es war wichtig und richtig, viel Sex zu haben, und lustvoll musste er sein, weil man nur so gesunde und kräftige Kinder zeugen könne. Außereheliche Ausschweifungen waren gang und gäbe, aber nur mit Sklaven, Freigelassenen, Ausländern. Sich daheim mit einer Prostituierten vergnügen, während nebenan die Gattin stickt? Kein Problem. Ein Tête-à-Tête mit der noblen Nachbarin? Niemals! Schließlich hätten dabei erbberechtigte Nachkommen gezeugt werden können.
Und noch eine Regel gab es: Männer durften Oralverkehr zwar empfangen, aber unter keinen Umständen ausüben. Der Mund galt als etwas Vornehmes, das Organ des freien Bürgers, eingesetzt zum sozialen Austausch, zum Halten großer Reden. Einen Senator des Cunnilingus, der Fellatio beschuldigen? Die gröbste aller Beleidigungen.
"Wir sind die Schönsten der Welt!"
Eine Federboa fliegt durch die Luft. Männer mit Perücken und in samtenen Kleidern pressen ihre Münder aufeinander, bis der Lippenstift verschmiert. Sie tanzen eng umschlungen im Stroboskopgeflacker und versinken im Meer aus Schweißgeruch und nackter Haut. Auf drei Etagen spannt sich ein Labyrinth aus Treppen und Feuertüren, aus verspiegelten Wänden und dunklen Gängen, die auf die Tanzflächen führen, zu Theken und Darkrooms, wo Zungen sich in fremde Rachen schieben. Die "Muccassassina" ist die schrillste Schwulenparty der Stadt, seit über zwei Jahrzehnten.
Auf der Bühne im Erdgeschoss fallen fünf Tänzer vor einer Dragqueen auf die Knie. Sie züngeln nach den Schuhen der Diva, kneifen den Hintern zusammen, lassen unter Latexhosen ihre Muskeln spielen. Sie springen auseinander, starren ins Publikum und streichen sich den Schweiß von der rasierten Brust.
Der Beat setzt aus. Stille.
Die Menge vor der Bühne wartet auf den Refrain, auf ihre Hymne: "Siamo i più belli del mondo" - wir sind die Schönsten der Welt. Als wate er durch Hochwasser, trägt ein Halbnackter ein Tablett mit Wodka über die Köpfe der Tanzenden. Sie singen sich heiser und küssen sich wund.
Rausch der Orgien und Lustgelage
Hier, in den Hallen der Großraumdisco "Qube" lebt er fort, der Rausch der Orgien und Lustgelage. "Dulce mihi furere est", schrieb Horaz: Süß ist es auszurasten.
Lange mussten sich die Schwulen von Rom verstecken. Erst 1989 schlossen sie sich offiziell zusammen, das Büro lag gleich am Petersdom. Diego Longobardi war damals einer der Aktivisten, heute organisiert er die "Muccassassina". Dass in seiner Stadt ein älterer, aus Deutschland zugezogener Herr lebt, der gegen die Homo-Ehe wettert, bringt ihn zum Lachen. "Als ob es im Vatikan keine schwulen Priester gäbe", sagt er. "Manche kommen sogar auf unsere Party." Natürlich inkognito und ohne Talar. Schließlich darf man sich auf keinen Fall erwischen lassen. Pech hatte ein Bischof, der in einem Schwulenrestaurant in der Via della Madonna del Riposo dahinschied und vor aller Augen hinausgetragen wurde. "Zu den zwei Päpsten" hieß das Lokal.
Der berühmteste Kampftrinker der Antike hieß Torquatus Novellius, er schaffte angeblich neun Liter verdünnten Wein in einem Zug. Vor Alkohol-Gelagen würfelten die alten Römer einen magister bibendi aus, den Trinkleiter. Er mischte den Wein und durfte bestimmen, wer wie viele Gläser kippt. Von Männern, die "keuchend zu riesigen Gefäßen greifen", berichtet der römische Geschichtsschreiber Plinius. "Als wollten sie ihre Kräfte zeigen, alles in einem Zug in sich hineinschütten, um sich anschließend zu erbrechen, dann wieder zu trinken und das zum zweiten oder dritten Male zu wiederholen, als ob es ihr Lebenssinn wäre, den Wein zu vertilgen." Komasaufen im alten Rom.
Zum gezielten Absturz in die Backpacker-Kneipen
Der Römer von heute zecht nicht, er genießt, er trifft sich in Weinbar, Osteria, Pizzeria und betrinkt sich eher beiläufig als systematisch. Wer den gezielten Absturz will, geht in die Touristenkneipen, zum Beispiel ins "Drunken Ship" am Campo de' Fiori, wo sich Backpacker, Austauschstudenten und junge Römer im Delirium vereinen.
Draußen belagern drei Studentinnen aus Wisconsin, in der Hand Plastikbecher voll Bier, einen jungen Dänen. "Amazing!", kreischen sie, als er sie fragt, wie sie das Kolosseum finden. Drinnen rinnt Bier von den Tischplatten, und an der Bar, wo es eng und stickig ist, wandern Männerhände auf Mädchenhintern. Die Kellner zapfen wie Maschinen, 500 Liter Bier fließen hier jeden Abend aus dem Hahn.
Hemmungsloses Trinken, Bordellbesuche? Das waren akzeptierte Laster bei den alten Römern. Als weitaus verwerflicher galt das Glücksspiel. Aleator, Würfelspieler, war ein Schimpfwort. Das Zocken um Geld betrachtete man als sittenwidrig, moralisch anstößig, weil es Streit und Gewalt beförderte. Und Selbstbeherrschung und Würde zerstörte, hohe Tugenden eines römischen Bürgers.
Die lex aleatoria, Roms erstes Anti-Würfel-Gesetz, stammt aus dem dritten Jahrhundert vor Christus. Wer beim Spielen erwischt wurde, dem drohte Bergwerksarbeit und Gefängnis. Es nützte nichts. In einem fort kreiste in den Hinterzimmern und Palästen der Würfelbecher. Selbst Kaiser Augustus galt als spielsüchtig, an einem einzigen Tag soll er 200.000 Sesterzen verloren haben - den Gegenwert von 100 Sklaven. Kaiser Didius Iulianus begann beim Einzug auf den Palatin, "während die Leiche seines Vorgängers Pertinax noch drinnen lag, sich vollzufressen und mit Kumpanen Würfel zu spielen", klagte ein Senator.
Zwölf Bier, zwei Teams, ein Tischtennisball
Und heute? Spielkasinos sind in Rom verboten. Die alte Leidenschaft scheint aber unausrottbar. Also weicht der Römer aus. Ins Internet. In Wettbüros, wo man auf Pferde oder Fußballmannschaften setzen kann. In Daddelhallen oder Bingokneipen. Und die kleinen Leute, die den Kick brauchen, den wohldosierten, kaufen sich am Kiosk ein Rubbellos.
Im "Drunken Ship", der Absturzbar am Campo de' Fiori, werden Trinkspiele geboten. Zwölf Becher Bier, zwei Teams, ein Pingpongball. Bei wem der Ball im Becher landet, der muss das Bier auf ex hinunterstürzen. Gian Luca lockert sich, spuckt in die hohle Hand und zielt. "Vai, vai, vai!", schreien seine Jungs und trommeln gegen die Tischplatte, bis das Bier aus den Bechern schwappt. Er kneift das linke Auge zu, geht in die Hocke, springt nach oben - und verfehlt. Die Gegner peilen, werfen - platsch! Ein Treffer. Gian Luca fischt den Ball aus seinem Bier, setzt an, schluckt. Nach sechs kleinen Bechern hat er verloren und kapituliert. Torquatus Novellius bleibt außer Konkurrenz.
"Blow Job, pleaaase", keift da schon eine blondierte Britin. Der Barkeeper pariert, schmiert mit Sprühsahne einen Phallus auf ein Holzbrett, stellt ein Glas Cremelikör daneben und reicht das Gedeck über den Tresen. Die Blondine schürzt die Lippen und zutscht die Sahne vom Holz. Die Menge grölt.
Wie einst in der Subura.
Aus dem "Geo Special"-Heft "Rom" 2/2011