Russland: Wallfahrt nach Sagorsk - DER SPIEGEL
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Russland Wallfahrt nach Sagorsk

Nur 70 Kilometer nordöstlich von Moskau liegt das bedeutendste Wallfahrtszentrum der russisch-orthodoxen Kirche: Sergijew Posad, ehemals Sagorsk. Das Kloster, um 1350 vom Mönch Sergius gegründet, ist eines der vier "Lawra" des Landes - gewöhnliche Kloster heißen in Russland schlicht "Monastyr".
Von Hilke Maunder
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Unablässig braust der Verkehr an der hohen Mauer entlang. Dahinter liegt ein Idyll der Ruhe: das Troiza-Sergius-Kloster. Vom 14. bis 18. Jahrhundert auf einem Plateau der Mittelrussischen Ebene errichtet, lockt das Kloster der Einsiedler heute die Besucher an. Den schönsten Blick auf die Anlage bietet sich von der Aussichtsplattform auf dem Blinnaja-Berg: Umschlossen von einer 1370 Meter langen Mauer aus weißem Stein streben unzählige Zwiebeltürme, Dome und Kuppeln in Blau und Gold in den Himmel.

Zugang zum Gelände gewährt das Heilige Tor, bekrönt von der Nadvratnaja-Kirche. Der Kaufmann Grigorij Stroganow finanzierte 1693 den Bau dieser Torkirche, die nach einem Brand erst 1974 wieder aufgebaut wurde. Im Durchgang erzählen Fresken vom Leben und Wirken des Klostergründers Sergius von Radonesch. Seine sterblichen Überreste ruhen im ältesten und wichtigsten Kirchenbau des Klosters, der Troiza (Dreifaltigkeits)-Kathedrale von 1422.

Ein schwerer goldener Lüster mit schlanken elektrischen Kerzen wirft fahles Licht auf strahlende Juwelen der Klosterkunst. Bis unter die Decke sind die Wände mit Ikonen bedeckt - 42 Werke alter russischer Meister. Das leuchtende Relief in Gold, das der Kirche ihren Namen gab, schuf 1420 der wohl berühmteste Meister der Ikonenkunst: Andrej Rublew. Bordüren aus Rubinen, Saphiren und Smaragden schmücken die goldenen Gewänder von Vater, Sohn und Heiligem Geist; ein Feuerwerk funkelnder Edelsteine umgibt ihre Häupter - kostbare Kronen der wahren Herrscher. Nur die Hände, Füße und Gesichter sind schlicht schwarz.

Das Original der Dreieinigkeits-Ikone hängt seit 1929 in der staatlichen Moskauer Tretjakow Galerie, im Kloster ist aus Sicherheitsgründen nur die Kopie zu sehen. Ebenfalls aus der Werkstatt Rublews oder von Meistern seiner Schule stammt eine weitere Ikone: die mehr als zwei Meter hohe Zarentür.

Den Höhepunkt seiner Macht erreichte Sagorsk im 17. Jahrhundert. 120.000 Leibeigene arbeiteten damals hier im "Namen des Glaubens". Zur Regierungszeit Iwans des Schrecklichen entstand nach dem Vorbild des Moskauer Kremls der monumentalste Bau auf dem Gelände: die Uspenski-Kathedrale, auch "Auferstehungs-" oder "Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale" genannt. Unter den fünf Türmen ruht im Innern ein Ikone, die den letzten Höhepunkt dieser alten russischen Kunst markiert: das "Letzte Abendmahl" von Simon Uschakow.

Eine Bischofsmütze, über und über mit Perlen und Edelsteinen in Blütenmustern besetzt, gehört zu den schönsten Schätzen, die das Klostermuseum zeigt. Sämtliche Reliquien und zeremonialen Gegenstände scheinen sich in Reichtum und Schönheit überbieten zu wollen. Finanziert wurden sie häufig von den regierenden Zaren. Besonders Boris Godunow war Sagorsk sehr verbunden. Farbige Miniaturen und filigran verzierte Buchseiten erinnern an eine zweite Klosterkunst: Die Mönche waren Meister der Illustration. Im 15. Jahrhundert schufen die Schreiber und Maler der Handschriftenwerkstatt von Sagorsk sogar eine eigene Schule der Buchschrift.

Nicht nur die geistlichen, auch die weltlichen Gebäude des Klosters beeindrucken in ihrem überladenen Prunk. Eine Galerie von Säulen, umsäumt von farbigen Ranken aus Stein, schmücken die schachbrettartig gemusterte Fassade der Trapeznaja. Der riesige Saal im Innern des Refektoriums - ein 510 Quadratmeter großes Gewölbe, opulent ausgemalt mit biblischen Motiven und Szenen aus dem Klosterleben - war feierlichen Anlässen vorbehalten. Direkt neben dem Speisesaal liegt die Sergius-Kirche, die beheizbare Winterkirche.

Die Zarengemächer entstanden Ende des 17. Jahrhunderts, das schlichte Spital mit der Spitalkirche einige Jahrzehnte zuvor. Wenngleich Sagorsk besonders im Sommer eher wie ein Freilichtmuseum wirkt, so ist das Kloster bis heute Zentrum des Glaubens. Der Patriarch von Russland hat hier seinen Sitz; ebenso das Priesterseminar von 1742. Rund 700 junge Männer studieren hier an der 1814 gegründeten Moskauer Geistlichen Akademie, aus der die russisch-orthodoxe Kirche ihren Nachwuchs rekrutiert. Ihr religiöser Alltag ist auch für Besucher allgegenwärtig. Die schwarz gekleideten Mönche nutzen jede Gelegenheit zum Gespräch, meditieren in Gegenwart von Frauen, die Ikonen küssen oder beten.

Aus der Duchowskaja (Heiligengeist-) Kirche dringen leise mehrstimmige Hymnen und Gesänge herüber. Weihrauch liegt in der Luft. Still lauschen die Besucher den tiefen Stimmen. Der Gesang ist ein gefragter Exportartikel. Mehrmals jährlich treten die Mönche aus Sagorsk weltweit bei Konzerten auf. Ihre CDs mit geistlichen Sängen sind Standards im Sortiment.