Salzburg: Riss im Hausrock - DER SPIEGEL
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Salzburg Riss im Hausrock

Ende Juli sind wieder Mozart-Festspiele – in einem Salzburg, das inzwischen das ganze Jahr über mit großen Veranstaltungen lockt. Ob das noch viel mit der Stadt gemein hat, die Alexander Humboldt zu den fünf schönsten der Welt zählte? Eine Bestandsaufnahme.
Von Herbert Rosendorfer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Salzburg ist das Bayreuth derjenigen, die Richard Wagner nicht mögen. Salzburg ist vor allem der Inbegriff von Musik für alle, die Mozart mögen. Mozart aber mochte Salzburg nicht, er hasste Salzburg, und über den Mozart-Rummel in Salzburg hätte er wahrscheinlich gesagt: "G'schieht ihm recht, dem Ratzenloch." Dabei unterscheidet Salzburg von Bayreuth, dass jenes, also Salzburg, auch eine beachtliche Stadt mit Einwohnern ist, Bayreuth aber im Bewusstsein weiter Kreise als temporärer Hort von singenden Helden und Bösewichten gilt, außerdem als Wohnsitz der Familie Wagner, wobei nicht einhellige Meinung darüber besteht, ob deren Mitglieder zu diesen oder jenen zählen.

Zwar sind die Festspiele in Salzburg deutlich jünger als die von Bayreuth, aber als Stadt ist Salzburg, das schon in ferner prähistorischer Zeit besiedelt war, unvergleichlich viel älter und hat Bayreuth voraus, dass Kelten sich hier niederließen, also Verwandte von Tristan und Lohengrin, und von ihnen, man möchte fast meinen, in Vorgriff auf Mozart, "Sitz der Götter" genannt wurde.

Noch lang bevor die Salzburger Festspiele die seit dem Untergang des alten Fürsterzbistums nur noch dahindämmernde österreichische Provinzstadt ins globale Society-Bewusstsein schob, hatte der weltkundige Wilhelm von Humboldt konstatiert, dass er dieses Salzburg zu den fünf schönsten Städten des Erdkreises zähle. Über die anderen vier, die Humboldt meinte, herrscht Unklarheit, Wanne-Eickel ist nicht dabei, das Humboldt allerdings nicht gekannt hat. Humboldt hat Salzburg so erlebt, wie es viel später Bruno Walter (oder war es Stefan Zweig?) mit "Salzburg im Hausrock" umrissen hat, also die Stadt außerhalb der Festspiele, ohne Fremde sowie Touristen: Stille Getreidegasse, man kriegt im "Tomaselli" ohne weiteres einen Platz, die Portionen im Gasthaus sind größer und billiger, durchs Herbstlaub ist der Blick vom Park des Mirabell auf Festung und Dom ein optisches Märchen … hat doch, fällt einem ein, schon Wilhelm von Humboldt gesagt …

Raus aus dem Rock

Aber es wird alles getan, um Salzburg den Hausrock auszuziehen. Die von Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal und vor allem von Max Reinhardt erfundenen und nach dem Ersten Weltkrieg – wenn der Ausdruck trotz der meerfernen Lage Salzburgs erlaubt ist – vom Stapel gelaufenen Festspiele überziehen die Stadt praeter propter von Ende Juli bis Ende August. Nach langem Grübeln kam dem bekannt hektischen Karajan, einem gebürtigen Salzburger, die verblüffend einfache Idee, die in der Hausrock-Zeit dahinschlafenden Festspielstätten auch zu Ostern zu nutzen und ließ also Osterfestspiele veranstalten.

Entsprungen in den Kitzbühler Alpen, plätschert die Salzach von Süden kommend an ihrer schönsten Hafenstadt vorbei. Salzburg ist dem Strom zugewandt, die Altstadt wurde nah am Wasser gebaut

Entsprungen in den Kitzbühler Alpen, plätschert die Salzach von Süden kommend an ihrer schönsten Hafenstadt vorbei. Salzburg ist dem Strom zugewandt, die Altstadt wurde nah am Wasser gebaut

Foto: Arthur F. Selbach

Die Bresche war geschlagen, der Riss im Hausrock nicht mehr zu flicken. Pfingstfestspiele waren dann nicht mehr zu verhindern. Mozartwochen, Adventsingen, Christkindlmarkt, Allerseelen-, Weinlese-, Muttertagsfestspiele werden folgen. Den Hausrock haben sich die Touristen für’s ganze Jahr übergezogen.

Aber es wäre ungerecht, das alles nur als Deformation der Stadt zu betrachten. Wenn auch Schickeria die Festspiele umnetzt und sich hinterher in der Oper langweilt – "O dear, hat Traviata kein happy end?" –, sind doch die Festspiele ein musikalisches Weltereignis der Handelsklasse A obere Grenze, und die wirklichen Musikfreunde und Kenner sind dann auch in den kleineren, feineren Konzerten im Mozarteum zu finden, in den Mozartmatineen oder in den geistlichen Konzerten im uralten Stift St. Peter.

Wer es vermag, über den Trubel und das Großgemäule hinwegzusehen ("Als erstes gehen wir immer zu Lanz, da erfährt man, wo jetzt ein Sechzehnender steht", "Oh nein, die Netrebko soll auch nicht mehr das sein, was sie einmal war"), wird die ganze Stadt von Musik klingend erfahren. Und letzten Endes hat der ganze Rummel der alten Stadt doch weit weniger geschadet, als man befürchten musste. Die prallvoll mit Touristen gefüllte Getreidegasse ist noch nicht geplatzt.

Stilsichere Kirchen und überirdische Gärten

Stilsichere Kirchen, überirdische Gärten

Was Humboldt bewogen haben mag, sein ehrendes Prädikat der Stadt Salzburg zu verleihen, ist entweder nicht überliefert oder die Fundstelle in seinen Werken ist noch nicht aufgetaucht, oder er hat es überhaupt nicht gesagt, was auch nichts ausmacht. Was hat nicht Goethe nicht alles nicht gesagt, was man ihm aber doch nachsagt. So Genies haben selbst mit dem Recht, was sie nie gesagt haben.

Foto: Tourismus Salzburg GmbH

Was also mag Humboldt bewogen haben? Die zwar zufällig, aber doch so ungemein malerisch, dem Prinzip des Hingewürfelten folgenden angeordneten Kirchen? Die sich außerdem jeweils stilsicherer Treffgenauigkeit, was Romanik, Gotik, Barock anbetrifft, befleißigen? Die unglaublich wirkungserbauliche Festungssilhouette, namentlich gegen den Sonnenuntergang gesehen? Oder das Café "Tomaselli", das es, im Gegensatz zum Nockerl zu Humboldts, ja sogar zu Mozarts Zeiten, schon gegeben hat? Oder die Tatsache, dass der Salzburger Erzbischof, auch wenn er nicht Kardinal ist, Kardinals-Scharlachrot trägt?

(Dies allerdings erst seit, am Alter der Stadt gemessen, kurzer Zeit, seit 1452 nämlich). Der Zwergerlgarten, jene barocke Unverfrorenheit des Spottes über Missgebildetete? Oder die, entgegen weit verbreiteter Meinung nicht von Mozart, auch nicht von Vater Leopold erfundene Mozartkugel? (Über deren Originalherkunft die wissenschaftlichen Konfiseriegeschichtlichen Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind).

Der überirdisch schöne, dennoch blütenirdische Mirabellgarten mit dem Schloss, das ein eleganter Fürsterzbischof namens Wolf Dietrich von Raitenau hat erbauen lassen, und zwar für eine ihm nahe stehende oder besser nahe liegende Dame namens Alt, welche aber jung und mit dem bereits Ruchlosigkeit ausatmenden Vornamen Salome geschmückt war? Möglicherweise erfreute sie den Kirchenfürsten schon damals mit dem Tanz der sieben Schleier, der in der Neuzeit nur noch drüben im Festspielhaus am Ende der Oper "Salome" vorgeführt wird.

Wahrscheinlich hat sich alles das, soweit es schon vorhanden war (also die Nockerl nicht, auch nicht die Mozart-Kugeln), und die anderen Sinnesumschmeichelungen, über die Salzburg verfügt, in Humboldts Beurteilungsmaßstab verfilzt und gemeinsam das unsterbliche Lob hervorgebracht … – denn was hat schon Goethe über Salzburg gesagt? Nein, Goethe hat nichts über Salzburg gesagt, weil er schändlicherweise nie hier war. Er hat das bitter bereut, denn seine letzten Worte waren: "Mehr Licht", was immer falsch geschrieben wird, denn Goethe wollte sagen: "Mer (= mir auf Frankfurterisch) liecht (= liegt)" und konnte nicht fortfahren "… daran doch noch Salzburg zu besuchen, von dem ja Humboldt sagt …"

Unwirklicher Charme zwischen den Welten

Was macht, um zur Ernsthaftigkeit zurückzukehren, aber für einen, der solches wie oben schreibt, kein Salzburger ist, fast aber seinen Ruhestandsort dorthin verlegt hätte, seit über einem halben Jahrhundert die Festspiele besucht und eine fast vollständige Sammlung von Tondokumenten des "Je-där-maann"-Schreies hütet, denn aber nun heute den Charme dieser Stadt aus? (Um es gleich zu sagen: das mit der Jedermann-Schrei-Sammlung stimmt nicht, das andere schon.)

Was macht den unvergleichlichen, stets anziehenden, über alle Schrecknisse des Jetset-Rummels hinweghebenden Charme dieser Stadt aus? Ihre Unwirklichkeit. Sie schwebt zwischen den Welten. Sie ist zutiefst österreichisch, aber ist nicht "Wien". Ihre Stadtgrenze ist die Grenze zu Deutschland – sie ist deutsch, gehört aber doch nicht dorthin. Aber ihr scharlachrot gekleideter Bischof ist, wenn auch die Diözesangrenzen längst bereinigt sind, immer noch offiziell "Primas von Deutschland". Sie ist eine vom Fremdenverkehr geprägte, von ihm – im Wesentlichen – lebende Stadt, aber darunter lebt oder darüber erhebt sich eine so zarte wie zähe Schicht des Privaten.

Einer der ganz bedeutenden Söhne der Stadt ist der Dichter Georg Trakl, der im Übrigen einige der schönsten, wenngleich melancholischen Hymnen auf die Stadt verfasst hat. Trakl ist früh gestorben, 1914 mit 27 Jahren. Als seine Bedeutung schon längst erkannt war, als er bereits sowohl in die Höhen des literarischen Heroentempels als auch in die Niederungen germanistischer Sekundärliteratur eingegangen war, konnte man an einer Haustür in einem Gebäude gleich hinter dem Café Glockenspiel eine Klingeltafel sehen und darauf ein schlichtes Blättchen mit den Buchstaben: TRAKL. So einfach ist das.

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