Schleswig-Holstein: Weltmusik im Stall - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schleswig-Holstein Weltmusik im Stall

Zwitschernde Schwalben, gackernde Hühner: Beim Schleswig-Holstein Musik Festival kriegen die Künstler manchmal unerwartete Mitstreiter. Die Veranstalter suchten diesmal nach besonders ausgefallenen Spielstätten - vom Freilichtmuseum bis zur U-Boot-Werft.
Von Emanuel Eckardt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schleswig-Holstein ist berühmt wegen seiner herrlichen, großrahmigen Holsteiner Pferde und schwarzbunten Rinder, für frische Luft und erträglich heiße Sommer. Und es ist zugleich eines der europäischen Zentren klassischer und neuer Musik. Das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) ist mit über 130 Konzerten jährlich eines der größten Musikfestivals in Europa. 1985 von Justus Frantz, dem quecksilbrigen Pianisten, Dirigenten und Musikmanager, mit dem damaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel im Kieler Schloss gegründet, bringt es seit 1986 Sommer für Sommer Schlösser, Ställe und Scheunen zum Klingen.

Die Stadt Kiel ist nicht nur Keimzelle dieser inzwischen unverwechselbaren Sommerfestspiele, sondern auch Schauplatz vieler Höhepunkte des Programms, vor allem im Kieler Schloss. Das einst bedeutende Bauwerk der Renaissance wurde bis auf den Westflügel leider völlig zerstört, die aus den sechziger Jahren stammenden Ersatzbauten ragen eher unansehnlich ins Stadtbild. Aber es zählen die inneren Werte. Der Konzertsaal mit seinen 1200 Plätzen gilt als idealer Spielplatz für hochklassige Pianisten. Die Gastspiele von Swjatoslaw Richter im Schloss sind Legende. Martha Argerich kommt gern, sie mag die Atmosphäre, die Intimität, die Nähe zum Publikum, und auch Oscar Peterson gastierte hier mit seinem Quartett.

Unter Pianisten gilt übrigens als ausgemacht, was Kiel vielen deutschen Musikmetropolen, einschließlich Berlin, voraus hat: die selten gewordene, geradezu vom Aussterben bedrohte Spezies kompetenter Musikkritiker. Dazu gehören Christian Strehk und Michael Struck, zwei Musikwissenschaftler, die für die Kieler Nachrichten schreiben. Sie berichten natürlich auch über das Festival und seine Highlights, die an teilweise recht ungewöhnlichen Schauplätzen stattfinden. Die Petruskirche, die seit langem ausschließlich als Konzerthalle genutzt wird, genießt den Ruf einer fantastischen Akustik und wird gern für Liederabende genutzt.

Geigen in der U-Boot-Werft

Das Festival bucht aber auch ungewöhnliche Spielstätten wie die Sparkasse Kiel oder die "Halle400", eine zum Veranstaltungszentrum umgebaute ehemalige U-Boot-Werft an der Hörn. Im Freilichtmuseum Molfsee nahe Kiel flaniert das Konzertpublikum zwischen historischen Bauernhäusern, Windrädern und frei laufenden Hühnern und Schweinen. Die Winkelscheune zählt zu den romantischsten Konzertsälen der musikalischen Sommerfrische. Eine halbe Autostunde von Kiel entfernt, eingebettet in einen der schönsten Landstriche nördlich der Holsteinischen Schweiz, liegt das Herrenhaus Salzau beim Selenter See. Es gehört der Kulturstiftung des Landes und ist das musikpädagogische Herzstück des Festivals.

Jedes Jahr erhalten junge Musiker aus aller Welt die Chance, mit erfahrenen Dozenten, darunter Solisten der Berliner Philharmoniker, der Münchner Philharmoniker oder des NDR-Sinfonieorchesters, Werke der großen Orchesterliteratur zu erarbeiten, intensiv zu proben und mit berühmten Dirigenten, allen voran Christoph Eschenbach, aufzuführen. Eine Jury wählt die jungen Musiker aus einer internationalen Bewerberschar. Jeder Teilnehmer erhält vom Schleswig-Holstein Musik Festival ein Stipendium, das Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung abdeckt.

1987 hat der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein die Orchesterakademie des SHMF auf Schloss Salzau gegründet. Sein Sohn Alexander besuchte kürzlich das Herrenhaus am Selenter See und war beeindruckt von der konzentrierten Arbeit an frischer Landluft. Zwei Monate lang wehen Klänge durch die hohen Säle des Schlosses, erklingt hinter jeder Hecke, unter jedem Baum Musik. Das Landgut misst 4000 Hektar, genug für rund 120 junge Musiker, einen Platz zum Üben zu finden. Sie schlafen im Schloss und in angrenzenden Gebäuden in Mehrbettzimmern, hören Vorträge zu den Orchesterprogrammen, können ein therapeutisches Beiprogramm in Anspruch nehmen und wachsen unter der Anleitung berühmter Dirigenten zum Schleswig-Holstein-Musik-Festival-Orchester zusammen.

Meisterkurse in Lübeck

Die Aufführungen in der großen Konzertscheune, im ehemaligen Schafstall, im Schloss oder im angrenzenden Park gehören zu den Höhepunkten des Sommers in Salzau. Im Anschluss an das Festival unternimmt das Orchester Konzertreisen ins In- und Ausland. Zu den musikpädagogischen Großtaten des Festivals zählen auch die Chorakademie und Meisterkurse in der Musikhochschule Lübeck, in denen erfahrene Lehrer mit talentierten Nachwuchskünstlern zusammentreffen.

Dort hat auch die Stiftung Schleswig-Holstein Musik Festival ihren Sitz. Sie versammelt neben Politikern einen honorigen Kreis von Professoren, Intendanten, Wirtschaftsführern und Komponisten. Vorstandsvorsitzender der Stiftung, Direktor und seit 2002 alleiniger Intendant des Festivals ist der Jurist und diplomierte Chordirigent Beck, der zugleich beim Norddeutschen Rundfunk den Bereich Orchester und Chor leitet. Rolf Beck – und nicht etwa Kurt Beck, wie Landesvater Peter Harry Carstensen ihn auf einem Festakt in Berlin vorstellte. Die Versprecher des Ministerpräsidenten sind eine schöne Tradition. Als er in Kiel als neuer Regierungschef zum ersten Mal das Festival eröffnete, erwähnte er lobend all die "großen Kommunisten", deren Werke diesmal zu hören seien.

Charakteristisch für das Schleswig-Holstein Musik Festival sind auch die Beiräte, jene zahlreichen, rührend bemühten ehrenamtlichen Helfer, die Kuchen backend, Kaffee kochend und Platz anweisend zum Gelingen beitragen. Sie sind aber auch zum Totschlag bereit, wenn ein hochsensibler Künstler wie der Cellist Heinrich Schiff sich von einigen hundert Stallfliegen gestört fühlt. Die Sopranistin Christine Schäfer hatte sichtlich Mühe, das Konzert der Schwalben zu ignorieren, das sie mit ihrem Gesang offenbar noch beflügelte, und wenn auf dem Gelände der Howaldtswerke in Kiel die Möwen schreien, stört das zwar die Musik, fördert aber den Eventcharakter.

Ungarn ist diesen Sommer der Länderschwerpunkt

Das Festival erweitert ständig seinen Horizont. "JazzBaltica", inzwischen ein Kleinod unter Europas Jazzfestivals, erfreut sich großer Resonanz. Die Reihe "Anbruch" erweitert das Spektrum um neue Töne, wobei nicht nur Komponisten wie Stockhausen oder Ligeti das Programm zieren, sondern auch die Größen der DJ-Szene. Das Festival geht auch in die Clubs. Und während es die Spielstätten und Programme ständig erweitert, stieg die Auslastung der Veranstaltungen in den vergangenen Jahren von 72 auf 85 Prozent. Einziger Pferdefuß: Was die Stiftung durch redliche Mühen und gute Konzepte dazugewinnt, wird gern vom staatlichen Zuschuss gestrichen.

Seit Rolf Beck das Festival konzipiert und organisiert, gewinnen die Länderschwerpunkte an Profil. Seit 1996 sind Österreich, Norwegen, Italien, Frankreich und die USA schon an der Reihe gewesen, auch Finnland, Großbritannien, Tschechien und Japan waren schon dran. 2002 wurde Spanien mit Südamerika zusammengelegt, 2006 verkündeten die Niederlande: "Dat klinkt lekker", 2007 kommt Ungarn ganz groß heraus.

Dass bei 192 Mitgliedern der Vereinten Nationen irgendwann die Länder ausgehen, ist zwar absehbar, wird aber auf jeden Fall noch eine Weile dauern. Möglicherweise werden die Republik Jemen, die Salomonen oder der Vatikanstaat bis dahin auch genügend namhafte Dirigenten und Komponisten entsenden können, um im Mittelpunkt zu stehen. Fest steht jedenfalls: Inzwischen weiß natürlich längst jeder Musiker, der auf sich hält, wo Schleswig-Holstein liegt.

Mehr lesen über