Schweizer Kurgepflogenheiten Abendliches Gelage bei Kerzenschein
Leukerbad - Mit Sänften und Mauleseln wird ein Tross von Gauklern und Schaustellern in historischen Kleidern den Gemmi-Pass herunter ziehen zum Dorf. Dort erwartet die historische Reisegesellschaft ein großer Badezuber aus Holz. Auf dem Dorfplatz wird dann - historisch korrekt - in speziellen Gewändern gebadet, sozusagen in der Bademode des 16. Jahrhunderts. So zumindest preist Astrid Imboden vom lokalen Tourismusbüro die Geburtstagsfeier an, mit der vom 12. bis 14. September der 500 Jahre lange Kurtradition in Leukerbad gehuldigt wird.
Der Dorfplatz von heute wird zum Jubiläum in einen Marktplatz des Mittelalters verwandelt - mit historischen Wappen an den Häuserwänden und flatternden Leibchen auf den Wäscheleinen. Auf Marktständen bieten einheimische Händler Lebensmittel an, die es schon vor Jahrhunderten zu kaufen gab. Und ein so genannter Bader führt Einheimische und Gäste in das mittelalterliche Baderitual ein. Das bedeutet, dass im Wasser auch Speisen und Getränke gereicht werden. Dazu erklingt alte Musik von der Leier. Abends findet dann bei Kerzenschein ein mittelalterliches Gelage statt.
Seit einem halben Jahrtausend pilgern Badegäste nach Leukerbad und suchen Gesundheit und Entspannung in den heißen Quellen des Ortes. Bischof Matthäus Schiner hatte die Heilkraft dieser natürlichen Thermen erkannt und entschloss sich zur Vermarktung. Die Leukerbader gedenken seiner als ihrem ersten Kurdirektor. Ein exzellenter PR-Mann sei er gewesen, so hört man, kannte Gott und die Welt, hatte gute Kontakte und holte zahlreiche Gäste nach Leukerbad. Der mächtige Landesherr Schiner wäre später beinahe sogar Papst geworden - so zumindest lautet die Legende.
Auch heute noch prägt Bade- und Kurtourismus den Ort. Seinen 20 Quellen verdankt Leukerbad den Aufstieg zum drittwichtigsten Tourismusmagnet im Wallis hinter Zermatt und Crans-Montana. Drei Millionen Liter Heilwasser sprudeln täglich aus zwei Kilometern Tiefe. Damit verfügt Leukerbad über das reichste Thermalwasservorkommen der Alpen. Bis zu 40 Jahre benötigt das Wasser, um durch die Gebirgskalkschichten zu sickern. Eine vielfältige Mineralien-Zusammensetzung verleiht dem Wasser seine gesundheitsfördernde Wirkung. Vor allem Menschen mit Hautkrankheiten oder Rheuma schätzen das stundenlange Baden.
Vor kurzem hat eine deutsche Hotelgruppe die "Alpentherme" und zwei Hotels übernommen. Das lässt die Leukerbader Hoffnung schöpfen, nachdem zuletzt mehrere Finanzskandale den Ort gebeutelt hatten. Künftig möchte Leukerbad auch auf der Wellness-Welle mitschwimmen - ganz wie im Mittelalter, als Badenden nicht nur zum Gesunden, sondern auch einfach nur zum Vergnügen ins heiße Thermalwasser eintauchten.