Seltene Einblicke Wie New Yorks Elite wohnt
Weiß. Alles ist weiß. Die Sofas und ihre Kissen. Der quadratische Tisch. Sogar die Blumen in der Schale und die Vorhänge vor den Fenstern. Für Farben haben die neuen Bewohner der "Olympic Tower Residence" offenkundig wenig übrig - der Edelarchitekt Michael Gabellini hat 60 Quadratmeter voll eisiger Eleganz für sie entworfen. Farbkleckse gibt es nur selten: grüne Äpfel in einer Schüssel. Hocker aus Holz.
"Da wird man ja schneeblind", frotzelt einer der Besucher, die an diesem Tag hinauf in die Wohnung dürfen. "Das ist zu viel des Guten", findet ein anderer. Über die Aussicht aber beschwert sich niemand - sie ist grandios. Aus den Panorama-Fenstern im Westen ist das Rockefeller Center zu sehen. Wer in der Wanne badet, blickt aufs Empire State Building. Nicht übel für eine Zweitwohnung. Die Besitzer, ein Paar aus Baden-Baden, wohnen hier nur für zwei, drei Monate im Jahr, verrät der Architekt.
"Keine Stadt ist so besessen"
Unten auf der Straße, 49 Stockwerke tiefer, stehen noch immer 50 Neugierige Schlange. Nicht vor dem Haupteingang, sondern vor dem für Lieferanten. Viele halten große Überblickskarten in der Hand, auf denen "Open House New York" steht. So hieß das Event, das am Samstag und Sonntag Tausende New Yorker und Touristen in Bewegung setzte. Ein Kraftwerk, ein Leuchtturm, ein Hindu-Tempel und diverse Ateliers: rund 80 Orte, deren Inneres sonst nie oder selten zu sehen ist, ließen für ein paar Stunden Besucher ein. Einen solchen "Tag der offenen Stadt" hatte es in New York noch nie gegeben.
Seltene Einblicke: Wie New Yorks Elite wohnt
"Kaum ein Ort ist so besessen von Architektur wie New York City", findet Emily Lambert, eine der vielen Besucherinnen. "Aber leider kommt man sonst nie wirklich in die Gebäude hinein." Lambert, eine Reporterin, ist heute mit ihrem Freund Joseph Colitto losgezogen, einem Designer. "Ich liebe Häuser", schwärmt sie. Selbst kann sie sich nur eine Mietwohnung in Brooklyn leisten.
60.000 Dollar Miete und andere Kleinigkeiten
Vielleicht liegt es an diesen Kontrasten - die Residenzen der Reichen und Herrschenden locken besonders viel Publikum. Wer ins weiße Apartment will, muss sich per Telefon . Maximal 100 Besucher, keine Kameras. Die Plätze sind Tage vorher ausgebucht. Auch im Waldorf-Astoria ein paar Blocks weiter wird eine Warteliste geführt. PR-Dame Brenda Urban lotst Trupps von nur je zwölf Leuten durch das älteste Nobelhotel der Stadt: durch Lobby, Küche und Ballsaal. Rauf und runter geht es im Mahagoni vertäfelten Lift. "Allein das Schlafzimmer ist größer als eine normale New Yorker Wohnung", bemerkt eine Besucherin in Suite 11 H.
Da hat sie die Waldorf Towers noch nicht gesehen, die Sektion für die Reichsten. Hier wohnen 40 Dauergäste, "permanents" genannt, das ganze Jahr hindurch. "Die müssen nie selbst aufräumen", sagt Urban, "das ist doch bequem." Zwischen 9000 und 60.000 Dollar Miete zahlen sie für dieses Privileg, monatlich. Auch der US-Präsident hat hier seine Suite - Kennedy, Nixon, Clinton und alle anderen seit Herbert Hoover nächtigten darin. George W. Bush war zuletzt im September da, als er vor der Uno sprach.
Das Pissoir des Präsidenten
Als Urban die Tür aufsperrt, packen alle Besucher die Kameras aus. Jetzt wird der Speicherchip voll fotografiert. Edle Vasen überall, historische Porträts, ein Kronleuchter. Im Wohnraum lässt es sich aushalten: ein neuer Fernseher von Philips, breite Sofas. Ganz unauffällig der Schreibtisch, in die Ecke gequetscht. "Wenn man bedenkt, wer hier alles gewohnt hat - Wahnsinn", murmelt eine ehrfürchtige Dame, die sich gerade die Toilette des Präsidenten angeschaut hat.
Der Erfinder des "Open House", Scott Lauer, sieht abgehetzt aus, aber glücklich dabei. "Ich habe mir schon acht Orte angesehen, zu 20 will ich noch", sagt er, als er am Samstag Gäste vorm Olympic Tower begrüßt. Als er vorgestellt wird, klatschen sie Beifall. Die Idee fürs Wochenende der Voyeure hat Lauer aus London importiert, wo er sechs Jahre lang arbeitete - als Architekt natürlich. Insgesamt 400 Freiwillige halfen oder helfen ihm. Zu den Förderern gehört auch die Stadt New York.
Graffiti der Bürgermeister-Tochter
Bürgermeister Mike Bloomberg hat das Rathaus geöffnet und seine offizielle Residenz, das Gracie Mansion. Dort haben sich am Sonntag zwei Dutzend Polizisten aufgebaut, sie filzen Besucher, durchleuchten Taschen. Der reiche Händler Archibald Gracie baute das Herrenhaus am East River 1799, hundert Jahre später fiel es an die Stadt. Bloomberg ist der erste Stadtchef seit Generationen, der hier nicht wohnt, sondern nur Gäste empfängt. Privat kann der Medien-Milliardär sich offenbar noch Besseres leisten. Zuletzt lebte hier Rudy Giuliani mit Frau, Sohn und Tochter. Die hat ihren Namen in ein Fenster gekratzt: "Caroline 2001".
Nach all dem Luxus wirkt das Haus von Perla Delson und Maitland Jones fast bescheiden - es ist gerade 110 Quadratmeter groß. Von außen sieht es aus wie ein Lagerhaus, und das war es auch mal. Danach feierten hier Katholiken spanische Gottesdienste. Delson und Jones kauften das Gebäude mit der hohen Decke, als die Frontwand schon bröckelte. "Wir haben was Ehrliches gesucht, nichts Edles", sagt Jones, auch ein Architekt. Seine Frau entwarf den Innenraum, er die Möbel aus Holz. Die Schlafzimmer bauten sie oben auf der Brüstung, wo früher der Kirchenchor sang.
Anders als das Pärchen aus Baden-Baden sind Delson und Jones nur wohlhabend, aber nicht superreich. Um ihr Heim zu bezahlen, mussten die beiden tatsächlich einen Kredit aufnehmen.