Shanghai im Wandel: "Better city - better life" - DER SPIEGEL
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Shanghai im Wandel "Better city - better life"

Glas, Marmor, Wolkenkratzer statt alter Teehäuser - das Stadtbild der Metropole an Chinas Ostküste ändert sich rasend schnell. Die Weltausstellung Expo 2010 hat der Bauwut der Behörden neuen Schub gegeben.
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Shanghai - Das Lokal ist geschlossen - und wird nie wieder öffnen: Mit voller Wucht lassen Dutzende von Arbeitern ihre Vorschlaghämmer auf das altersschwache Mauerwerk niedersausen. Ziegel splittern, der ganze Häuserblock an der Zhejiang-Straße in Shanghais Stadtzentrum ist mit Bambusstangen eingerüstet und zum Abriss bestimmt. Wer heute in Shanghai ein bestimmtes Restaurant, ein Internet-Café oder eine Sehenswürdigkeit sucht, muss damit rechnen, dass er nur noch eine Baugrube vorfindet - oder bereits einen mit Glas und Marmor verkleideten Wolkenkratzer.

Seit in Shanghai Anfang der neunziger Jahre die "sozialistische Marktwirtschaft" zugelassen wurde, strömt Kapital in die Stadt - und mit ihm kommen zahlreiche ausländische Firmen sowie Tausende von Chinesen aus der Provinz, die auf den unzähligen Baustellen der Stadt Arbeit finden. "Better city - better life" verkünden Plakate auf Chinesisch und Englisch. Die rund 14 Millionen Einwohner zählende Stadt wird von Grund auf umgekrempelt.

Am sichtbarsten wird der Wandel in Pudong, dem neuen Stadtteil östlich des Huangpu-Flusses, der Shanghai durchzieht. In Trauben drängen sich Arbeiter, Schüler und Touristen an der Fähre, um für umgerechnet zehn Cent über den Fluss zu setzen - so kann das wesentlich teurere U-Bahn-Ticket gespart werden. Noch 1990 lagen auf dem anderen Ufer nur sumpfige Felder, die Shanghai mit Gemüse versorgten. Inzwischen bildet Pudong New Area das Finanzzentrum Shanghais, das mit der Magnetschwebebahn Transrapid an den 30 Kilometer entfernten Flughafen angebunden ist.

Überragt wird die futuristische Skyline von dem 468 Meter hohen Fernsehturm, dessen riesige rosa Kugeln unwillkürlich an Christbaumschmuck denken lassen. Eine dieser Kugeln enthält das Aussichtsdeck - allerdings nur auf 263 Metern. Wer höher hinaus will, wird im benachbarten Jin Mao Tower fündig. Mehr als 420 Meter misst diese Pagode aus Glas und Stahl, leise surrt der Lift in 45 Sekunden bis zur 340 Meter hohen Aussichtsplattform empor.

Es war der Hafen, der Shanghai schon früh zu einer der bedeutendsten Handelsstädte Chinas werden ließ. Porzellan, Seide und Tee wurden hier umgeschlagen. Im Gegenzug kamen europäische Waren ins Land, westliche Laster - und das berüchtigte Opium. Im 19. Jahrhundert eroberten die Briten Shanghai und legten ein eigenes Stadtviertel an, später taten es die Franzosen ihnen nach. Damals wurde der Grundstein gelegt für den Ruf Shanghais als Sündenbabel und Lasterhöhle.

Der Zweite Weltkrieg und die Revolution machten dem Luxus, aber auch der himmelschreienden Armut ein Ende. Doch langsam knüpft die Metropole wieder an die alten Zeiten an. Vor allem an der Nanjing-Straße, in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die eleganteste Einkaufstraße Asiens, haben die großen Kaufhäuser wieder geöffnet und verwandeln die Meile in der Nacht in ein grellbuntes Lichtermeer.

Stilvoller geht es in der "French Concession" zu, dem ehemaligen französischen Viertel. Mit seinen Villen, Gärten und Alleen hat der Stadtteil sein altes Gesicht bis heute bewahrt und ist nicht nur beliebtes Wohnquartier für die neuen Reichen der Stadt geworden, sondern beherbergt auch einige der trendigsten Lokale und Boutiquen der Stadt.

In geradezu skurriler Weise begegnen sich das alte und das neue China in Xintiandi am östlichen Ende der "French Concession". Detailgetreu restaurierte Ziegelhäuser bilden den historischen Rahmen dieser Einkaufs- und Vergnügungsmeile. Hier treffen sich Geschäftsleute aus Japan in einer Sushi-Bar, verschnaufen erschöpfte deutsche Touristen in einem der zahlreichen Coffeeshops. Spezialgeschäfte offerieren italienische Weine, in Edelboutiquen finden sich Seidenkleider, deren Preis locker den Jahreslohn eines Arbeiters übertrifft.

Mittendrin in diesem Laboratorium des Kapitalismus stehen uniformierte Schulkinder Schlange: vor dem Museum der Revolution, schließlich trafen sich 1921 in einem der grauen Häuser 13 Verschwörer zum ersten Kongress der Kommunistischen Partei Chinas. Im Innern der Museums passen strenge Wärter auf, dass kein Blitzlicht die ehrfurchtgebietende Szene stört, die da mit lebensgroßen Figuren nachgestellt ist: Mao Tse-tung zeigt den Genossen mit stolzem Blick den Weg in die Zukunft.

Die Zukunft Shanghais lässt sich dagegen in einem anderen Museum besichtigen: Am Renmin-Platz - einst britische Pferderennbahn, dann Aufmarschplatz der Roten Garden und jetzt Volkspark - zeigt ein Ausstellungszentrum die beabsichtigte Umgestaltung der Stadt anhand eines mehr als 100 Quadratmeter großen Modells: Ein Wald von Wolkenkratzern, in dem sich nur noch Einsprengsel des alten Shanghai zeigen..

Wie eine Insel erhalten bleibt nur der uralte Yu-Garten im Herzen der Altstadt. Auch der Teich gleich nebenan mit dem alten Teehaus darf bleiben. Die Straßenzüge hier sind das Einzige, was vom mittelalterlichen Shanghai geblieben ist. Doch von kontemplativer Ruhe kann auch rund um den Garten keine Rede sein: Unter den anmutig geschwungenen Dächern haben sich längst McDonalds und Starbucks angesiedelt, und aus den Läden dröhnen westliche Schlager.

Von Thomas Kärst, gms