Shanghai: Stadt ohne Grenzen - DER SPIEGEL
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Shanghai Stadt ohne Grenzen

Gegenwart trifft Vergangenheit: Für ihren Bildband haben der Fotograf Karl Johaentges und SPIEGEL-Reporter Erich Follath die Straßen von Shanghai durchstreift. Ihr Blick auf und hinter die Fassaden zeigt die extremen Gegensätze in der Stadt der Superlative.
Von Friederike Hofmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frau Rosenrot tanzt noch immer. Dass die alte Dame bereits 80 Jahre alt ist, sieht man ihr kaum an. Seit ihr geliebtes Paramount, ein plüschiger Tanztempel in der Innenstadt von Shanghai, 2002 wieder eröffnet wurde, ist ihre Jugend zurückgekehrt. Als Debütantin schwebte sie hier bereits über das Parkett. Dass seitdem über 60 Jahre vergangen sind, scheint sie wenig zu stören.

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Foto: www.kajofoto.de

"Alles ist wie damals", schwärmt sie. Und nun tanzt sie weiter, wie früher. Nur über die Zeit der kommunistischen Machtübernahme und die Kulturrevolution redet sie nicht gern. Verdrängen ist ihre Devise. So wie Frau Rosenrot ergeht es einer ganzen Stadt. Shanghai strebt unaufhaltsam in die Zukunft wie kaum eine andere Metropole auf der Welt.

Frau Rosenrot ist eine der vielen Personen, denen SPIEGEL-Reporter Erich Follath auf seinen Reisen nach Shanghai begegnet ist. Gemeinsam mit dem Fotografen Karl Johaentges  hat er den Bildband "Mythos Shanghai" veröffentlicht. In verschiedenen Porträts und Anekdoten erzählt Follath von seinen Erlebnissen und Eindrücken, Frau Rosenrot darf dabei nicht fehlen. Johaentges hat die Geschichten mit Fotografien unterlegt. Shanghai ist gezeichnet von Gegensätzen: Arm trifft auf Reich und Gegenwart auf Vergangenheit. Mit "Mythos Shanghai" gelingt den Autoren eine abwechslungsreiche Sicht auf die Stadt, in der Tempo alles ist und die Geschichte leicht in Vergessenheit gerät.

Dabei hat die auf Sümpfen erbaute Stadt eine bewegte Vergangenheit, von denen Follath in seinem historischen Exkurs erzählt. In den zwanziger und dreißiger Jahren galt Shanghai mit den Opiumhöhlen und Bordellen als "Paradies der Abenteurer" oder "Prostituierte Asiens". Mit Mao kam das Puritanertum. Grenzen lässt sich Shanghai aber heutzutage kaum noch setzen. Die Agglomeration wächst über alles hinaus, und alte Häuser müssen Wolkenkratzern weichen.

"Stadt über dem Meer" heißt Shanghai übersetzt - und "hoch über" ist sie allemal: Mit 420 Meter Höhe thront das höchste Gebäude Chinas, das Jin Mao Building, über der Stadt. Ein weiterer Superlativ soll folgen. Gerade wird am höchsten Wolkenkratzer der Welt, dem World Financial Center gebaut. Shanghai überbietet sich an Rekorden. Von den Höchstleistungen erzählen die Autoren, aber auch von Heimkehrern, Mächtigen und Zukunftsbesessenen.

Follath und Johaentges sind ausgesprochene China-Kenner. Beide waren vor beinahe 30 Jahren zum ersten Mal in der Volksrepublik. 1996 haben sie bereits das Buch "Bilder aus Hongkong" gemeinsam veröffentlicht. "Mythos Shanghai" ist nun ihre Hommage an das Land und den Zauber dieser geheimnisvollen Stadt.

Erich Follath, Karl Johaentges, Marieanne Wolny-Follath: Mythos Shanghai, Collection Rolf Heyne , München 2005. 384 Seiten. 58 Euro.