Singapurs Chinatown: Geheimnis der roten Laternen - DER SPIEGEL
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Singapurs Chinatown Geheimnis der roten Laternen

Neujahr im Chinatown von Singapur - das Stadtviertel schwelgt heute in Rot, der traditionellen Farbe für Glück und Wohlstand. Doch schon seit über 100 Jahren ist das Chinatown auch das Rotlichtviertel der Stadt. Prostituierte und Kulis hielten nur mit Opium ihr Leid aus.
Von Michael Lenz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles ist rot. In Singapurs Chinatown wird das chinesische Neujahrsfest gefeiert, mit dem das Jahr der Ratte eingeläutet wird. Rot ist die chinesische Symbolfarbe für Glück und Wohlstand, und das wünscht man sich schließlich zum neuen Jahr. Touristen bestaunen die vielen Läden voller rotem Neujahrsnippes, fotografieren die Berge von rot-orangen Mandarinen die man sich hier zum Neujahr schenkt. Kaum aber einer weiß, dass das chinesische Viertel seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Rotlichtviertel Singapurs ist - und die roten Laternen bis auf den heutigen Tag in so manchen Ecken Chinatowns leuchten.

"Ich werde ihnen die deftige, die nicht so quietschsaubere Seite unserer Insel zeigen", verspricht Geraldine der kleinen Schar, die sich zum Rundgang der Sightseeingtour "Secrets of the Red Lantern" von Singapore Walks am Ausgang A der MRT-Station (U-Bahn) Chinatown in der Pagoda Street eingefunden hat. Bis weit in das vergangene Jahrhundert hinein existierten im chinesischen Viertel Hunderte von Bordellen. Allein in der vielleicht 200 Meter langen Sago Street, an der heute der erst im vergangenen Jahr eröffnete "Tempel mit dem Buddhazahn" liegt, leuchtete die rote Laterne vor 75 Etablissements.

Zu Tausenden wurden Mädchen und junge Frauen aus China nach Singapur verschleppt und an Bordellbesitzer verkauft. "Sie mussten am Tag mindestens 15 Kunden bedienen. Die meisten haben das nur mit Opium ertragen", erzählt Geraldine, während wir vorbei an Verkaufsständen mit Neujahrsdevotionalien und Geschäften mit überteuerten Digitalkameras und Elektronikwaren schlendern. Sie erzählt die Geschichte von der 21 Jahre alten Anaah, die 1908 aus der Sexsklaverei aussteigen wollte. "Deshalb musste sie sterben. Man verpasste ihr eine Überdosis Opium."

Krabben aus der Apotheke

Den Besuchern fällt es schwer, sich das hübsche, pittoreske, aufgeräumte Chinatown mit seinen bunten kolonialen Shophäusern als brutales Sodom und Gomorrha vorzustellen. In der Terrenganu Street dominieren Läden mit Kitsch und überteuerten Digitalmeras für Touristen. Restaurants mit chinesischen Leckereien wie Dim Sum oder Pekingenten sind das Markenzeichen der Smith Street, die nachts zur autofreien Fressgass à la Chinatown wird.

In der Sago Street sind noch traditionelle Handwerksbetriebe zu Hause. Zahlreich finden sich auch chinesische Apotheken, die auf Westler wie eine Mischung aus Feinkostladen und Gruselkabinett wirken. Berge von getrockneten Pilzen oder Krabben ragen neben Flaschen mit eingelegten Schlangen auf. Es gibt wohl in der Natur nichts, was in der chinesischen Medizin nicht als Heilmittel eingesetzt wird.

Früher wurden in den Straßen jeden Abend mit sogenannten Honigkarren randvolle Fäkalientöpfe aus den Häusern abgeholt, erzählt Geraldine. "Die waren noch bis in die 1970er Jahre hinein im Einsatz." Dann bleibt sie vor einem schmucken Shophaus in der Pagoda Street stehen, in dem die Boutique "Ji Kiang Collection" Schmuck und Mode feilbietet. "Das war früher eine der vielen 'Kuli Holding Stations'. In solchen Häusern lebten oftmals mehr als 150 Männer, die in Singapur als Tagelöhner arbeiteten."

Diese Kulis waren die Kundschaft der Prostituierten. Wie die Frauen, so hatten auch die Männer aus Armut ihre chinesische Heimat Richtung Singapur in Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen. Schon die je nach Wetter zwei- bis sechswöchige Seereise war eine Tortur. Man konnte auf den hoffnungslos überladenen Dschunken nur mit angezogenen Knien sitzen. Von sanitären Einrichtungen keine Spur. Essen war spärlich. "Bis zu einem Drittel der Passagiere dieser 'Höllenschiffe' überlebten die Reise nicht", sagt Geraldine.

Opium half über die Strapazen

In Singapur angekommen, wurden sie in "Kuli Holding Stations" eingepfercht und dann entweder von Händlern als Arbeitssklaven für die Gummiplantagen und Zinnminen in Malaya (dem heutigen Malaysia) verkauft oder von Spediteuren oder Reedern in der Hafenstadt Singapur als Rikschafahrer oder Tagelöhner angeheuert. "Barfuß mussten sie die mit Fahrgästen oder Waren beladenen Rikschas durch die Straßen ziehen, die durch die Hitze glühend heiß oder in der Regenzeit widerlich verschlammt waren. Die Strapazen und Qualen ertrugen sie nur mit Opium."

Chinatown ist aber auch ein Sittengemälde des Singapurs des 21. Jahrhunderts. Geraldine zeigt auf eine Regenbogenfahne, die von einem alten kolonialen Haus an der Ecke von Temple und Terrangganu Street weht. "Davon können Sie hier in Chinatown einige sehen. Die wehen an schwulen Bars und Geschäften. Das hätte es vor zehn Jahren noch nicht gegeben. Das ist ein Zeichen, dass Singapur offener wird, obwohl Homosexualität noch immer illegal ist. Daran hat auch die Reform des Sexualstrafrechts im vergangenen Jahr nichts geändert."

Zunächst hat die Reform lediglich Heterosexuellen neue Freiheiten gebracht. Wir schlendern an einem der wenigen noch aktiven Bordelle in Chinatown vorbei. Die Hintertür steht offen, eine Frau beäugt uns argwöhnisch. Geraldine weist diskret auf ein Plakat an der Wand des Bordells, auf dem eine Frau zu sehen ist, die sich ein grün verpacktes Kondom an dem Mund hält. "Das ist ein Aids-Aufklärungsplakat, das dazu rät, auch bei Oralverkehr ein Kondom zu benutzen", sagt Geraldine und fügt hinzu. "Das wäre vor einem Jahr noch nicht möglich gewesen. Da war Oralverkehr nämlich noch strafrechtlich verboten."

In Chinatown geht das Rotlicht aus

Dass die Gegend um die Keong Saik Road heute noch das Rotlichtviertel ist, erkennt man erst auf dem dritten Blick. Auf den ersten Blick ist es eine bunte Mischung aus traditionellen Restaurants und Geschäften einerseits, und zu schicken Hotels oder Büros umgebauten Shophäusern andererseits, in denen sich zahlungskräftige Mieter wie das Südostasienstudio der ARD niedergelassen haben. Nur wer wonach er Ausschau halten muss, wird die kleinen roten Laternchen in Fenstern oder Hauseingängen wahrnehmen.

Die Zahl der Bordelle in Chinatown nimmt kontinuierlich ab. Vor nur viereinhalb Jahren waren es noch 18. Heute sind es zehn. Wer sein Geschäft aufgibt, kann seine Lizenz nicht verkaufen oder vererben. Sie verfällt, und es werden keine neuen ausgestellt. So geht das Rotlicht in Chinatown langsam aus. Wie die Bordelle, so sind auch die Freier in die Jahre gekommen. Geraldine weiß: "Die Kundschaft besteht in erster Linie aus älteren Männern. Deshalb ist der Andrang zwischen 17 und 22 Uhr am größten."

Am Ende der knapp dreistündigen Tour stärkt die Gruppe sich in dem alteingesessene Ba-Gua-Laden von Kim Hock Seng. Es ist heiß in dem Geschäft. Gleich hinterm Verkaufstresen werden die fast durchsichtig dünn geklopften, in süß-klebriger Honigmarinade getunkten Schweinefleischfladen auf weiten runden siebartigen Gestellen in einem offen Ofen gegart und geräuchert. Ba Gua ist superlecker, Ba Gua geht auf die Hüften, und mit umgerechnet 20 Euro aufwärts pro Kilogramm ist Ba Gua teuer.

Ba Gua ist aber auch rot: Kein Wunder, dass die fette Leckerei zum chinesischen Neujahr gehört wie Berliner zu Silvester und der Laden von Herr Kim Hock Seng und Gattin in diesen Tagen definitiv populärer ist als die Bordelle um die Ecke.

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