Sizilien Besuch bei den Göttern
Agrigento - Tagsüber ist das "Tal der Tempel" gut besucht: Schüler aus allen Teilen Siziliens schnattern wild durcheinander, in Busgruppen angereiste Franzosen, Niederländer, Briten und Deutsche lesen laut aus ihren Reiseführern vor. In aller Ruhe lassen sich die Tempel bei Agrigento aus der Zeit zwischen 520 und 440 vor Christus nur am frühen Morgen besichtigen, doch das zeitige Aufstehen lohnt sich: Der Concordia-Tempel etwa mit seinen 34 Säulen gilt als einer der am besten erhaltenen griechischen Tempel im Mittelmeerraum überhaupt. Giebel, Gebälk - alles noch vorhanden, nur das Dach ist eingestürzt.
"Tal der Tempel" heißt die archäologische Zone, weil sich das moderne Agrigento direkt nordwestlich auf einem Hügel anschließt. Abends kann man von der Stadt auf die Ruinen hinunter blicken, die vom Sonnenlicht angestrahlt werden. Wer sich dagegen von Osten, von Ragusa kommend, den Tempeln nähert, sieht sie nicht in einem Tal, sondern ihrerseits auf einem Hügel vor sich, allen voran den Hera-Tempel. Er ist ebenso wie der in späterer Zeit als Kirche genutzte Tempel der Concordia frei zugänglich. Gleiches gilt für die Überreste des großen Herakles-Tempels, wo immerhin noch 8 von 38 Säulen gen Himmel ragen.
Für einen anderen Teil des Tempeltals ist dagegen Eintritt zu zahlen. Dort finden sich unter anderem die Überbleibsel des 480 vor Christus gebauten Zeus-Tempels, der mit einer Fläche von 113 mal 57 Metern damals der größte dorische Tempel der griechischen Welt war. Im späten Mittelalter stürzte die Kultstätte in sich zusammen und wurde zum Steinbruch für Hausbauten. Auch die vier Säulen des Castor- und Pollux-Tempels in diesem Teil des Tempeltals haben so, wie sie zu sehen sind, keineswegs die Zeit seit der Antike überdauert, sondern wurden erst 1836 wieder aufgestellt.
Etwa zwei Autostunden weiter westlich am Afrikanischen Meer gelegen befindet sich Selinunte, wo sich weitere Tempel aus der Zeit der griechischen Kolonisation Siziliens befinden. Zwar gibt es auch organisierte Touren, die beide Orte an einem Tag ansteuern, doch die weitläufige Ruinenlandschaft von Selinunte bietet sich durchaus auch für eine längere Erkundung auf eigene Faust an.
Die Bauten in Selinunte sind ein wenig älter als ihre Pendants in Agrigento, und die Historiker konnten sie nicht mehr sicher einzelnen Göttern zuordnen - Selinunte wurde 409 vor Christus durch Karthago zerstört, ein Erdbeben im Mittelalter verursachte ebenfalls schwere Schäden. Also wurden die Tempel nach dem Alphabet benannt: Im Osten sind die Trümmer der Tempel F und G und der wieder aufgebaute Tempel E zu finden, eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt liegt etwas näher am Meer die einstige Akropolis mit den Tempeln A, B, C, D und O.
Von Christian Röwekamp, gms