Starcks Designkur im Meurice Dalí lebt
Paris - Seit dem Jahr 1835 thront das Meurice in der Rue de Rivoli als ältestes und traditionsreichstes Hotel der französischen Hauptstadt. Könige und Prominente gaben und geben sich hier die Klinke in die Hand. Seit einigen Wochen ist der Stil des wohl schillerndsten Gasts eingezogen: Das künstlerische Vermächtnis des 1989 gestorbenen Spaniers Salvador Dalí findet sich wieder in Deckenverkleidungen, an Säulen und in surrealen Möbeln. Der französische Stardesigner Philippe Starck hat 520 Quadratmeter im Erdgeschoss neu gestaltet - ganz im Sinne des einstigen Bewohners der Suite 101/102.
Der extrovertierte Spanier wohnte regelmäßig mindestens einen Monat des Jahres im Hotel und bezog stets die Suite im ersten Stock. Surrealistisch waren nicht nur seine Bilder, sondern auch sein Verhalten im Hotel. Unvergessen ist bis heute jener Morgen, als Dalí sich gleich eine ganze Herde Schafe in seine Suite bestellte. Kaum waren sie eingetroffen, ballerte der Pinselmaestro mit seinem Revolver auf die zahmen Tiere.
Ein anderes Mal durfte es ein Pferd für die Suite sein, oder der alte Kauz schickte das Personal flugs in die Tuilerien gleich vis-à-vis des Hotels, um sich in dem Park frische Fliegen fangen zu lassen. Pro Fliege winkten fünf Francs Belohnung. Dalí fühlte sich der Belegschaft verbunden und bedankte sich für die Treue des Personals mit signierten Lithografien als kleinen Weihnachtsgeschenken.
Sammelsurium der Tischbeine
Für vier Millionen Euro krempelte der Designer Philippe Starck nun beinahe das ganze Erdgeschoss des Hotels um. Rezeption, Lobby, Wintergarten, Restaurant und die alte Bar wurden neu konzipiert oder entrümpelt. Fast zwei Jahre hat die Arbeit in Anspruch genommen und Starck kreierte während dieser Zeit eigene Möbelreihen in Fortführung der Formensprache Dalís. Stühle, Tische, Lampen, Vorhänge, Teppiche oder Stoffbezüge - alles mit surrealistischer Note und exklusiv für dieses Haus. Da kommt es dann schon mal vor, dass die beiden Armlehnen eines Stuhles scheinbar nicht zueinander passen, Tischbeine wild zusammengewürfelt wirken oder Motive von Dalí als Druckvorlage für die Stoffbezüge genutzt wurden.
Erst im Jahr 2000 hatte das Hotel Meurice eine zweijährige Renovierung hinter sich gebracht. Für über 200 Millionen Euro wurde das Hotel in stilistischer Fortführung des 19. Jahrhunderts wieder eröffnet. Obwohl alles vom Feinsten war, wirkte so manches Detail schon zu seiner Premiere leicht angestaubt, für Zeitgeist war kein Platz. Während sich anderswo Design- und Boutiquehotels erfolgreich im Luxussegment etablierten, arbeitete das Meurice mit prätentiösen Zitaten der Vergangenheit. Mit der Übernahme der Verantwortung für das Fünf-Sterne-Haus durch die neue Generaldirektorin Franka Holtmann sollte der alte Muff raus.
Hotelmanagerin Holtmann und Designer Philippe Starck vermengten die Gegensätze zwischen Hoteltradition und modernen Ansprpüchen. Franka Holtmann kennt Starck schon länger persönlich. Der Designer ist vor allem berühmt für sein geradliniges Produktdesign - vom Motorrad bis zur Stehlampe.
"Mehr Winter als Garten"
Vor allem der alte Wintergarten im Zentrum der großen Eingangshalle musste im Le Meurice dran glauben. "Der Wintergarten hat seinem Namen nur bedingt Ehre gemacht. Es war mehr Winter als Garten", sagt die gebürtige Düsseldorferin Franka Holtmann, die seit zwei Jahren die Geschicke des Hauses leitet. "Der alte Wintergarten war weltberühmt, aber er wurde kaum von den Gästen angenommen. Die Halle war praktisch immer leer, allenfalls Durchgangsverkehr, wie auf dem Bahnhof. Nur eben mit einer Palme mittendrin."
An die Stelle des alten Wintergartens ist nun ein chices Bistro getreten, benannt nach Dalí. Es soll Paris-Besucher anlocken - für den kleinen Hunger zwischendurch und als Ergänzung des noblen Drei-Sterne-Restaurants von Yannick Alléno nebenan, das ebenfalls mit umgestaltet wurde. Auch hier wurden Geschirr, Tischtücher und Besteck filigraner, der barocke Luxus der alten Sessel von früher ist modernen Medaillonstühlen mit kühleren und helleren Farben der Stoffbezüge gewichen. An allen Tischen steht mindestens jeweils ein Stuhl, der in Farbe oder Form kein Pendant hat und so jeden einzelnen Tisch zu einem Blickfang werden lässt.
Selbst die Uniformen der Bediensteten wurden neu entworfen - von der Stylistin Alejandra di Andia. In ihren knielangen, dunkelgrauen Wollkostümen könnten sie nun allesamt Dalís Musen sein.
Die prunkvollen Mauern der Palastarchitektur mit ihren noblen Goldintarsien und historischen Wandgemälden sind geblieben, doch die Gefahr, während des Dinners vom Bombast des alten Interieurs erschlagen zu werden, scheint gebannt. Das neue Restaurantdesign harmoniert mit der Küche, beide sind leichter geworden, wenn auch nicht gerade preiswerter. Vorspeisen gibt es ab 16 Euro, Hauptgerichte ab 28 Euro.
Indirektes Licht man schön
Für Zündstoff sorgt die neue Deckengestaltung des ehemaligen Wintergartens. Die alte Glaskuppel noch aus der Zeit der Belle Epoche war zwar hübsch anzusehen, streute aber sparsam das Licht von oben herab. Starcks Tochter Ara entwarf einen 145 Quadratmeter großen Stoffparavan zur Verhüllung der Kuppel, der nun das neue Bistro gemütlich werden lässt und eine indirekte Deckenbeleuchtung ermöglicht. "Das neue Lichtkonzept macht schlank, es lässt die Gäste jünger und frischer aussehen", findet die Generaldirektorin. Eine wichtige Beobachtung, dient das Bistro doch primär den angenehmen Stunden der Kalorienzufuhr.
Den ersten Härtetest hat der neu gestaltete Luxustempel am Osterwochenende bestanden: Ab den Nachmittagsstunden füllten sich die Hallen mit neugierigen Besuchern - aber auch einigen Einheimischen, die sich es hier regelmäßig gut gehen lassen. Der Gourmet und Salonlöwe Dalí hätte seine Freude daran gehabt.