Südtirol: Mediterran und zweisprachig - DER SPIEGEL
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Südtirol Mediterran und zweisprachig

Meran und Dorf Tirol waren einst Treffpunkte des europäischen Hochadels. Relikte aus kaiserlichen Zeiten, das milde Klima und die pulsierende Lebenslust Südtirols bilden heute ein reizvolles Spiel der Gegensätze.
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Meran - 857 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, fristete Meran lange Zeit ein bescheidenes Dasein. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt allmählich zum Kurort. Ihre große Stunde aber schlug, als 1869 die Kaiserin Elisabeth (Sissi) aus Wien anreiste. Von einem Tag zum anderen stieg Meran zum Treffpunkt der europäischen Aristokratie und des Geldadels auf.

Die großen Geister jener Zeit blieben nicht lange fern. "Was für ein Land ist das!", schrieb Franz Kafka begeistert an seine Milena. Christian Morgenstern ließ sich von der Bergwelt inspirieren, und Stefan Zweig lobte das zu jeder Jahreszeit milde Klima.

Die Winterpromenade führt entlang der kristallklaren Passer in den mittelalterlichen Stadtkern Merans. Unter schattigen Arkadengängen behaupten sich urige Gaststätten neben eleganten Boutiquen. Bäuerlicher Loden und die neuesten italienischen Kreationen bilden einen reizvollen Kontrast im Straßenbild. In der 324 Meter hoch gelegenen Stadt trifft alpine Robustheit auf mediterrane Leichtigkeit.

Dieses harmonische Zusammenleben ist hart erkämpft: Südtirol wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich abgetrennt und Italien zugeordnet - gegen den erklärten Willen der Bevölkerung. Nach lang anhaltenden Fehden zwischen den beiden Volksgruppen hat man sich schließlich zusammengerauft. Das Miteinander funktioniert heute, und die Südtiroler sind inzwischen zweisprachig. Sämtliche Straßennamen und offiziellen Bekanntmachungen sind auf Deutsch und Italienisch ausgewiesen.

Eine Reihe immergrüner Wintermagnolien säumt die Freiheitsstraße "Corso Libertà", einen von Hotels, Restaurants und Cafés belebten Prachtboulevard. Am imposanten Kurhaus aus kaiserlichen Zeiten vorbei geht es direkt zum Kurbad. Hier taucht, wer mag, ins Freibecken ein, lässt sich von der südlichen Sonne bescheinen und die unvergleichliche Silhouette der sanften Gebirgskette mit den schneebedeckten Bergspitzen im Hintergrund auf sich wirken.

Außer landschaftlichen Reizen bietet das 34.000 Einwohner zählende Meran auch viel Kultur. Die zwischen 1302 und 1480 erbaute gotische Pfarrkirche St. Nikolaus lädt mit ihren Fresken ebenso zur Besichtigung ein wie die Spitalkirche zum Heiligen Geist. Auch die Landesfürstliche Burg, die wie ein verwunschenes Dornröschenschloss anmutet, lohnt einen Besuch.

Die Hotellerie mit ihren rund 6000 Betten genießt seit Generationen einen guten Ruf. Der Gast kann unter sämtlichen Kategorien wählen - vom Schlosshotel mit allem Komfort über gutbürgerliche Häuser bis hin zu preiswerten Familienpensionen.

Mit dem Sessellift geht es von der Meraner Bodenstation nach Dorf Tirol. Kinder jubeln, während sie über Weinreben den Berg hinaufschweben, das schöne Meran mit seinen roten Dächern, Türmen und Zinnen unter sich lassend. Obwohl beide Orte so dicht beieinander liegen, sind sie doch grundverschieden: unten das urbane Meran, oben Dorf Tirol - italienisch Tirolo - mit seinem rustikalen Charme.

In diesem Jahr lockt die "Sonnenterrasse" oberhalb von Meran Touristen wieder mit Sonderangeboten für die ganze Familie. Geführte Kulturwanderungen durch das Weinland stehen ganz oben auf dem Programm. Festes Schuhwerk ist angesagt, wenn es durch blühende Rebengärten, vorbei an schmucken Winzerhäusern durch Dickicht und Geröll steil aufwärts geht zur Burgruine Maultasch.

Diese Mauern waren der Sitz der Margarethe Maultasch (1318 bis 1369), die als letzte Gräfin von Tirol eine schöne und sehr emanzipierte Frau war. So setzte sie ihren ersten Mann kurzerhand vor die Tür und vermählte sich anschließend mit einem anderen. Bevor sie sich 1363 nach Wien zurückzog, übergab sie das Land den Habsburgern, die hier bis 1918 herrschten.

Bei klarer Sicht scheinen der 3000 Meter hohe Tschigat und der schneebedeckte Lodner (3228 Meter) zum Greifen nah. Talwärts sind eine Burg, ein Schloss neben dem anderen zu erblicken. Da liegt auch Schloss Tirol, dem der ganze Landstrich seinen Namen verdankt, und etwas weiter südlich die Brunnenburg mit ihren Erkern und Zinnen. Die ockerfarbenen Mauern der Schlösser Thurnstein und Auer lugen aus üppigem Grün hervor. Die Falknerpromenade führt an gepflegten Villen und märchenhaften Gärten vorbei. In diesem Mikroklima gedeihen selbst exotische Pflanzen - auch Kiwis erster Güte werden hier geerntet.

Das originalgetreu restaurierte Schloss Tirol birgt wertvolle Bilder, Reliefs und Möbel. Hier wird auch der älteste Kinderschuh Europas verwahrt. Vermutlich wurde er als Symbol der Unschuld zum Gelingen des Gebäudes während der Arbeiten ins Mauerwerk eingelassen.

Die Seilbahn befördert ihre Gäste auf den 1361 Meter hohen Hochmuth. Hier entspannt man sich bei einer Jause mit Tiroler Wein und sieht den Paraglidern und Sportfliegern bei ihrem Aufstieg in die blauen Lüfte zu. Weiter oben auf der Mutspitze finden sich mehrere kleine kristallklare Gebirgsseen. Doch das Wasser ist selbst bei heißesten Temperaturen so eisig, dass Badende den Tod durch Unterkühlung riskieren.

Wie ein Spielzeug liegt Dorf Tirol tief unten, ein blitzsauberer Ort mit einer erstaunlichen Vielfalt an Hotels und Gästehäusern. Hinter anheimelnden Fassaden mit geraniengeschmückten Balkons verbergen sich nicht selten luxuriöse Unterkünfte, die selbst höchste Ansprüche befriedigen.

Uta Buhre