Sydney: Kletterparadies Hafenbrücke - DER SPIEGEL
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Sydney Kletterparadies Hafenbrücke

Cola-Dosen, Fotoapparate und Mützen verschwinden in einem Schließfach, Brillen müssen mit einem Riemen gesichert werden. Um auf die Hafenbrücke von Sydney zu klettern, müssen Besucher nicht nur viel Mumm in den Knochen haben, sondern auch fit sein.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles auf eigene Gefahr, steht auf dem Formular. Schwangeren ist der Zutritt genauso untersagt wie Menschen mit Herzbeschwerden. Und wer mehr als 0,5 Promille Alkohol im Blut hat, kann den Trip erst recht vergessen.

"Manche haben ziemliche Angst, besonders dort, wo man zwischen den Stahlstreben steil nach unten schauen kann", sagt Samantha. Seit drei Jahren hat sie den "tollsten Studentenjob der Welt": Die junge Frau führt jeweils zwölf Personen in einer Gruppe über den "Coat-Hanger", den Kleiderbügel, wie die Hafenbrücke von Sydney von Einheimischen genannt wird.

Ein Koloss von 160 Metern Höhe

Drei Stunden dauert die Kletterpartie. In grauen Overalls kraxeln Touristen bis zum Scheitelpunkt des Brückenbogens. "An Spitzentagen haben wir auch schon mal mehr als 1000 Besucher", erzählt die Studentin - obwohl das Eintrittsgeld 130 australische Dollar - rund 78 Euro - pro Person beträgt.

Rund 160 Meter misst der geschwungene Stahlkoloss bis zur Spitze der Fahnenmasten - und ist damit noch etwas höher als die Kölner Domtürme. Bei ihrer Einweihung 1932 galt die Brücke als eine der kühnsten Konstruktionen ihrer Zeit: An der 1,1 Kilometer langen Brückenstrasse arbeiteten 1400 Arbeiter sechs Jahre lang. Sechs Millionen Nieten halten mehr als 50.000 Tonnen Stahl zusammen.

Im Gänsemarsch gen Himmel

Bis zur Eröffnung des Hafentunnels 1992 war die Überquerung der Brücke die einzige Möglichkeit, um von der City in die nördlichen Stadtteile zu gelangen. Seit 1998 dürfen auch Touristen einen der vier 89 Meter hohen, steinernen Türme erklimmen. Alle zehn Minuten bieten 160 Guides Touren an.

"Wir gehen bei jedem Wetter hier hoch, außer bei Gewitter", sagt Samantha. Im Gänsemarsch steigen die Besucher einen drei Meter breiten Steg aus eingelassenen Treppenstufen empor. Um sich vor einem Absturz zu sichern, sind die Männer und Frauen mit einem Karabinerhaken an eine Führungsschiene gekettet. Wind pfeift um ihre Ohren und zersaust die Haare. Rechts ragt das Opernhaus wie eine Ansammlung von Riesenmuscheln streichholzschachtelgroß empor, links ankern Miniatur-Schiffe im Hafen.

Nach 134 Metern Aufstieg weichen Angst und Anstrengung auf den Gesichtern einem gelöstem Lächeln. Das Ziel ist erreicht: Zwei Masten mit der Flaggen Australiens und des Bundesstaates New South Wales wehen am Scheitelpunkt des Bogens in der Luft. Schnell zücken die Tour-Guides die Kamera für das obligatorische Erinnerungsfoto.

Arme und Zeigefinger recken sich über das Brückengeländer: Deutlich ist das 15 Kilometer entfernte Olympia-Gelände mit dem Stadium Australia zu sehen. Dazwischen schlängelt sich die Mündung des Parramatta-Flusses sich mit vielen Buchten entlang. In weiter Ferne lässt sich die dunkle Bergkette der Blue Mountains erahnen.

15 Minuten kurzes Ausrasten

Wer sich umdreht, sieht auf der anderen Seite über den Osten Sydneys hinweg bis zum Pazifik. Plötzlich knattert ein Hubschrauber so nah vorbei, dass Pilot und Passagiere zu erkennen sind.

Eine Viertelstunde ist vergangen. Auf der gegenüber liegenden Seite ist schon die nächste Gruppe im Anmarsch. Der Abstieg beginnt: Auf einer breiten Stahlstrebe überqueren die Touristen die Brücke - und lauschen noch kurz den Erzählungen von Steve, einem anderem Tourführer: "Viele der alten Sydneysider haben eine Geschichte zu erzählen, wie sie hier heimlich hochgeklettert sind." Nachts wurde dann hoch über der Stadt gepicknickt: ohne Leine und ohne Sicherheitsanzug - doch dafür mit viel Bier.