Tango-Hauptstadt Berlin Im Rhythmus der Milonga
Berlin - Berlin ist vom Tango-Virus befallen. "Ich habe mich vor gut fünf Jahren infiziert", sagt die 30-jährige Katrin. "Seit ich Tango tanze, ist es wie eine Sucht", meint Frank, 36. "Gerade am Anfang war das völlig rauschhaft", sagt Katrin und beobachtet die Paare, die in der schummrigen Beleuchtung des Grünen Salons in Berlin-Mitte ihre Runden drehen. Die meisten eng umschlungen, die Musik eher ruhig, mit einem Hauch von Melancholie. "Hier ist die Tango-Welt ganz vielfältig", sagt die 23-jährige Susanne.
Nicht nur deswegen gilt Berlin als Tango-Hauptstadt Europas. "Keine Stadt außer Buenos Aires hat annähernd so viele Tänzer", sagt Michael Rühl, der die Milonga im Ballhaus Rixdorf organisiert. Auch der viel reisende Kanadier Catalin hält Berlin für die beste Tango-Stadt: "Es gibt sehr viele Milongas, und es tanzen auch viele junge Menschen."
Tanzwütige können in Berlin täglich zwischen zwei bis sechs Tanzgelegenheiten - den Milongas - wählen und damit zwischen unterschiedlichen Stilen, von klassisch nach Art des Salon-Tangos der dreißiger und vierziger Jahre bis hin zum Electro-Tango, der mit Techno-Rhythmen garniert ist.
Jörg Buntenbach, Autor des Buches "Tango-Metropole Berlin", sieht in der hohen Zahl von Zugezogenen und Singles einen Grund für die Tango-Begeisterung in der Hauptstadt, die Anfang der Achtziger aufkam. "Singles können bei diesem Tanz unverbindlich neue Leute kennen lernen", so Buntenbach. Zudem kämen viele Leute nach Berlin, die Visionen verwirklichen wollten: "Das passt zum Tango."
Tanzlehrer Fredi Gutzler vom Kreuzberger "La Caminada" hält dagegen nicht viel vom Titel Tango-Metropole. "Das hat einen Beigeschmack von Dominanzanspruch", sagt er. Für ihn ist das Besondere der Berliner Szene das etwas Chaotische, das keine Vereinheitlichung zulasse. "Am Anfang hatte das Tango-Tanzen hier einen stark ironischen Charakter. Niemand hat im Traum daran gedacht, zu einem überholten Rollenmodell zurückzukehren", sagt Gutzler. Der Boom kam in den Neunzigern, führte zu einer Institutionalisierung, die dominante Männerrolle setzte sich durch.
Mit dem vor ein paar Jahren aufgekommenen Electro-Tango sei die wieder in Frage gestellt, sagt Tango-Loft-Betreiber Henning Klose: "Viele junge Frauen wollen nicht die ganze Zeit hin und her geschoben werden." Nach den Worten von Tanzlehrer Gutzler hat ein "sportiver, geschlechtsneutralerer Stil" inzwischen mehr Bedeutung bekommen.
Deswegen hat sich Susanne das Tango-Loft ausgesucht, wo eine bunte Mischung an Tanzbarem aufgelegt wird, auch Sting, Paolo Conte, Folklore und Techno. Im Grünen Salon, in dem die Argentinier Emiliano Giminez und Debra Ferrari zur Milonga einladen, finden sich hingegen etliche Liebhaberinnen des klassischen Sich-eng-führen-Lassens. "Es hat etwas absolut Entspannendes", meint die 30-jährige Katrin. Man könne sich einfach fallen lassen. Besonders wenn sich diese "verzauberten Momente" beim Tanzen einstellten. An diesem Abend hat es für sie keine Verzauberung gegeben, aber eins ist sicher: Sie wird wiederkommen, um danach zu suchen.
Von Ulrike Schuler, ddp