Tessin: Italienisches Flair und Schweizer Preise - DER SPIEGEL
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Tessin Italienisches Flair und Schweizer Preise

Direkt an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz gelegen, vereint das Tessin die Charakterzüge beider Länder: Südländische Gastfreundschaft trifft auf eidgenössische Präzision. Den Urlauber kann es freuen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lugano - Kurz hinter Zürich durchbrechen die schneebedeckten Gipfel der Hochalpen die Wolken. Gerade scheint das Flugzeug die Spitzen der Berge zu berühren, da reißt die dichte Wolkendecke auf. In einem atemberaubenden Kurs geht es hinab zum Luganer See. Beim Anflug auf den Flughafen Agno bei Lugano zeigt das südliche Tessin sonnenüberflutet seine reizvollen Kontraste: einsame Bergzüge neben mediterraner Seenlandschaft und rebenbewachsenen Hängen.

"Plötzliches Italien", sagte der Schriftsteller Franz Kafka, als er den Gotthard überquerte und das italienisch sprechende "Ticino" bereiste. Lässiges italienisches Flair mit Schweizer Präzision und Sauberkeit, aber auch Schweizer Preisen - nach Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs gefällt den Tessinern ihre Zwitterstellung zwischen zwei Ländern.

Nachdem die Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg unter dem italienischen Faschismus gelitten hatte, stehen heute italienische Mode, Design und Autos henauso hoch im Kurs wie ein Einkaufsbummel im Nachbarland. "Italianità" prägt das Lebensgefühl der Ticineser bis hin zu den Gaumenfreuden. Im Gegenzug schätzen die Italiener einen Arbeitsplatz in nahe gelegenen Schweizer Städten wie Lugano.

Der Südkanton, der lange Zeit gegen italienische Bischöfe, Schweizer Landvögte und französische Soldaten um seine Eigenheit kämpfte, ist mehr als nur Durchgangsweg auf der viel befahrenen Strecke vom Gotthard gen Italien.

Eingerahmt von den beiden "Zuckerhüten" Monte Bré und Monte San Salvatore, breitet sich Lugano in der weiten Bucht des Lago di Lugano aus. Mondän und beschaulich, wichtiger Finanzstandort und Flaniermeile, italienisch und dennoch schweizerisch korrekt zieht die größte Stadt des Tessins Geschäftsreisende und Touristen zugleich an.

Bei einem Spaziergang entlang der Seepromenade von Paradiso zum Villenvorort Castagnola stellt sich, trotz einiger baulicher Schandflecken wie dem verfallenen ehemaligen Grandhotel, schnell ein mediterranes Urlaubsgefühl ein.

Wen der Berg nicht ruft, der kann von Lugano aus mit dem Schiff nach Gandria fahren, einem kleinen ehemaligen Fischerort am Seeufer kurz vor der italienischen Grenze. Mittlerweile etwas touristisch, lohnt vor allem frühmorgens ein Besuch, wenn die Häuser noch verschlafen am Hang kleben. Wer noch einen Platz findet, sitzt am Abend beschaulich auf den Seeterrassen bei Pasta und Eglifilet, einem wohlschmeckenden Fisch.

Wanderschuhe sind dagegen zu empfehlen, wenn es mit der 100 Jahre alten Bahn auf den Luganer Hausberg Monte San Salvatore und von dort zu Fuß auf die Halbinsel Ceresio geht. Bergorte wie Tiono und Carona, teils mit lombardischer Bauernarchitektur oder Fassaden mit barocker Illusionsmalerei, liegen auf dem Weg.

Spielerische Leichtigkeit, umschmeichelt von der Sonne, von üppigen Hortensienbüschen, Putten und anderem steinernen Zierrat, lassen nicht vermuten, wie bitterarm das Tessin früher war. Stille Aussichten mit romanischen Kirchtürmen zu Füßen und ein grandioses Seepanorama in Vico Morcote sind die Belohnung nach einem mühsamen Abstieg über Hunderte von Treppen.

Morcote, direkt am See gelegen, ist fest in der Hand der Touristen. Bevor der Melide-Damm vor 152 Jahren nach Bissone gebaut wurde, war der Ort als letzte Bootsverbindung nach Ponte Ceresio am italienischen Ufer wichtiger als Lugano. Heute wälzt sich über den Brückendamm, ein unvermeidbares Nadelöhr von Nord nach Süd, täglich eine gigantische Blechlawine.

Auf der Bergstation Alpe Foppa des Monte Tamaro stimmt die eigenwillige Kirche Santa Maria degli Angeli von Mario Botta auf die kommenden Naturerlebnisse ein. Von außen wie ein Wehranlage anmutend, scheint der Besucher auf dem Weg zum Kreuz auf einem viaduktähnlichen Steg geradezu in der Luft zu schweben.

Unterwegs mit Bergkäse, Brotkuchen und Kastanienbier gestärkt, sind bei der Talabfahrt vom Monte Lema nach Miglieglia die Blüten der Kastanienbäume als luftige hellgelbe Farbkissen im dichten Grün nicht zu übersehen. Die Früchte waren früher das Brot der armen Tessiner Bauern. Fast 100 verschiedene Sorten der kleinen Esskastanien gibt es noch heute im Tessin.

Abends laden die Kastanienbäume im Tal zu einem geselligen Beisammensein unter freiem Himmel ein. Und wer am nächsten Morgen Bewegung braucht, kann in aller Frühe von Capolago mit der Zahnradbahn auf den Monte Generoso fahren.

Mit etwas Glück können Urlauber dort auf Gämsen stoßen, die Akrobaten der Berge. Eigentlich sind die Tiere ja scheu, aber auf dem Monte Generoso sollen sie die geringste Fluchtdistanz in der Schweiz haben. Wahrscheinlich liegt die Offenheit ähnlich wie bei den Tessinern auch bei den Gämsen an der Nähe zu Italien.