Travel Log Rom Der Bambini-Blick
Wenn sich in Rom zwei Kinder begegnen, beide gewöhnlich an den Händen ihrer telefonierenden Mütter, dann erscheint in ihren Augen dieser Robinson-Blick: "Großer Gott, ich bin nicht allein auf der Welt ..." Die Stadt ist so kinderlos, dass die Wahrscheinlichkeit für einen fünfjährigen Jungen, einen Gleichaltrigen zu finden, ungefähr so groß ist wie die Paarungschancen für Blauwale. Es gibt keine Kinder mehr in Rom. Die Fortpflanzungsrate der Italiener ist bekanntlich die niedrigste weltweit. Es gibt nur einen einzigen Staat auf dem Planeten, in dem noch weniger Kinder gezeugt werden. Der Vatikan.
Es gibt viele Gründe für den Gebärstreik der Italienerinnen. Einer ist knapp zwanzig Zentimeter breit und liegt am Rande der Via Aurelia Antica, wo unsere Tochter in den Kindergarten geht. Es ist der Bürgersteig zwischen Schultor und Bushaltestelle, eine Art Schwebebalken neben einer Ausfallstraße und begehbar eigentlich nur für Menschen, die noch an die Wiedergeburt glauben. Es gibt weder Ampelanlage noch Bordsteine. Die Schulleitung erklärt, sie habe doch nach langem Drängen einen Zebrastreifen durchgesetzt. Aber Zebrastreifen haben in Italien eine ähnliche Autorität wie das Kondomverbot des Papstes. Eine ältere Dame erklärte uns einmal allen Ernstes, diese weißen Streifen auf der Straße seien spezielle Parkplätze für Autos.
Rom ist für die Ewigkeit gebaut, nicht für Kinder. Um eine Schaukel zu finden, muss man in einen bestimmten, versteckten Winkel des Parks Villa Borghese kommen. Es gibt bei weitem mehr Bernini-Statuen in der Stadt als Klettergerüste. Es gibt mehr laufende Meter Renaissancegemälde als Fahrradwege.
Natürlich werden Kinder noch geliebt in Rom. Wie Pandabären und andere aussterbende Arten werden sie gestreichelt, geknuddelt und mit lustigen Lauten bedacht. Unsere Tochter hat Hornhaut am Kinn vom vielen Streicheln. In einer Pizzeria an der Via Salaria beugte sich eine Wildfremde zu ihr herunter und küsste sie. Mir ist das noch nie passiert. Außerdem hätte sie sich den Mund vorher abwischen können.
Weil Kinder so selten sind, werden die wenigen Exemplare mit vollem Einsatz großgezogen. Die erste Kindergeburtstagsfeier, zu der unsere Tochter eingeladen wurde, fand in einer unterirdischen Mehrzweckhalle namens "Big Bang" statt, am Westrand der Stadt gelegen und buchstäblich inmitten eines Autobahnkreuzes. Das Fest bestand darin, dass ein pausenlos redender Animateur mit Headphone auf dem Kopf die Kinder von einer Aktivität zur nächsten jagte. Es war wie Berlusconi-TV ohne Knopf zum Ausschalten. (Unsere Tochter war begeistert.)
Hohe Mieten, unreife Männer und der Zwang zur bella figura - das könnten Gründe sein für die lemminghafte Sehnsucht Italiens nach dem Aussterben. Und um die Geburtenquote weiter zu senken, schließen Schulen und Kindergärten im Sommer, von Ende Juni bis Anfang September. Ein Vierteljahr. Das ist lang. Und wenn beide Eltern berufstätig sind, klingt es wie lebenslänglich.
Auf der Suche nach einem Schwimmbad gerieten wir am Sonntag zum Foro Italico, einem Sportareal im Art-Déco-Stil und leicht zu erkennen an dem Obelisken mit der Aufschrift "Mussolini DUX". Die Schwimmhalle war hervorragend ausgestattet und völlig leer. Doch bevor wir noch "Danke, Duce" sagen konnten, wies der Bademeister uns darauf hin, dass die Anlage nur Leistungsschwimmern zur Verfügung stehe. Es solle aber irgendwo am Oberlauf des Tiber einen privaten Schwimmklub geben. Dann fing er an, unsere Tochter unter fortwährenden "Bella! Bella!"-Rufen am Kinn zu kraulen.