Tunis Die Schöne und der Schlendrian
Tunis - Ganz Tunis scheint mal wieder auf der Avenue Habib Bourguiba zu flanieren. Junge Frauen, manche mit Kopftuch, schlendern eingehakt auf der Prachtallee und steuern kichernd die letzte freie Bank an. Wer einen Stuhl in einem Café ergattert hat, ist ins Gespräch vertieft oder zeigt stolz sein neues Handy herum. In dem Gartenlokal nahe der großen Fontäne ist derweil Chicha-Rauchen angesagt: Schwerer Duft von Minze, Apfel und Banane erfüllt die Luft, den Freunden der Wasserpfeife wird eine ganze Aroma-Palette geboten.
Unterdessen wundert sich der Besucher aus Europa, dass er im "Café de la Terrasse" noch das zum Espresso bekommt, was man sich in Paris inzwischen meistens spart - ein Glas Wasser. Der schnauzbärtige Kellner nutzt diesen Augenblick der Verblüffung, um sich mit einem freundlichen Lächeln quasi als Trinkgeld eine Filterzigarette aus der Schachtel des Gastes zu angeln. Eine heitere Stimmung liegt über der Avenue, die sich als Champs-Elysées der tunesischen Hauptstadt fühlt.
Sehen und gesehen werden gilt in der Zwei-Millionen-Stadt wie überall sonst auf der Welt auch. Boutiquen, Restaurants, Cafés und Hotels pflastern die breite Allee, die von dem schlanken Uhrenturm ins Herz der ebenso selbstbewussten wie ehrwürdigen Metropole führt - also in die Medina, die ummauerte arabische Altstadt, und damit in das Labyrinth der Souks im Schatten der mächtigen Ez-Zitouna-Moschee. Was an Meeresseite als Spaziergang durch die Belle Epoque der französischen Protektoratszeit beginnt, endet so jenseits der Porte de France in dem dunkel-verschlungenen Reich der arabischen Händler.
Die beschwingte Welt der engen Jeans und eleganten Baumwollhemden, wie sie die "Jeunesse dorée" auf dem Boulevard vorführt, ist im Gewirr der verwinkelten Souk-Gässchen mit einem Schlag vergessen. Von Teppichen bis Töpfen wird alles feilgeboten, unter der unsichtbaren Glocke betörender Gerüche und Aromen. Und überall auf diesem schier unendlichen Basar wird gefeilscht oder bei einem Glas Tee getratscht.
Djerba und Hammamet ja - Tunis dagegen eher nicht oder höchstens als Tagesausflug. So lautet die lange gehegte Urlauberphilosophie. Doch Tunesiens Hauptstadt bietet mit dem Bardo das wohl attraktivste Museum Nordafrikas, die Ruinen des berühmten Karthago und den Künstlerort Sidi Bou Said samt der nahe gelegenen Sandstrände. Und nicht zuletzt beginnt abseits der Avenue Bourguiba sofort das Reich der Schuhputzer und Kleinhändler. Arabische Musik dröhnt aus den Läden, und die europäischste aller nordafrikanischen Städte zeigt ihre charmante orientalische Seite.
Tunis hat mehr als Marrakesch", sagen manche Weltenbummler, die doch immer dann Reißaus zu nehmen pflegen, wenn eine Destination zu sehr in aller Munde ist, die Pariser per direktem Wochenendflug dort einfallen oder man vor lauter Baukränen die Stadt kaum noch sieht. Tunis bietet durchaus Ansprechendes für Kulturfreunde. Schlagzeilen macht es, wenn Frankreichs Chefkoch Alain Ducasse in der Villa Didon bei Karthago sein weltweit siebtes "Spoon"-Lokal eröffnet. Die Heimat Hannibals öffnet sich so leicht und unbeschwert dem modernen Nomaden, der mit Reiseführer, Kamera und Spaß an allem Mediterranen anrückt.
Welt der warmen Farben
Vorgemacht haben es die Maler Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet, deren zweiwöchige Reise nach Tunis und Umgebung kurz vor dem Ersten Weltkrieg in die Kunstgeschichte einging. Was das Trio expressiv und farbenfroh in Öl oder als Aquarell festhielt, ist heute wie damals hochkarätige Werbung für eine Welt der warmen Farben, der anmutig-harmonischen Ornamente und einer ansprechenden Landschaft. Im über dem Golf von Tunis gelegenen Sidi Bou Said strahlt noch immer nahezu jeder Erker und jedes fein geschwungene Portal in den typischen Farben Weiß und Hellblau.
Mehr denn je zieht das schon von Klee und Macke besuchte "Café des Nattes" Touristen magnetisch an, wobei die Kenner lieber ein Stück weiter über den Dorfplatz hinausgehen und in einer der Nischen des "Café Sidi Chabaane" Platz nehmen. Denn hier ist Sidi Bou Said, das traumhafte Aushängeschild, ein wirklicher Balkon über dem Mittelmeer. Nur Gemurmel und ab und an klickende Kameras unterbrechen die Stille, während eine Sicht über den glitzernden Golf von Tunis dem Auge schmeichelt. Ganz in der Nähe liegt der schwer bewachte Palast des tunesischen Präsidenten Zine al-Abidine Ben Ali, aber auch das, was vom legendären Karthago der Phönizier übrig geblieben ist.
Nördlich des andalusisch geprägten Bergdorfes bietet sich der Golf bei La Marsa und Gammarth so schön geschminkt an wie die Côte d'Azur: Feine Sandstrände und mit Palmen bestandene Küstenabschnitte wechseln sich ab, dazwischen als Farbtupfer immer wieder prunkvolle weiße Villen, vorzugsweise mit Blick aufs Mittelmeer.
Die Reichen schotten sich ab
Landeinwärts auf dem Kamm der Hügel lassen saudische Investoren gerade für eine reiche Klientel "gated communities" errichten, bewachte Villenanlagen, wo man ungestört unter sich bleiben kann. "Das ist bei weitem das Vornehmste, was Tunis gegenwärtig zu bieten hat", meint ein Einheimischer mit einem leicht ironischen Unterton zu dem mit Geld gepflasterten Küstenstreifen, der dennoch so viel Atmosphäre bietet.
Die Metropole ist selbstbewusst nicht allein wegen ihrer äußeren Anziehungskraft - Tunis steht mit einem Bein fest in der Geschichte. Doch die Schöne sucht auch weiter ihren Weg in eine Zukunft voller Technologie und Lebensqualität. Immer sollte dabei Muße für etwas Schlendrian und einen Plausch auf der Prachtallee Bourguiba bleiben.
Hanns-Jochen Kaffsack, gms