Valencia Feuerwerk der Lebensfreude
Valencia - Wer seine Stadtbesichtigung im neuen Teil Valencias beginnt, begegnet gleich einer futuristische Anlage riesigen Ausmaßes: der "Stadt der Künste und der Wissenschaften". Wie gestrandete Raumschiffe liegen die von dem in Valencia geborenen Architekten Santiago Calatrava entworfenen weißen Betonbauten unter dem blauen Himmel. Die künstliche Stadt gilt auch als ein Ausgleich für die eher unbedeutende Rolle, die Valencia bislang im spanischen Tourismus spielt. Die Hauptstadt Madrid kennt schließlich ein jeder, Barcelona hatte die Olympischen Spiele, Bilbao tut sich mit seinem weltbekannten Guggenheim-Museum hervor, nur von Valencia ist zu Unrecht seltsam wenig zu hören.
Valencia ist mit seinen knapp 750.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Spaniens - trotz dieser Größe ist es eine angenehm kleinstädtische, aber dennoch sehr moderne Großstadt. Und nicht zu vergessen: Valencia ist eine Studentenstadt mit einem entsprechenden Nachtleben. Nicht nur am Wochenende herrscht in den engen Altstadtgassen rund um die Calle Caballeros ausgelassenes Gedränge.
Auf jedem noch so kleinen Platz stehen dicht an dicht Bistro-Tische, aus allen Seitengassen strömen Unternehmungslustige, Straßenhändler bieten Modeschmuck feil. Touristen und Einheimische genehmigen sich zur Feier des Abends das berühmte Stadtgetränk "Agua de Valencia", bestehend aus Cointreau, Orangensaft und Sekt - eine ziemlich süße Mischung. Auch am frühen Morgen sieht man noch Hungrige, die sich genüsslich über eine der riesigen Pfannen mit dampfender Paella hermachen.
Die Paella ist so etwas wie das Nationalgericht der Valencianos, die gerne sagen, dass die Originalpaella ihrer Region entstammt. Landarbeiter, die sich ihr Mittagessen auf dem Feld zubereiten mussten, sollen die Reispfanne einst zum ersten Mal gekocht haben. Der mit Safran gelb gefärbte Reis kommt entweder mit Fleisch - etwa Kaninchen oder Huhn - oder auch mit Meerestieren auf den Tisch. Unbedingt probierenswert ist auch die Paella-Variation, bei der anstatt Reis kurze Nudeln, die so genannten fideos, verwendet werden.
Überhaupt empfiehlt sich die Stadt für kulinarische Entdeckungsreisen - etwa mit einer Tour durch die vielen Bodegas von Valencia. Wer sich von den gastronomischen Hochgenüssen etwas mit nach Hause nehmen möchte, ist gut beraten, in die Markthalle an der Placa del Mercat zu gehen. Gleich gegenüber von der Markthalle befindet sich die Handelsbörse Lonja, die im spätgotischen Stil erbaut wurde. Im kühlen Inneren des hohen Saals machten früher Seidenhändler Geschäfte. Heute wird die Börse als Kulturzentrum für Ausstellungen und Konzerte genutzt.
Das ist ein für Valencia durchaus typischer Umgang mit dem Erbe. Auch die örtliche Stierkampf-Arena an der Plaza de Toros wird seltener für blutige Stierkämpfe genutzt als für kulturelle Veranstaltungen. Gleich neben der Arena liegt der gut erhaltene Jugendstilbahnhof, die Estación del Norte. Von hier aus fahren Züge nach Madrid, Barcelona, aber auch in den Küstenort Peñíscola.
Der liegt etwa 145 Kilometer nördlich, an der Costa del Azahar. An den Wochenenden schieben sich die Besucher hier dicht an dicht durch die Gassen hinauf zur eindrucksvollen Festung, die ihren Spitznamen "El Macho" - zu deutsch: "Der Kerl" - verdient. In der vom Meer umgebenen Trutzburg verschanzte sich einst der spanische Gegenpapst Benedikt XIII. Als sturer Papa Luna ging er in die Geschichte ein, widersetzte er sich doch monatelangen Belagerungen ebenso wie etlichen auf ihn verübten Giftanschlägen und wurde deswegen zu einer Art Nationalheiligem Spaniens.
Ein ebenso beliebtes Ausflugsziel wie Peñíscola ist das mittelalterliche Städtchen Morella, etwa 150 Kilometer nordwestlich von Valencia im Landesinneren gelegen. Morella liegt auf mehr als 1000 Meter Höhe. Schon von weitem ist das halb verfallene Kastell zu sehen, das den Ort überragt. Vom Kloster San Francisco aus führt ein steiler und kurvenreicher Weg nach oben. Weniger Lauffreudigen empfiehlt sich ein Besuch der Basilika Santa María la Mayor. Sie gilt nicht umsonst als eine der interessantesten gotischen Kirchen Spaniens.
Nur ein kleines Stück entfernt von Morella liegt das schläfrige Nest Forcall. In einem 600-Seelen-Dorf dürfte man eigentlich himmlische Ruhe erwarten, doch nachdem die Besucher im Hotel in den Schlaf gesunken sind, bricht vor dem Fenster ein Höllenlärm aus: Feuerwerkskörper, Kracher und sonstige Geräuschbomben explodieren lautstark auf dem vorgelagerten Platz. Die Hotelbesitzer entschuldigen sich am nächsten Tag zerknirscht. Sie hätten versucht, die Polizei zu rufen, aber gegen Hochzeitsfeste könne man eben nichts ausrichten.
Ohnehin sind Feuerwerkskörper in der Region sehr beliebt. Doch viel schöner als in Forcall aus dem Schlaf gerissen zu werden, ist es, das Schauspiel am nächtlichen Himmel von Valencia zu bestaunen. Dort werden immer wieder aus Spaß an der Freude Silvesterraketen gezündet. Wer am Abend in der Stadt spazieren geht, bleibt hier und da unvermutet stehen, um in den bunt erleuchteten Himmel zu starren und entlarvt sich so im Handumdrehen als Tourist. Die Valencianos selbst gehen nämlich zumeist weiter, als sei nichts geschehen.
Von Shirin Sojitrawalla, gms