Venedig-Tagebuch: Guckkasten des Karnevals - DER SPIEGEL
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Venedig-Tagebuch Guckkasten des Karnevals

Fast zehn Euro für einen Kaffee? Im Caffè Florian ist das nicht Wucher, sondern Platzmiete: Wer in den ehrwürdigen Räumen am Markusplatz sitzt, will gesehen werden - zur Karnevalszeit ist das nur den Reichen und Kostümierten erlaubt und Insidern wie der Hamburgerin Tanja Schulz-Hess.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die erste Nacht in venezianischer Luft war entspannend und ruhig. Beim Aufwachen merkte ich, dass ich stumm war - wie es sich für gute "Masken", also für venezianische Kostümfans ja auch gehört - ich habe meine Stimme verloren und kann nur noch flüstern. Kehlkopfentzündung? Ein Dottore wird es sich anschauen.

Heute sind letzte Arbeiten an den Kostümen dran. Alles wird ausgepackt, gebügelt, zusammengesteckt, repariert und fertig gemacht. Unser kleines gemietetes Apartment hat ein zweites Schlafzimmer, das wir jedes Jahr als Arbeits- und Stauraum benutzen. Eine italienische Freundin kam heute zur Anprobe vorbei. Gar nicht so einfach, ein Kostüm aus der weiten Ferne, quasi "blind" zu machen. Aber alles passt. Derweil zieht mein Mann Tobias, mit Tochter im Rucksack auf dem Rücken und Kamera vorne, auf Fotosafari. Mit dem Buggy hat man in Venedig keine Chance oder Freude. Noch wandeln in der Stadt nur wenige Verkleidete umher.

Am Vormittag sind wir in unserem "zweiten Wohnzimmer", dem wunderschönen, 1720 in Betrieb genommenen Caffè Florian mit seinen 2008 frisch, aber originalgetreu restaurierten Räumen, den "Glasvitrinen", wie wir sie nennen. Denn wer hier in Kostüm (oder auch ohne) sitzt, der will gesehen werden. Es ist der Guckkasten des Karnevals. Während der "heißen" Tage sogar mit Türsteher, der nicht jeden rein lässt. Es sei denn, man gehört seit Jahren "zur Familie" (bei uns dauerte es zehn Jahre, bis der Maitre uns "wahrnahm"), ist zum Sterben schön angezogen oder sieht nach viel Geld aus. So ist das im Karneval.

Platzmiete im Guckkasten

Die absurden Preise von 9,50 Euro für einen Cappuccino oder 8,50 Euro für einen Prosecco sollte man nicht ernst nehmen, sondern als "Platzmiete" für die Benutzung der schönen roten Samtsofas und -Stühle ansehen. Dafür darf man aber sehr lange sitzen, ohne schief angesehen zu werden. Das Florian ist eine eigene Welt, mit eigenen Gesetzen. Wenn man z.B. auch nur eine Minute zu spät zum Frühstück erscheint (um 11.30 Uhr ist Schluss, auch ein "Signore, das Baby, wir mussten noch mal wickeln..." hilft nichts), dann wird man mit Verachtung gestraft und darf nur etwas anderes wählen.

Doch die Schönheit dieses Hauses kocht jeden Touristen weich, alle reißen sich darum, hier sitzen und freiwillig viel Geld bezahlen zu dürfen. Und auch die herausgeputzten Kostümfans kommen immer wieder. Fotografen und Besucher drücken sich an den großen Scheiben die Nasen platt, staunen, grüßen und komplimentieren durch die Glasfronten.

Im Karneval kommen die "Arrivierten" in Kostüm auch gern abends, zu den Zeiten wo sonst schon die Bürgersteige hochgeklappt werden. Und das ist in Venedig, das nur noch etwa 60.000 Bewohner hat, die meiste Zeit so gegen 18 Uhr der Fall, wenn die Tagestouristen weg sind.

20 Jahre Kostüm-Reigen

Besonders angenehm ist es im Florian übrigens morgens gegen 10 Uhr, wenn es öffnet. Das genießt seit über 25 Jahren auch unser guter Freund Helmut. Der Pensionist kommt im Carnevale so gut wie jeden Morgen pünktlich hierher, um eine Kleinigkeit zu trinken. Das große, elegante Frühstück auf der silbernen Etagere mit den Florian-Marmeladengläschen und feinem Aufschnitt zu rund 30 Euro ist ein Traum, den man sich aber selten gönnt.

Helmut sitzt immer an seinem Stammplatz am Fenster. Schreibt Karten, knipst und beobachtet Leute. Seine dezente, ruhige Art macht es ihm leicht, die Kostümierten kennen zu lernen. Viele begleitet er seit Jahrzehnten. So wie Gianna, eine der wenigen Venezianerinnen, die sich kostümiert und auch ihre Gewänder selbst fertigt. Gianna zieht sich gern auch öfter am Tag um, und über die letzten 20 Jahre hat Helmut fast alle ihre Verkleidungen fotografiert. Ein sehr interessanter Bilderbogen, über so lange Zeit.