Venedig-Tagebuch: Poesie im Palazzo - DER SPIEGEL
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Venedig-Tagebuch Poesie im Palazzo

Schrill oder elegant, mysteriös oder verspielt: Mit spektakulären Kreationen kämpfen die Wettbewerber beim Karneval in Venedig um den Titel des besten Kostümmachers. Zweimal gewann Tanja Schulz-Hess - für SPIEGEL ONLINE berichtet sie exklusiv vom bunten Treiben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist Sonntag, 11.55 Uhr. Unser Flugzeug fliegt langsam auf die Inselstadt zu. In fünf Minuten fängt der Karneval von Venedig richtig an und der Flugkapitän war auf unsere Nachfrage so freundlich, mit dem Tower eine Extrarunde über die Stadt auszuhandeln. Der traditionelle "Flug des Engels" - heutzutage gleitet dabei ein meist prominenter Gast an einem Stahlseil quer über den Markusplatz - eröffnet die größeren Feierlichkeiten der nächsten zehn Tage. Ist es ein gutes Omen, dass wir zur gleichen Zeit über die Stadt fliegen wie der Engel über den Markusplatz? Wir werden sehen, sind gespannt und freuen uns auf das poetische Treiben in der Stadt.

Etwa 1,5 Millionen Menschen kamen im Schnitt in den vergangenen Jahren zum Carnevale di Venezia. Die Besucher bringen den Geschäftsleuten der Stadt um die 80 Millionen Euro ein. Dieses Jahr dürfte es wegen der Krise, die auch Venedig stark spürt, ein bisschen weniger werden. Aber vielen Venezianern wird es dennoch zu viel Trubel sein.

Wir kommen seit zehn Jahren regelmäßig zum Karneval. Jedes Jahr ist etwas Besonderes. Gerade für passionierte Kostümmacher wie mich. Man trifft zwar immer wieder die gleichen Leute, doch jeder erfindet sich jedes Jahr neu. Größer, schöner und ausgefallener müssen die Gewänder sein. Von den besonders exklusiven Treffpunkten der Kostümverrückten erfährt man erst, wenn man nach einigen Jahren wirklich dazugehört.

Wer schmeißt eine "dunkle Party" hinter verschlossenen Türen? Wo treffen sich die Maskierten zum Fotoshooting bei Sonnenaufgang? Wie wird man dazu eingeladen? Wer tummelt sich auf den illustren Bällen in den pompösen Palazzi, die zwischen 250 und 1000 Euro Eintritt kosten? Wer wird den internationalen Wettbewerb auf dem Markusplatz dieses Jahr gewinnen? Einige dieser Geschichten, die weit über das Klischee vom Karneval in Venedig hinausgehen, wollen wir in den nächsten Tagen erzählen.

Mit Übergepäck im Lastenkahn

Das Glück scheint uns diesmal hold zu sein, denn ausnahmsweise sind alle Koffer angekommen. Oft mussten wir schon tagelang auf Gepäck warten, denn in Venedig dauert es immer lange, bis die Auslieferung via Lastenkahn den Weg in die Stadt findet. Und das Wetter scheint auch mitzuspielen: Anders als im kalten, trüben Deutschland steht hier die Sonne am strahlend blauen Himmel und lässt die 6 Grad wie gefühlte 15 wirken.

Alles da, gut, dann los. Die Buslinie Nummer fünf - mit 2,50 Euro der unschlagbar günstigste Weg vom Flughafen nach Venedig - juckelt gemütlich und rammelvoll in einer halben Stunde zur Piazzale Roma, dem Busbahnhof Venedigs. Dort das übliche Spiel mit den Wasserbusfahrern: "Wie, so große Kisten und Koffer? No, no, no...Signora." "Aber Signore, es ist Carnevale, die Kostüme...bitte, bitte..." Unser Hausmeister Signore Franco, der uns abholt, regelt die Probleme.

Über den Canal Grande ziehen volle Boote, unseres legt kurz hinter der Rialto-Brücke an. Noch um ein paar Ecken, dann gelangen wir zu unserer Unterkunft, die laut Donna Leon das Haus von Commissario Brunetti sein soll. Zumindest die Adresse ist die aus Leons Büchern. Doch der Rest ist schriftstellerische Freiheit. Das echte Treppenhaus hat keine Ähnlichkeit mit dem im Buch, die Dachterrasse und den illegalen Anbau gibt es hier nicht. Ausgerechnet dort zu wohnen ist eine amüsante Illusion - wie vieles in dieser Stadt.

Die ersten Tage verlaufen eher ruhig, nach und nach kommen die Kostümmacher an mit ihren Tausenden Tüten, Koffern und Kisten. Einige reisen sogar mit einem Lastwagen an. Zum Beispiel unser Freund Allessandro aus Bologna. Er wurde im letztjährigen Wettbewerb Zweiter und ist hoch motiviert, dieses Jahr alles zu geben. Und Allessandro gibt viel. 2008 "ritt" er als bourbonischer Edelmann verkleidet auf einem um seinen Bauch gebundenen Polyesterpferd, geführt von einem Knappen. Im September 2008 bekam er einen vierfachen Herz-Bypass und jetzt, ein paar Monate später, packt er einen Lkw voll mit noch größeren Kostümen. Man muss schon verrückt sein, um den Karneval so zu lieben. "Man lebt nur einmal", sagt Allessandro dazu nur lakonisch.

Mit neun Kostümen im Wettbewerb

Aber auch wir gehören zum harten Kern der etwa 20 Kostümfreaks, die seit Jahren den großen internationalen Wettbewerb unter sich ausmachen. Dieses Jahr habe ich insgesamt neun Kostüme gemacht. Warum eins nicht reicht? Ich habe so viele Ideen, dass ich mich nie entscheiden kann, welches Kostüm ich machen soll.

Man hat mir schon vorgeworfen, zu gewinnen sei mein einziges Ziel. Doch so ist es nicht. Wie viele andere, die immer wiederkommen, liebe ich einfach das Machen und Tragen der Gewänder, die man sonst im modernen Leben niemals anlegen könnte. Der Geist ist frei in Venedig. Hier darf jeder für zwei Wochen so sein, wie er es im Herzen ist oder gern wäre. Bunt und schrill, elegant und vornehm, mysteriös und spielerisch, alles hat hier seinen Platz. Man respektiert und beachtet sich.

Dennoch es in Venedig eher ruhig und zurückhaltend. Es gibt wenig lautes Bohei. Die zarte Poesie der bröckelnden, verblichenen Stadt ist ihr stärkstes Argument, hier und nicht woanders den Karneval zu erleben. Venedig mit seinem morbiden, aber authentischen Charme macht die Hälfte der Atmosphäre aus. Man läuft nicht nur durch irgendeine Straße in irgendeiner Stadt, um zu feiern. Ohne die Stadt an sich, die mit den Menschen verschmilzt, wäre der Karneval hier nicht derselbe. Hier verschwimmt das Alte mit dem Neuen und dem Hier und Jetzt. Deshalb wird es nie langweilig. Viele kommen ihr halbes Leben immer wieder hierher und finden im Karneval die Balance für ihr ziviles Leben.

Heute machen wir noch, was in vielen Hotels und Apartments für alle Kostümleute ansteht: auspacken, sortieren, Transportschäden reparieren, Kostüme entfalten, letzte Konstruktionen zusammenbauen. Und erst mal Atem schöpfen, einmal durchs Sestiere, den Stadtteil stromern, ein Käffchen in der geliebten Bar an der Ecke nehmen und einen Moment angstvoll zum Himmel schauen: Hoffentlich hält sich das gute, trockene Wetter.