Venedig-Tagebuch Stadt der Plagiate
Wir wundern uns schon den zweiten Tag, dass es immer noch so angenehm leer in Venedig ist. Um diese Zeit wurde es in den letzten Jahren immer schon voll, und es gab viele interessante Kostüme zu sehen. Heute früh um 7 Uhr - Tobias hatte sich zum frühen Stelldichein bei Sonnenaufgang mit den Masken aufgemacht - waren zwar circa 50 Fotografen auf dem Markusplatz, aber nur etwa 20 Masken, von denen die Hälfte noch nicht mal besonders schön war.
Seltsam. Schlägt die Wirtschaftskrise doch zu, und viele Leute bleiben einfach zu Hause, wie auch einige unserer Freunde, die sonst keinen Karneval ausgelassen haben? Oder kommen die Leute einfach nur später und kürzer, um Geld zu sparen? Fragt man die Venezianer, kommt nur: "Ja, die Krise merken wir schon sehr, aber der Karneval war eigentlich immer eine sichere Wette, und wir hoffen auf gute Umsätze."
Unter den wenigen ersten Kostümen sind einige der wirklich hartgesottenen "üblichen Verdächtigen". Mit Amüsement habe ich schon zwei Kopien meiner beiden Gewinnerkostüme auf dem Markusplatz gesehen. Selbst ein alter Bekannter hat meine Idee der Montgolfiera aufgegriffen und versucht, noch einen drauf zu setzen. Venedig ist eben eine Stadt der Plagiate - mal besser, mal schlechter. Mal sehen, was die Jury, die diesmal von der Oscar-prämierten Kostümdesignerin Gabriella Pescucci angeführt wird, sagt und ob sie die Gewinner-Ideen der letzten beiden Jahre nochmals prämieren wird.
Wer lebt schon gerne auf dem Präsentierteller
Heute werfe ich mich das erste Mal in Schale und treffe mich mit einem Fotografen, der seit 26 Jahren den Carnevale fotografiert. Der Münchner Thomas Schuster hatte mir ganz überraschend tolle Fotos von uns aus den letzten Jahren geschickt, und wir verabredeten uns gleich für eine dezente Fotosession an den ruhigen Tagen. So geht es oft in Venedig. Fotografen und Masken sehen sich jahrelang aus der Ferne und fangen plötzlich an, miteinander zu sprechen, sich gegenseitig zu inspirieren und Geschichten und Erfahrungen auszutauschen. Oft entstehen dadurch wunderbare Freundschaften und besonders schöne Fotos.
Wir verziehen uns in das Venedig abseits der ausgetretenen Pfade, das Venedig der Venezianer. Apropos: Das Verhältnis der Venezianer zu den Touristen und besonders dem Karneval ist sehr ambivalent. Viel Einheimische leben vom Tourismus und verfluchen ihn und die neugierigen Menschen gleichzeitig. Wer lebt auch schon gerne ständig auf dem Präsentierteller. Aber seit Jahrhunderten war es in Venedig nie anders: seitdem die Stadt die monetären Vorzüge der Gäste entdeckt und nutzen gelernt hat.
Trotzdem, für die wenigen Venezianer sind die langsam umherschlendernden Touristen oft einfach ein Verkehrhindernis. Besonders auch auf den Vaporetti, den Wasserbussen. Zwar müssten die Bewohner sich irgendwann mal daran gewöhnen, was sie aber genauso wenig tun wie manche Hamburger, die stetig über die "feuchte Luft" (also Regen) lamentieren.
Wenn es Carnevale wird in Venedig, dann tritt eine Massenflucht ein. Jeder, der kann, verschwindet zum Skifahren oder auf sonstige Trips, mindestens für ein oder zwei Wochen. Das ist ein durchaus einträglicher Deal für viele geschäftstüchtige Städter. Denn manche Wohnung wird für diese Zeit an Karnevalsüchtige zu horrenden Mieten untervermietet. Über 1000 Euro pro Woche sind keine Seltenheit. Da ist die eigene Reise schnell finanziert, und man hat den ganzen Trubel nicht. Die Venezianer sind schon schlau.
Frischer Fisch vom Rialto-Markt
Gestern war ich immer noch fast stumm, aber die Antibiotika des Dottore scheinen das Problem einzudämmen - zumindest für den Carnevale. In aller Herrgottsfrühe ging ich auf den wunderbaren Gemüse- und Fischmarkt am Rialto. Die noch trübe Luft und die herumeilenden Venezianer treiben mir ein entspanntes, glückliches Lächeln aufs Gesicht. In einer kleinen Bar um die Ecke nehme ich schnell im Stehen einen Cappuccino - so wie es die Italiener machen. Übrigens: Nach 10 Uhr wird Kaffee mit Milch versetzt nur noch von Touristen getrunken.
Der Rialto-Markt ist ein magischer Ort, besonders so früh am Morgen, wenn die Händler ihre Waren aufbauen und schön dekorieren. Das Licht am Canal Grande wird langsam von milchig zu klar, und die Sonne glüht durch die knallroten Vorhänge an der Fischhalle. Mit eine Tüte voll frischem Fisch und Grünzeug, das es bei uns nicht gibt, und seligem Wohlgefühl schlendere ich zurück. Am Abend werden wir in unserer kleinen Kochnische kochen. Ein geruhsamer Tag, genau richtig, um vor den "heißen Tagen" noch etwas Energie zu tanken.