Waldorf=Astoria: Extravaganz mit Gleichheitszeichen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Waldorf=Astoria Extravaganz mit Gleichheitszeichen

"Wer den einfachen Bindestrich verwendet, entlarvt sich als Neuling", sagt James Wm. Blauvelt, Catering-Direktor und Hüter der Hotel-Geschichte. Für einen Besuch im Waldorf=Astoria sollte man Zeit mitbringen, damit einem die Details nicht entgehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie in keiner anderen Luxusherberge in New York spürt man hier die Geschichte der Stadt - und das bis ins kleinste Detail hinein, wie das Gleichheitszeichen im Namen erahnen lässt. Nur zum Schlafen und Essen ist das wohl berühmteste Hotel Amerikas deshalb wirklich zu schade.

Für den von deutschen Einwanderern abstammenden Millionär William Waldorf Astor war das alte "Waldorf" vor mehr als hundert Jahren die Verkörperung seines Traums: Es sollte amerikanischen Komfort und europäische Eleganz verbinden. "Dass von jedem Zimmer ein eigenes Bad abging, wurde damals noch weithin bewundert", sagt Blauvelt. Die Gäste strömten herbei, und der Hausherr schlug seinem Cousin John Jacob Astor IV. den Bau eines weiteren Hotels nebenan vor. 1897 war das "Astoria" fertig. Mit dem "Waldorf" verband es ein überdachter Korridor, symbolisiert durch das Zeichen "=" im neuen Doppelnamen.

Unter der alten Adresse am Schnittpunkt von Fifth Avenue und 33. Straße findet man das Haus längst nicht mehr. Es wurde 1929 abgerissen, um Platz für einen noch berühmteren Bau zu schaffen - das Empire State Building. Die Astors ließen sich das Grundstück fürstlich bezahlen, um an der inzwischen weit vornehmeren Park Avenue das neue Haus zu errichten. An Eleganz und Größe sollte das erste Wolkenkratzer-Hotel, das mit seinen 2200 Zimmern und Suiten einen ganzen Block zwischen Park und Lexington Avenue einnimmt, alle Luxusherbergen der Alten Welt in den Schatten stellen.

Im Art-Deco-Stil gestaltet, mit Mahagoni-getäfelten Fahrstühlen, Wandmalereien, Orient-Teppichen, Mosaik-Fußböden, alten Stilmöbeln und der berühmten Goldsmith-Uhr der Chicagoer Weltausstellung von 1893 in der Haupthalle ist das Haus heute noch eine Zurschaustellung von Reichtum und Überfluss. Wer von der Park Avenue aus durch die prunkvolle Eingangshalle schlendert, vergisst rasch die lärmende New Yorker Straßenhektik und taucht in eine andere Welt ein - eine Welt vornehmer Gelassenheit, wo im Antiquarität Originalausgaben von Mark Twain durchblättert und in Designer-Boutiquen mehr oder weniger verschämt nach Preisschildern gesucht werden kann.

Dabei schien der Traum noch kurz vor Baubeginn zu platzen: Am 25. Oktober 1929, dem berühmtesten Freitag in der Geschichte New Yorks, unterschrieben die Astors die Verträge mit den Banken. Zwei Stunden danach stürzten an der Wall Street die Aktienkurse ins Bodenlose. Für das Hotel erwies sich die Weltwirtschaftskrise aber als Vorteil: "Man konnte die besten Kunsthandwerker und das edelste Material plötzlich unverschämt günstig bekommen", sagt Blauvelt. "Nach heutigen Preisen könnte niemand mehr ein Hotel derart üppig, ja fast verschwenderisch ausstatten."

Üppig fällt im Waldorf=Astoria heute noch so manches aus - der sonntägliche Waldorf Brunch zum Beispiel. Das Büfett ist so riesig, dass es nach dem Vorbild des Schlaraffenlandes aus dem Restaurant "Peacock Alley" herausquillt. Bis in die Haupthalle hinein und um die Goldsmith-Uhr herum erstrecken sich die reich gedeckten Tische. Nie werden weniger als 22 verschiedene Nachspeisen geboten. Und das Ganze gibt es für einen Schnupperpreis, jedenfalls an New Yorker Maßstäben gemessen: 59 Dollar pro Person, zuzüglich der Steuern.

Geradezu generös fallen auch die Steaks in der "Bull and Bear Bar" aus, die regelmäßig von der "New York Times" zu den drei besten Pubs der Stadt gezählt wird. Der Mahagoni-Tresen ist für viele der gemütlichste Treffpunkt im Hotel - auch weil er einer der wenigen in New York ist, wo man noch ungestört dicke Zigarren rauchen darf.

Manche ziehen aber auch den persönlichen Service vor, mit dem die Bewohner der Edel-Suiten von Butlern umsorgt werden. Die 101 VIP-Appartements befinden sich in einem Sonderteil des Hotels, wo dem "normalen" Luxus noch ein paar Sahnehäubchen draufgesetzt werden. Wer in den "Waldorf Towers" absteigt, die sich vom 28. bis zum 42. Stock erstrecken, kann das Essen im eigenen Speisezimmer auftischen lassen und seine Gäste danach ins Kaminzimmer zum Cognac bitten.

Ein Wochenende in der "Royal Suite" ist für rund 10.000 Dollar zu haben. Wer als Bewohner der Towers seine Nachbarn zum Drink bittet, kann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Weltprominenz die Hand schütteln. Wer gerade da ist, verrät das Hotel natürlich nicht.

Dafür erfährt man, wer früher schon mal im Waldorf=Astoria wohnte: KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow gehörte ebenso zu den Gästen der Towers wie der Schah von Persien und Mafia-Boss Lucky Luciano. Für alle, die beim Gedanken an die Übernachtung in einer Suite die Angst vor einer persönlichen Wirtschaftskrise überkommt, hält das Hotel aber auch vergleichsweise schlichte Doppelzimmer bereit - manche sogar schon für 219 Dollar pro Nacht, was für New York fast schon ein Schnäppchen ist. Bis zu 569 Dollar kann ein Doppelzimmer im "Normalteil" des Hotels kosten. In jedem Fall kommt auch dort der Zimmerkellner in weißen Handschuhen.

Servieren lassen können sich Gäste etwa den Waldorf-Salat, der von Oskar Tschirky, dem ersten Küchenchef des alten Waldorf, erfunden wurde. In der puren Form besteht er aus klein geschnittenen Äpfeln - Granny-Smith und Golden Delicious zu gleichen Teilen - Sellerie, Mayonnaise und zarten Salatblättern.

Selbst als gehackte Walnüsse als Zugabe immer beliebter wurden, schickte Tschirky die Kellner mit einem strengen Verweis zurück in die Küche, wenn er Spuren von Nüssen auf dem Teller entdeckte. "Das Andenken an Oskar werden wir zwar immer in Ehren halten", sagt Catering-Chef Blauvelt. "Doch beim Waldorf-Salat zeigen wir Anpassungsfähigkeit und Toleranz." Deshalb wird er längst in vielen Varianten angeboten - auch mit gerösteten Nüssen, Joghurt, Erdbeeren sowie weißem Trüffelöl oder Trüffelpüree.