Warschau: Das Wunder an der Weichsel - DER SPIEGEL
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Warschau Das Wunder an der Weichsel

Seit der Wende und dem Ende der Visumspflicht strömen die Touristen zahlreicher denn je in die polnische Hauptstadt. Neben der Altstadt darf ein Besuch der ehemaligen jüdischen Stadtteile bei keinem Warschau-Urlaub fehlen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Warschau - "Auferstanden aus Ruinen" - die ersten Worte der Nationalhymne der verflossenen DDR würden ebenso gut auf Warschau passen. 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, war die polnische Hauptstadt ein Trümmermeer, neun von zehn Häusern hatte die Wehrmacht dem Erdboden gleichgemacht. Es grenzt an ein Wunder, dass der Warschau-Besucher davon heute nichts mehr merkt.

Auf den ersten Blick stehen in der Weichsel-Metropole sogar mehr Altbauten als in Städten vergleichbarer Größe in Deutschland. Wer genauer hinsieht, wird allerdings feststellen, dass in der mittelalterlich anmutenden Altstadt kaum ein Haus älter als 50 Jahre ist. Vielmehr griffen die Stadtväter beim Wiederaufbau auf historische Stiche, alte Fotografien und Stadtansichten aus dem späten 18. Jahrhundert zurück.

Um der Altstadt die nötige Patina zu verleihen, wurde der Putz systematisch mit Rissen und Löchern versehen. Kritiker mokierten sich zwar über "Disneyland" und "potemkinsche Dörfer" an der Weichsel, der polnischen Bevölkerung hat das Aufbauwerk aber gefallen. Und auch den zahlreichen Touristen, die jedes Jahr in die polnische Hauptstadt strömen.

Am besten beginnen Besucher ihren Rundgang am zentralen Schlossplatz (Plac Zamkowy). Hier steht die Sigismund-Säule, ein Wahrzeichen der Stadt. Das im frühbarocken Stil gestaltete Schloss, dessen Anfänge bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen, kann dienstags bis sonntags besichtigt werden - am Sonntag ist der Eintritt kostenlos.

In den umliegenden Gassen finden sich - im Gegensatz zum Rest der Stadt - keine grell leuchtende Neonreklame und keine Werbeplakate. Statt dessen sind die Ladenschilder schmiedeeisern, und wie in Wien lauern Pferdedroschkenkutscher auf touristische Kundschaft.

Warschaus ältestes Gotteshaus ist die um 1400 errichtete Kirche Johannes des Täufers. Sie liegt zwischen Schloss und Marktplatz. In einer Seitenmauer ist eine Panzerkette des deutschen Panzers eingelassen, der 1944 an der Zerstörung der gotischen Kathedrale beteiligt war.

Südlich der Altstadt verläuft der "Königsweg", der das Stadtschloss mit der Residenz Wilanow, einem der bedeutendsten Kulturdenkmäler des Landes, verbindet. Die Straßen Krakauer Vorstadt (Krakowskie Przedmiescie) und Neue Welt (Nowy Swiat) sind Warschaus Flaniermeilen, auf denen Geschäftsleute mit Handy ebenso zu sehen sind wie Warschauer Damen mit Pelz und Pudel.

Hier finden sich auch die beiden interessantesten Warschauer Hotels: Das "Bristol", ein Grandhotel von 1911, ist frisch renoviert und beherbergt im Erdgeschoss ein Jugendstil-Café. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht das "Europejski" von 1857, Warschaus ältestes Hotel, dessen Innenleben allerdings noch immer der Hauch des Sozialismus anhaftet.

Ein Warschau-Besuch wäre nicht komplett ohne einen Rundgang durch die ehemals jüdischen Stadtteile nordwestlich der Altstadt. Doch dort, wo einmal das Ghetto war, umzingeln heute trostlose Plattenbauten das Denkmal der Helden des Ghettos - der Ort, an dem Willy Brandt 1970 niederkniete.

Nach jüdischen Spuren müssen Besucher lange suchen. Die Nozyk-Synagoge in der Grzybowska-Straße ist die einzige, die den Krieg überlebte. Ganz in der Nähe (Plac Grzybowski 12) steht das Jüdische Theater, das als einziges in Europa Stücke und Musicals in jiddischer Sprache aufführt.

In der Zlota-Straße 62 finden Touristen im Hinterhof einen Rest der drei Meter hohen ehemaligen Ghetto-Mauer, die aus Ziegelsteinen und Stacheldraht bestand. Genauso hoch sind auch die marmornen Wände des Denkmals im Stadtteil Muranow. Seit 1988 erinnert das Mahnmal daran, dass von hier aus rund 300.000 Juden ins Vernichtungslager Treblinka deportiert wurden.

Nicht weit entfernt an der Okopowa-Straße liegt der Jüdische Friedhof von 1806, der die Kriegszeit unversehrt überstanden hat. Mit über 100.000 Gräbern ist er einer der größten Europas. Hier liegen unter anderem der Pädagoge Janusz Korczak und Ludwik Zamenhof, der Erfinder der Kunstsprache Esperanto, begraben.

Informationen:

  • Polens Hauptstadt kann mit dem Eurocity von Berlin (sechs Stunden) oder dem EuroNight-Zug von Köln (knapp 14 Stunden) erreicht werden. Die polnische Fluggesellschaft LOT fliegt von sieben deutschen Flughäfen nach Warschau. Zur Einreise wird ein Reisepass benötigt.
  • Zwei Zloty entsprechen rund einer Mark; Geld kann am bequemsten in den "Kantor" genannten Wechselstuben getauscht werden.
  • Warschau ist ganzjährig ein Reiseziel. Das Klima entspricht den gewohnten mitteleuropäischen Verhältnissen.
  • Informationen beim polnischen Fremdenverkehrsamt, Marburger Straße 1, 10789 Berlin, Tel.: 030/210 09 20.


Gregor Garbassen