Weihnachtsschaufenster: Die Krippen des Konsums
Weihnachtsschaufenster der Luxushäuser Krippen des Konsums
Berlin - Einmal vergaßen die Kunden fast das Einkaufen, so atemberaubend war die Dekoration. Ein Weihnachtsmann, der von einem überdimensionierten Stuhl winkte, mannshohe Tische, ein riesiger Teddybär, Regale, die in den Himmel wuchsen. "Die Menschen sollten sich fühlen wie in ihrer Kindheit, als Weihnachten noch wie ein Wunder wirkte und alles viel größer als sie selbst erschien", sagt Norman Plattner.
Der 37-Jährige hat sich schon einige Themen für die Weihnachtsdekoration des KaDeWe ausgedacht. Seit 2008 ist er Chef des Visual Merchandising im Berliner Luxuskaufhaus nahe des Kurfürstendamms. Gut angekommen sei das Konzept damals, sagt er. Die Menschen sollten staunen und träumen, sich inspiriert fühlen, das sei gelungen.
Damit dies gelingt, beginnt Plattner jedes Jahr im Dezember schon mit der Vorbereitung fürs nächste Jahr. Er setzt sich mit einem Team von Schaufensterdekorateuren zusammen und fragt: Was ist Weihnachten für euch? Was macht das Fest besonders? Welche Rituale und Dinge gehören zum Winter? Und: Wie können wir etwas Eigenes daraus machen? Für dieses Jahr fiel die Wahl auf den Zirkus. "Um Weihnachten zeigen viele Zirkusse in Berlin besondere Shows, da gehen die Leute mit ihren Kindern rein", sagt Plattner.
Alles darf romantischer und verspielter sein
Jedes der Fenster zur Tauentzienstraße wirkt nun wie eine kleine Manege, bevölkert mit hölzernen, glaskugelbesetzten Silhouetten von Tigern, Seehunden und Elefanten. Den Schaufensterpuppen wurden schwarze Zwanziger-Jahre-Bubiköpfe und rote Kussmünder gemalt. Auf dem verspiegelten Boden liegen große goldglänzende Kugeln. Ein Holzrahmen hinter der Scheibe gibt dem Ganzen Guckkasten-Charakter, ein Vorhang an der Rückwand sorgt für den Showeffekt.
Das Kind im Menschen ansprechen - das versuchen in der Vorweihnachtszeit all jene, die etwas verkaufen wollen. Die Präsentation der Produkte darf romantischer, verspielter und phantasievoller sein als in den übrigen Monaten. Weltweit stecken die Luxuskaufhäuser besonders viel Aufwand in ihre Schaufenster. Hinter verhängten Scheiben basteln ihre Dekorateure liebevoll und tagelang an künstlichen Landschaften, in denen sie glitzerndes Geschmeide, Designerhandtaschen, Pralinen und Champagnerflaschen drapieren. Manche platzieren keine Produkte in den Auslagen, sondern bauen aus künstlichen Zweigen, Häuschen, Koffern, Geschirr und Möbeln dreidimensionale Tableaus.
Für Touristen, die zum Einkaufen in die Weltstädte reisen, ist schon das eine Attraktion. Fenster von Harrods und Selfridges in London oder Bergdorf Goodman , Barney's und Saks in New York zählen zu den festen Sightseeing-Adressen der Saison. Und selbst in Berlin rufen Leute aus ganz Deutschland an: "Wann sind eure Weihnachtsfenster fertig? Dann komme ich." Plattner hört solche Fragen schon Wochen vor der Eröffnung. Diese verlief in Berlin ganz unspektakulär. Über Nacht waren die Fenster eingerichtet.
Kilometerweise Nylonfäden für die Marionetten
Andere lüften die Vorhänge mit großem Tamtam. Das Kaufhaus Printemps in Paris flog eigens Hollywood-Star Gwyneth Paltrow ein, damit sie an der Kordel zog. Paltrow lächelte für die Fotografen und winkte im Prada-Kleid. Kein Zufall: Das italienische Modehaus hat in diesem Jahr die Schaufenster bei Printemps gestaltet. Mit kostümierten Teddybären, eigens für dieses Ereignis entworfenen Kleidern, Anzügen, Halstüchern und Kerzen sowie reichlich vom Besten, was das Haus zu bieten hat.
Dafür, dass die Bären auf Skipisten, in einem Modeatelier und um einen gigantischen Gewürzkuchen herum hopsen, sorgte der Marionettenkünstler Jean-Claude Dehix. Wenn ein Kaufhaus mit einer Idee auf ihn zukommt, feilt er in Kleinstarbeit gemeinsam mit Dekorateuren, Licht- und Toningenieuren an der Szenerie. "Es ist wie ein Puzzle", sagte er dem Pariser Magazin "L'Express" . "Erst bauen wir die Mechanik auf, dann setzen wir die Puppen in Szene." In der Schneelandschaft werden die Bären bis zur Schließung der Fenster am 4. Januar insgesamt 1200 Kilometer auf ihren Ski zurücklegen. Kilometerweise Nylonschnüre verbraucht er jedes Jahr. Und nicht nur bei Printemps.
Dehix arbeitet auch für die Galeries Lafayette , das Konkurrenzhaus 300 Meter weiter am Boulevard Haussmann. Das bespielt seine Fenster gerade mit Szenen aus dem französischen Volksmärchen "Die Schöne und das Biest". Dehix lässt Tier- und Menschenpuppen zu Musik tanzen, Eulen zwinkern, Uhren pendeln. Die Puppen tragen Kostümchen aus der Kinderkollektion Little Marc Jacobs - für die Pariser und ihre Medien sind die Designerfenster alljährlich ein großes Ereignis. Für deutsche Seh- und Hörgewohnheiten allerdings wirkt all das recht überdreht.
"Wir haben das Licht gedimmt und auch die Musik ziemlich leise gestellt", sagt Plattner vom KaDeWe. "Die Leute haben vor Weihnachten ohnehin genug Stress." Für ihn gilt nicht "viel hilft viel", es käme vielmehr darauf an, dass alles gut zusammenpasst. Der Kunde solle sich wohl fühlen, wenn er in die Fenster schaut oder den Lichthof im Erdgeschoss betritt.
Tischler und Schlosser werden eigens engagiert
Dazu gehört, dass Farben und Stil der Fenster auch mit dem Sortiment im Haus zusammenpassen. Deshalb fragt er frühzeitig die Modeexperten des KaDeWe nach den Trendfarben des Winters. Für 2013 rieten die Kollegen zu Bordeauxrot und Petrol. Auch die Einkäufer des Hauses werden konsultiert: Welche neuen Produkte gibt es in euren Abteilungen? Was sollen wir in die Fenster legen? Die Marketingabteilung sorgt dafür, dass auch im Kundenmagazin zum Saisonstart Zirkusmotive auftauchen. Zum Beispiel Balustraden, die später auch in Fenstern und in der Verkaufsmanege im Lichthof stehen.
20 bis 25 Tonnen Material hat das Kaufhaus in seiner Weihnachtsdekoration verbaut, 10.000 Teile Baumschmuck, 1500 Glühbirnen, 50.000 mundgeblasene Glaskugeln und 500 Meter Samt- und Satinband. Tischler, Schlosser und Teppichverleger werden alljährlich engagiert, die feinere Arbeit erledigen rund 20 hauseigene Dekorateure, zuerst im Atelier im achten Stock, wo ein Probefenster eingerichtet wird, dann im Erdgeschoss. Wenn es ans Schmücken geht, schaut Plattner nur noch zu: "Die Kollegen haben ein Gespür dafür, wo sie eine Kugel hinstecken müssen", sagt er. "Ich bleibe lieber beim Konzipieren."
Bald denkt er schon über die nächste Idee nach. Dazu reist Plattner auch gern um die Welt und schaut in die Fenster der anderen. Saks in New York versucht es dieses Jahr mit interaktiver Technik, die Passanten einlädt, Schneeflocken herzustellen. Auf die Fassade wird alle sieben Minuten in 3D die Geschichte eines Yetis projiziert, der von Russland in die USA gewandert ist. Barney's hingegen schuf aus Spiegeln, Licht und 3-D-Projektionen bizarre, schwarz-weiße Eisskulpturen. Plattner bleibt lieber konservativ: "Wir wollen Weihnachten ernst nehmen, traditionell verstehen", sagt er. "Berlin ist selbst schon subversiv genug."