Wellington Hip durch Hobbits
Wellington - Es gab eine Zeit, in der Wellington eine langweilige Stadt war. Obwohl Neuseelands Parlament und Regierung hier zu Hause sind, war von Glamour nichts zu spüren - das viel größere Auckland weiter im Norden galt als einzige "In-Stadt" des Südpazifik-Staates. Das ist jetzt ungefähr zehn Jahre her. Zwar lockt noch immer Auckland mehr Reisende an. Doch spätestens die lebhaften Feiern rund um die "Herr der Ringe"-Filme, die zum Teil im Umland der Hauptstadt gedreht wurden, haben eines klar gemacht: Wellington ist cool. Wer hier Espresso schlürft, tut es am schönsten Ende der Welt.
Mit seinen rund 165.000 Einwohnern rühmt sich Wellington, mehr Restaurants und Bars zu bieten als Manhattan - zumindest pro Kopf der Bevölkerung. Wenn die Sonne scheint - was laut Statistik häufiger der Fall ist als in Auckland - sind die Straßencafés immer proppenvoll. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum sich mancher durchreisende Urlauber ärgert, der in Wellington nur ein Sprungbrett zur landschaftlich reizvollen Südinsel gesehen und nicht einmal eine Nacht eingeplant hat. Die Stadt hat außer Espresso noch vieles mehr zu bieten - ein volles Zwei-Tage-Programm ist gar kein Problem.
Tag eins, 10 Uhr. Zum Auftakt gleich ein Höhepunkt: Te Papa, das Nationalmuseum. Seit der Eröffnung 1998 wurden gut 8,2 Millionen Besucher gezählt. Kein Wunder, denn der Eintritt ist frei und gezeigt wird eine Menge. "Wir ermöglichen interaktive Erlebnisse und wollen die Parallelkultur von Maori und europäischen Einwandern darstellen", sagt Ross Shearer von der Museumsverwaltung. Das bedeutet, dass neben der Plattentektonik auch die Maori-Mythen über die Entstehung der Inseln erklärt werden. In einem "Erdbeben-Haus" erfahren Besucher leibhaftig, wie bei einem Beben der Stärke 4,0 die Wände wackeln. Das Außengelände "Bush City" zeigt 1400 Pflanzen aus allen Vegetationsstufen Neuseelands - Kinder können hier in einem großen Sandkasten das Fossilien-Modell eines Mosasauriers freilegen.
15 Uhr. Vom Te Papa ist es nicht weit zum Mount Victoria, dem 196 Meter über dem Naturhafen thronenden Gipfel mit Panoramablick. Manche Hauptstädter joggen mit dem Hund an der Leine hinauf. Urlauber nehmen eher die Buslinie 20 oder klettern die steilen Serpentinen mit dem Auto hoch. Vor allem fällt neben der Hochhauslandschaft des Zentrums die weite Bucht von Port Nicholson ins Auge, an der Wellington liegt. Fähren in Richtung Südinsel sind dort unterwegs oder kommen von der Cook-Straße hinein in den Hafen. Und über all dem strahlt ein tiefblauer Himmel.
17 Uhr. Am Fuß des Mount Victoria herrscht Feierabendverkehr. Die Wellingtonians verlassen ihre Büros, aber nicht jeden zieht es gleich nach Hause. An der Oriental Bay brummt das Geschäft in den Pubs und Cafés. Auf der Promenade treffen Jogger auf Geschäftsleute, und ein japanischer Tourist zieht sich plötzlich den Anzug aus, um nur mit der Unterhose bekleidet ins kalte Wasser zu steigen. Häuser aus der Zeit um 1900 bilden zusammen mit modernen, siebenstöckigen Apartmentbauten und einigen Bausünden aus den sechziger Jahren die Kulisse für dieses Spektakel. Freizeitsegler machen im Royal Port Nicholson Yacht Club die Boote klar. Und noch immer strahlt der Himmel in tiefem Blau über dem Strand, der 2003 mit 22 000 Tonnen Sand aus der Golden Bay von der Südinsel Neuseelands erneuert wurde.
21 Uhr. Wer Hunger hat, steht vor der Qual der Wahl: Indisch, Sushi, Kebab, Kantonesisch, Fast-Food oder das traditionelle Lamm mit Pfefferminzsoße? Im multikulturellen Wellington ist das alles zu haben. Die Restaurant- und Barszene konzentriert sich auf das Cuba Quarter und die Straße Courtenay Place, wo coole Lounges wie das "Jet" und das "Blow", laute Pubs wie das "Molly Malone" und "The Courtenay Arms" und angesagte Kaffeebars wie das "Espressoholic" und das "Zing" um Kundschaft buhlen. Auch mitten in der Woche sind die Nächte lang.
Tag zwei, 9.30 Uhr. Trotz wenig Schlaf heißt es früh aufstehen. Mit dem Wellington Cable Car geht es von der Innenstadt aus den Hügel hinauf - auf gut 600 Metern Strecke werden 119 Höhenmeter gewonnen. Alle zehn Minuten fahren die vor 25 Jahren in der Schweiz gebauten Kabinen in Richtung des Botanischen Gartens. Wer hinauf fährt, kann bequem durch die weitläufige Parkanlage zurückschlendern und passiert dabei auch den Bolton Street Memorial Park. In den Jahren 1840 bis 1892 befand sich hier ein Friedhof. Als 1963 eine Schnellstraße quer durch die Stadt gebaut wurde, mussten rund 3700 Gräber weichen. Die eingesammelten Knochen wurden in einem Massengrab neu bestattet - so pragmatisch wurde in Wellington damals gehandelt.
14 Uhr. Zeit für die hohe Politik. Wellington wurde 1865 zur Hauptstadt, weil die Abgeordneten von der Südinsel wegen der weiten Anreise die Sitzungen in Auckland boykottierten. Besichtigt werden können Parlamentsbauten aus verschiedenen Epochen, darunter der Saal des 1951 abgeschafften Oberhauses, der für Konferenzen und Konzerte genutzt wird. Der "Bienenkorb" ("Beehive") genannte Anbau für die Regierungsmitarbeiter, vielleicht das am häufigste gedruckte Bild aus Wellington in Reiseführern, bleibt dagegen verschlossen.
Den Höhepunkt der geführten Tour gibt es im Keller: Weil Erdbeben in Wellington an der Tagesordnung sind, wurden die alten Fundamente des Parlaments komplett durchtrennt und 417 massive Gummipuffer dort eingeschoben. "Das ganze Haus steht nur auf diesen Puffern und kann dadurch Beben bis zur Stärke 7,5 aushalten", erläutert Führer Bill Wieben. Viele Besucher beeindruckt das mehr als die Debatten, die sich von den Besuchertribünen des Plenarsaals aus verfolgen lassen.
17 Uhr. Die Parlamentstür fällt ins Schloss. Mancher beeilt sich, um noch eine Fähre über die Cook-Straße nach Picton auf der Südinsel zu erwischen. Andere gehen zurück ins Hotel, um sich frisch zu machen. Es sind noch viele Restaurants und Pubs übrig, die am Vorabend verheißungsvoll erschienen - und es muss ja nicht immer Espresso sein, der am schönsten Ende der Welt geschlürft wird.
Von Christian Röwekamp, gms