Westgrönland Im Land der weißen Riesen
Starr liegt die Parade der weißen Riesen im eiskalten, tiefblauen Wasser. Obwohl es schon später Abend ist, steht die Sonne noch deutlich über dem Horizont und taucht die Szenerie in gleißendes Licht. Es ist Hochsommer und friert für einige Wochen nicht mehr, aber trotzdem ist die abendliche Luft in der Nähe der Eismassen so klar und kalt, dass der Atem weiße Dampfschwaden hinterlässt.
Dutzende der gigantischen Eisskulpturen, hoch und massig wie Häuserblocks, liegen an der Mündung des Eisfjords in der Diskobucht aufgereiht, bevor sie ihre weite Reise mit der Strömung antreten. Irgendwann, manchmal erst nach zwei Jahren, finden die Eisberge dann spätestens auf der Höhe von New York ihr Ende als Schmelzwasser.
Auch jenes eisige Ungetüm, das der "Titanic" zum Verhängnis wurde, könnte von hier gekommen sein. Nirgendwo gibt es außerhalb der Antarktis so viele große Eisberge auf engem Raum wie hier in Westgrönland, gut 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Skipper Silver Schivoli muss seinen knallroten Kutter behutsam um die Eiswände herumsteuern, die in der nächtlichen Sonne schimmern, mal glänzend weiß wie Porzellan, mal gelblich wie aus purem Gold. Jederzeit können Eisberge zerbrechen oder gar umkippen, höchste Gefahr für alle Boote.
Silver, ein kleiner drahtiger Mann mit dunklen Haaren, stammt eigentlich aus Italien, kam vor Jahrzehnten nach Grönland und ist heute mit einer Grönländerin verheiratet. In Ilulissat (auf dänisch Jakobshavn), der Name der mit fast 5000 Einwohnern drittgrößten Stadt bedeutet auf grönländisch schlicht "Eisberge", schippert er Touristen über die Bucht. Auf dem Vorschiff sitzen seine Passagiere, in Decken gehüllt, ehrfürchtig vor der erstarrten Pracht um sie herum. Bitterkalt fauchen Abwinde über die Kanten der Eisberge, von denen manche einem Triumphbogen nachempfunden scheinen, andere wie Kathedralen wirken.
Der Jakobshavn-Gletscher von Ilulissat ist die größte und schnellste Eismaschine der Erde: Jeden Tag produziert er 20 Millionen Tonnen Eis, in aufgetauter Form etwa die Menge Trinkwasser, die New York in 24 Stunden verbraucht. Der Druck des vierzig Kilometer von der Küste entfernten Gletschers, gespeist vom Inlandeis, ist extrem groß. 30 Meter am Tag schiebt er die von der Kante abgebrochenen Eismassen durch den Fjord in Richtung Diskobucht zum offenen Meer.
Die Idylle ist perfekt, die Wasseroberfläche spiegelglatt und ebenso vergoldet wie die Eisberge ringsum. Silver und Elke Meissner, eine hier lebende 55-jährige Sylterin, angeln mit einem Enterhaken einen kleinen Eisbrocken, hieven ihn an Deck.Mit dem Messer zerstößt der Skipper das beinahe durchsichtige Eis in kleine Stücke. "Dieses Eis ist etwa zweitausend Jahre alt", erklärt die Wahl-Grönländerin. "Zu Zeiten von Christi Geburt fiel es als Schnee vom Himmel, wurde im Inlandeis zusammengepresst und schließlich wieder an die Oberfläche und über einen Gletscher ins Meer gedrückt".
Jeder an Bord hält ein Glas Whisky in der Hand, in dem einige Brocken Gletschereis schwimmen. Und tatsächlich: Es macht immer wieder leise "Plopp" und perlt wie Kohlensäure. "Das sind die kleinen Luftblasen, die hier seit zweitausend Jahren eingeschlossen waren und jetzt entweichen", erklärt der Skipper das verblüffende Experiment.
Solche Erkenntnisse waren es, die Elke Meissner schon immer beeindruckt haben. Die Faszination dieser so fern und erstarrt wirkenden Landmasse hat sie schon früh in sich gespürt. "Grönland ist die größte Insel der Welt und bedeckt sechsmal die Fläche Deutschlands, hat aber nur die Einwohnerzahl von Landshut oder Lüneburg", weiß die Reiseveranstalterin, die auch als deutsche Honorarkonsulin fungiert.
Seit sie im vergangenen Sommer dabei war, freut sich Elke wieder besonders auf den August: "Da kommt die "MS Shearwater" auf ihrem langen Weg von Südgrönland nach Thule, in den äußersten Nordwesten Grönlands, hier vorbei." Als beste deutschsprachige Grönland-Kennerin begleitet sie auch dieses Jahr die zweite Reise des eisverstärkten Kreuzfahrers in den allerhöchsten Norden, wo sonst kein Tourist hinkommt.
Eine Woche nach der Abfahrt Richtung Norden zeigt sich die Arktis von der brillantesten Seite: tiefblauer Himmel, leuchtende Gletscher vor schwarzen Felswänden, glitzernde Eisberge, dazu im Wasser Robben und sogar Wale, die prustend auftauchen. Es ist der 21. August, und an Land hat es schon den ersten Frost gegeben, der Herbst ist da. Auf Deck ist es tagsüber in der Sonne aber so warm, dass es sich in Wollpullovern und warmen Decken gut stundenlang draußen aushalten lässt, obwohl der Nordpol immer näher kommt.
Einer der Höhepunkte der Reise ist der Besuch im 65-Seelen-Nest Siorapaluk, dem nördlichsten Ort Grönlands (und drittnördlichsten der Welt). Da stehen die Passagiere Schlange in dem einzigen kleinen Laden, um Briefmarken, Poststempel oder auch echte Eisbärenkrallen für zehn Mark das Stück zu kaufen.