Wiener Haus der Musik Klangbilder und Tonlinien
Wien - Im Foyer stehen drei mobile Terminals, die an altmodische Trockenhauben beim Frisör erinnern. Auf den zweiten Blick entpuppen sie sich aber als hochmoderne Wunderwerke der Technik.
Wer seinen Kopf "unter die Haube" steckt und in ein Mikrophon singt, bekommt sogleich auf einem Monitor Farben und Bilder zu sehen. Harmonische, wenn er schön singt, und chaotische, wenn er Misstöne produziert. Die "Trockenhaube" ist aber nur eine der zahllosen Exponate, die interaktiv erforscht werden können. Devise: "Bitte singen, bitte laut sein, bitte anfassen."
Die Wiener Seilerstätte 30: Im 16. Jahrhundert diente das Haus als kaiserliches Gießhaus, dann als "Versatzamt" und wurde 1805 schließlich von Erzherzog Carl, dem späteren Sieger über Napoleon, zum Stadtpalais umgebaut. Im Jahr 1816 erstrahlte in seinen Mauern der erste Weihnachtsbaum von Wien, und 1842 wohnte hier der Komponist Otto Nicolai, seines Zeichens Begründer der Wiener Philharmoniker. Vor nicht einmal einem halben Jahrhundert fiel das Haus in einen Dornröschenschlaf, bis es von privaten Initiatoren wachgeküsst und mit Millionenaufwand in einen Hort trendiger Ausstellungs- und Erlebnisarchitekur verwandelt wurde.
Dementsprechend lautet auch das Besuchsmotto: "Infotainment, Edutainment und Entertainment". Interaktiv und spielerisch sollen die Besucher alles über Musik und Klänge erfahren.
Ausgangspunkt für das Klangerlebnis ist der glasüberdachte Innenhof mit Cafeteria, in dem sich unter anderem auch das Geschäft einer Geigenbauerin befindet, der man bei der Arbeit zuschauen darf.
Die erste Etage ist zwar Otto Nicolai und den Wiener Philharmonikern gewidmet. Doch ansonsten wird im "Haus der Musik" kaum dem Muster traditioneller Museen nachgeeifert: Ein paar "Stiegen" höher befindet sich der Besucher in der futuristischen Welt der Klänge und der Klangkunst, in der "Sonosphere". Wer sein erstes Musikerlebnis nachvollziehen möchte, ist womöglich in der kuriosen Abteilung "Pränatales Sinnesrauschen" gut aufgehoben.
Überdimensionale Musikinstrumente im "Instrumentarium", Geräusche, Stimmen und Töne aus dem Mikro- und Makrokosmos im anschließenden "Polyphonium"; Klänge der Welten werden über Mixed-Media- und Multimedia-Installationen vereint, über Ausstellungsstücke und Computersimulationen entwickelt. Sechs Terminals laden zum Experimentieren ein.
Futuristisch mutet beispielsweise das "Stimmenmeer" an: Es präsentiert die Stimme als wichtigstes Instrument. Der "Crossfloor" führt mit Lichtdecke und Schallboden wieder zum "Polyphonium", in dem man Töne einzeln herausnehmen und mit anderen zusammenkomponieren kann. Die "Klanggalerie" als Sammelbecken für unterschiedlichste Klänge.
Die dritte Etage ist die History-Abteilung. Sie ist prägenden Komponisten gewidmet, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Johann Strauß, Gustav Mahler.
Ein Raum beschäftigt sich mit der zweiten Wiener Schule, mit Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern. Hingegen ist "Exodus" ein Raum des Innehaltens, in dem der durch die Nazis vertriebenen und ermordeten Komponisten und Interpreten gedacht wird. Im "Virtual Vienna" kann der Besucher 130 Adressen historischen und gegenwärtigen Musikschaffens abklappern.
In dieser Etage befindet sich auch der virtuelle Dirigent, ein der Highlight des Hauses. Hier darf jeder Gast die Philharmoniker dirigieren: Die Musiker gehorchen ihm zwar, sie kommentieren aber auch unverhohlen seine Arbeit. Seltener mit Applaus, dafür häufiger mit ruppigen Äußerungen. So kann es passieren, dass einer der Philharmoniker aufsteht und sagt: "Kennen Sie das Stück überhaupt?" Zu genieren braucht sich trotzdem niemand. Auch Zubin Meta ist hier schon gescheitert.
In der vierten Etage präsentiert der Klangwelten-Raum eine "Futuresphere": Die vom Massachusetts Institute of Technology erarbeitete "Brain Opera" gibt Einblicke in die tönende Zukunft. Mit Bewegung, Stimme und Berührung darf der Besucher an Hyperinstrumenten des "Mind Forest" Musik komponieren. Im "Future Blender" verschmilzt diese zu immer neuen Klangwelten. Ein gläserner Lift bringt den Besucher nach dem Rundgang wieder zurück zum Foyer. Auf dem Boden der Realität landet er damit aber noch lange nicht.
Dazu sind die Eindrücke, die das Haus der Musik vermittelt, einfach zu überwältigend.