WM-Service Gelsenkirchen Schalker Kreisel mit Blümchendecke
Es war Mitte letzten Jahres, da machte eine Nachricht die Runde, die das deutsche Fußballvolk in helle Entzückung versetzte: Wildfremde Menschen umarmten sich auf der Straße, Wirte schmissen Freibier, Nacktpolonaisen selbst in Dortmund, der Bundestag sang spontan die Nationalhymne. Denn endlich, endlich, endlich: Der Gelsenkirchener Hauptbahnhof wird bis zur WM saniert.
Die Tragweite dieser Entscheidung konnte nur der nachvollziehen, der schon einmal anlässlich eines Auswärtsspiels gezwungen wurde, sich in Gelsenkirchen aus dem Zug fallen zu lassen. Den Reisenden empfing nämlich stets eine einschüchternde Mixtur aus Waschbeton, perlendem Urinstein und leberfarbenen Kacheln. Nun soll eine bunte Erlebniswelt mit angehängtem Zugverkehr entstehen, ein natürliches Gegengewicht zum Oberhausener Konsumtempel "Centro" quasi. Da staunt der Tourist, und der Einheimische legt sich erstmal lässig ne "Zarette aum Zahn". In drei Jahren ist das Ding nämlich, so mutmaßen die Ureinwohner aus Erfahrung, genauso runtergerockt wie der Vorgänger. Dafür sorgt schon die Rudelbildung Schalker Anhänger vor Heimspielen.
Während der WM allerdings wird der Bahnhof noch glänzen und glitzern und klarmachen: Gelsenkirchen ist immer eine Reise wert. Zumal sie hier einiges erfunden haben, über dass es sich trefflich diskutieren lässt. So spricht ganz Deutschland nicht umsonst beim Anblick der Wandschrankglasvitrine Eiche massiv mit integrierter Blümchendecke vom Gelsenkirchener Barock. Noch bevor man sich Gedanken machte, dass Kreisel auch im Straßenverkehr von großem Nutzen sind, bestaunte Fußballdeutschland den legendären Schalker Kreisel. Und im Jahre 2001 schuf der FC Schalke an einem schönen Tag im Mai, als die Meisterschaftsträume der Königsblauen vom gnadenlosen FC Bayern an eine Wand des Hamburger Elbtunnels gedrückt wurden, den seither immer wieder gern genutzten Begriff vom "Meister der Herzen". Wer dem Land so viel Bahnbrechendes und Unvergessenes geschenkt hat, verdient ein dickes Lob. Danke, Gelsenkirchen. Ohne dich wäre Deutschland ein gutes Stück grauer.
Wo sonst Fußball schauen?
Der erste Sammelplatz aller Kartenlosen ist direkt nebenan. In der Glückauf-Kampfbahn, einstiger Kampfplatz des FC Schalke, wird eine 60 Quadratmeter große Videowand errichtet. Klingt opulent. Muss aber auch sein, schließlich sollen bis zu 22 000 Fans im Innenraum Platz finden und feiern, "wie bei einem Rockkonzert". Auf den angrenzenden Sportplätzen "gibt es Snacks", frohlockt das örtliche Festkomitee. Bespaßt wird das Volk auch an den spielfreien Tagen, gebucht sind allerdings vornehmlich die üblichen Rockopas mit künstlicher Hüfte wie die Simple Minds, Status Quo und Bryan Adams. Wolfgang Petry hatte offenkundig schon was vor.
Authentisches Schalker Gefühl mit angegliederter Leinwand gibt es zuerst und überhaupt im alten Schalker Vereinsheim Bosch (Ernst-Kuzorra-Platz 1), die Gaststätte ist voll mit Devotionalien der Themenkomplexe "Schalke" und "Nationalelf". Lecker Pils gibt es natürlich auch. Ebenfalls empfehlenswert und entschlossen königsblau dekoriert ist die Traditions-Lokalität Görsmeier (Kurt-Schumacher- Str. 65), die zumindest bei Schalker Partien für anschwellende Stimmung sorgt. Wer direkt aus dem Zug in die Kneipe fallen will, kehrt im "Brauhaus Hibernia" (Bahnhofsvorplatz 2) ein. Von der bemüht ulkigen Speisekarte sollte man sich nicht abschrecken lassen, das Essen ist trotzdem lecker.
Die Gaststätte am Stadion "Zum Schalker" hingegen ist weniger gemütlich, die Lokalität erinnert uns doch allzu sehr an die Autobahnraststätte "Rhynern-Nord". Überhaupt, immer nur Zuschauen macht auf die Dauer schließlich träge und übergewichtig.
Überlebenstraining
Wenn auf Schalke die Sonne untergeht, glühen die Zapfhähne und manch ein Einheimischer schaut vielleicht nicht mehr ganz so genau hin. Wer also unbedingt mit einem knallgelben Brasilientrikot in die Kneipe stiefelt, sollte sicherstellen, auch als Fan der Selecao erkannt zu werden. Nicht, dass plötzlich wild entschlossene Einheimische Wrestling-Übungen vollführen, weil sie einen Dortmunder entdeckt zu haben glauben. Und wenn die Augen weitestgehend verschont bleiben sollten, gibt es in Gelsenkirchen/ Buer auf jeden Fall was eins auf die Ohren. Der ansässige Slang steht den auditiven Grausamkeiten der Sachsen und Pfälzer in nichts nach, dat is ma sicha gewesen.
WM-Quartier Gelsenkirchen
So wie bei Schalkes Ex- Trainer Ralf Rangnick, den Rudi Assauer seinerzeit "Rolf" nannte, ist die Namensfrage hier nicht ganz einfach: Das "Lokal ohne Namen" trägt zwei Pseudonyme: "FUCK" und "466 Musix". Vom "Altfucker" der Anfangszeit bis zum Greenhorn tummelt sich hier jeder, dem Party auch nur das Geringste bedeutet. Wer mehr wissen will, wählt folgende Nummer: 0209/3809411.
Adressen:
Glückauf-Kampfbahn Bosch, Ernst-Kuzorra-Platz 1
"Görsmeyer", Kurt-Schumacher-Str. 65
"Goalfever", Heßlerstr. 37