WM-Service Hamburg Sündenmeile mit Backenbart
In Hamburg war man vor ein paar Jahren als erster bereit, die Tradition zu versilbern. Das lag zum einen daran, dass man mit der alten Betonschüssel mehr oder weniger vor allem zugige Regenspiele, vorzugsweise im November, in Erinnerung hatte. Zum anderen waren die Umbaukosten zur schicken neuen Arena kein Pappenstil. Für richtige HSV-Anhänger hat sich jedoch nicht viel verändert. Sie pilgern immer noch in ihren Volkspark und das in dieser Saison endlich wieder erfolgreich.
Für den internen Hamburger Rivalen kommt jedoch nur eine andere Bezeichnung in Frage. Auf St. Pauli heißt die neue Arena nur das "Stadion an der Müllverbrennungsanlage". Und wer schon einmal seinen Blick während der Fahrt auf der Autobahn für kurze Zeit in Richtung Stadion schweifen ließ, kann dem eigentlich nur zustimmen. Das für die Zeit der WM sogenannte "WM Stadion Hamburg" hat im Volksmund nicht nur viele Namen, sondern merkwürdigerweise mehrere Standorte: Ob es nun in Bahrenfeld, Altona oder Stellingen gelegen ist, kann und will von vielen Hansestädtern bis heute nicht gänzlich geklärt werden. Sicher ist aber immer noch eines: Die Schüssel verfügt bis heute über keinen eigenen S- oder U-Bahnhof.
Wo sonst Fußball schauen?
Nahe der Sündenmeile Reeperbahn, genauer gesagt auf dem Heiligengeistfeld neben dem Millerntor- Stadion, soll wohl richtig auf den Putz gehauen werden. Bis zu 100.000 Menschen will man hier versammelt sehen. Platz hat man auf der riesigen Fläche eh genug. Hier findet ansonsten der Hamburger Dom statt. "Das wird wie Woodstock", hat ein Sprecher des Hamburger Sportamtes angekündigt. Mit Drogen und Kondomen im Gepäck kann man also nichts falsch machen. Notfalls ist in dieser Gegend aber auch alles erhältlich.
Ansonsten muss man natürlich nicht lang nach Mattscheiben suchen, wir empfehlen für den stilechten Ballgenuss aber die kleinen Kiez-Kaschemmen, die noch nicht zu "Latte- Macchiato-Treffs" oder "Ich-trinke-Astra-weil's- in-ist-Szene-Kneipen" umgebaut worden sind. Wo der Wirt mit Wampe, Backenbart und Anker auf dem Oberarm dienen kann, seid ihr besser aufgehoben als bei der weißschürzigen Schmierlocke im Szene-Lokal, es sei denn, ihr bekommt zum Fusi gern einen 4,50 Euro Rhabarbersaft gereicht.
Grundsätzlich sind alle Kneipen zu empfehlen, die mit "Bei" oder "Zum" anfangen und eher "Ratsherren" als "Astra" im Ausschank haben. Für erdige Typen sind Pinten wie die "Tankstelle" (Gerhardstraße 7), für die Feingeister ist das "Herzblut" (Reeperbahn 50) eine korrekte Adresse.
Besonders hinweisen möchten wir zum Beispiel auf das "Taverna Romana" am Schulterblatt im Hipster- Viertel Schanze. Trashiges Interieur (die Wandmalereien beachten!) mit Mittelmeerküche, wobei man dem Koch keine allzu schwierigen Aufgaben stellen sollte. Das Schnitzel Wiener Art mit Pommes ist aber durchaus möglich, dazu schmeckt das tschechische Bier. Der Wirt ist allerdings Fan von Olympiakos Piräus. Es gibt einen Riesensaal (200 Plätze) mit Riesenglotze und ein kleinen Saal (60 Plätze) mit Riesenglotze. Direkt gegenüber lodert das "Olympische Feuer" (Schulterblatt 36), ein netter Fressgrieche mit vier strategisch klug verteilten Fernsehern.
Überlebenstraining
"Hamburg ist keine schöne Stadt wenn man kein Geld hat" sagte einst ein weiser Mann. Und Recht hatte er. Wo man geht und steht, lauern die Gefahren des maßlosen Prassens und der Völlerei und das nicht nur auf dem Pfad der Sünde Reeperbahn. Dass man in "Hamburch" viel Knete braucht, weiß auch der lokale Langfinder. Vor allem auf dem Kiez sollte man seine Wertsachen daher wie ein Neugeborenes hüten. Klassische Touristenfallen sind die dutzenden Musicals, mit denen sich Hamburg gern schmückt, oder auch die Bustouren zum Fischmarkt an der Hafenstraße. Bitte nicht.
Reinfallen kann man sonst nur auf den extrem drögen Humor des gemeinen Hamburgers, der auf den ersten Blick fürchterlich kühl und verschlossen wirkt und eine kotterige Schnauze hat. An der Alster wird nämlich gern gemeckert. Ganz egal, worüber, die Originale lieben einfach das Meckern an sich, und wenn sie über etwas meckern, dann lieben sie es im Grunde, sonst würden sie nämlich nicht darüber meckern. Andererseits gibt es kaum eine Stadt, die, wenn die Liebe einmal erwacht ist, so begeisterungsfähig und treu ist wie Hamburg: Wo sonst wären mehr als eine Million Menschen auf den Beinen, nur weil ein Schiff (Queen Mary 2) vorbei fährt?
WM-Quartier Hamburg
HSV oder St.Pauli? Die Antwort ist mehr als nur ein Lippenbekenntnis. Die Besucher des Knust- Club dürften sich mehrheitlich der Reeperbahn- Elf verbunden fühlen: Politik wird hier gern mit links betrieben, Rockmusik herrscht vor. Gern gesehen ist jeder, der an Ausstellungen, Diskussionsrunden, Musik und natürlich Fußball Interesse hat: www.knusthamburg.de
Adressen:
Fan-Fest, Heiligengeistfeld, 22765 Hamburg
"Tankstelle", Gerhardstraße 7, 20359 Hamburg
"
Herzblut", Reeperbahn 50, 20359 Hamburg
"Taverna Romana", Schulterblatt 53, 20357 Hamburg
"Olympisches Feuer", Schulterblatt 36, 20357 Hamburg
"Fan-Restaurant Die Raute", Sylvesterallee 1, 22525
Hamburg