WM-Service Leipzig: Sächsisches Schmuckkästchen - DER SPIEGEL
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WM-Service Leipzig Sächsisches Schmuckkästchen

Schönste Baustelle Deutschlands oder sächsisches Klein-Paris? Leipzigs Innenstadt-Gewand polarisiert. Wenn man Gewandhaus, Auerbachs Keller und Naschmarkt aber erst mal gefunden hat, mag man gar nicht wieder abreisen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Mein Leipzig lob ich mir, es ist ein Klein-Paris und bildet seine Leute" - so stimmt Johann Wolfgang Goethe, nach Franz Beckenbauer wichtigster deutscher Kulturschaffender aller Zeiten, im "Faust" sein Ehrenlied auf die WM-Stadt an. Es gibt Menschen, die bezeichnen die sächsische Metropole aber auch als "schönste Baustelle der Welt". Tatsächlich zeichnet sich Leipzig durch bisweilen wagemutige Bauprojekte aus. Wobei die aktuellen, wie beispielsweise der interessante Versuch, die komplette Innenstadt zu untertunneln, den gemeinen Bürger vor allen Dingen zum Verzweifeln bringen, weil sich die Autofahrt durch die Stadt bei schlechten Bedingungen zur mehrstündigen Baustellenrundfahrt auswächst.

Und dann ist da natürlich das runde Leder. Was England in punkto Fußball für die Welt ist, ist Leipzig für Deutschland: Die Mutter des Sports. Hier wurde im Jahr 1900 der DFB gegründet und mit dem VfB Leipzig stellte die Stadt zudem den ersten deutschen Meister. Seitdem hält sich nicht nur der DFB für den größten und schönsten Sportverband der Welt, auch Leipzig lebt in dem tiefen Glauben, heimliche Sportmetropole der westlichen Hemisphäre zu sein. Logisch, dass hier auch die Auslosung zur WM stattgefunden hat. Das neue Zentralstadion bezeichnen die Stadtväter dementsprechend in ihren Lobeshymnen regel mäßig als Schmuckkästchen.

In der Tat ist das Stadion ein hübsches, allerdings nicht gerade ein Hexenkessel. Die beiden höherklassigen Fußballteams Leipzigs bekleckern sich in Liga vier (FC Sachsen) und Liga sieben (Lok Leipzig) auch nicht mit Ruhm, so dass die Arena bislang nicht wirklich anspruchsvoll genutzt wurde – zumindest die WM-Partien dürften jedoch das Stadion der Heldenstadt zum Kochen bringen.

Wo sonst Fußball schauen?

Keine Karte? Kein Problem. Leipzig wird auch für diejenigen Fußballfreunde, die keine Tickets ergattern konnten, zum puren WM-Erlebnis. Wer sich Stadionatmosphäre mit vielen Fans wünscht, sollte sich während der Spiele auf dem Augustusplatz herumtreiben. Direkt vor der Oper im Zentrum der Stadt können hier bis zu 15.000 Fans alle Spiele des Turniers auf einer 60 m² großen Leinwand verfolgen. Außerdem gibt es für euch auf dem gesamten Augustusplatz das offizielle FIFA-Programm mit Musik, Event- und Gastronomiebereichen.

Wer allerdings dem kapitalistischen Heuschreckentum der Großkonzerne nichts abgewinnen kann und König Fußball während der WM in Leipzig lieber abseits der offiziellen Pfade folgen will, sollte die Spiele in einer der zahlreichen Kneipen genießen. Die Stadt Leipzig setzt in punkto öffentlicher Übertragung der Spiele voll auf ihre Gastronomen und will ihnen bei der Gestaltung der langen Fußballnächte freie Hand lassen.

Insbesondere im "m-seven" (Münzgasse 7) lohnt sich der Blick auf den Kick. Besonders verführerisch ist das Bierprinzip: an einem großen Ecktisch mit separatem Fernseher können ganz durstige Gäste dank montierter Schankanlage ihr Bier selbst zapfen - insbesondere dieser Tisch bedarf verständlicherweise vorheriger Reservierung.

Überlebenstraining

Die Leipziger sind gastfreundliche und fröhliche Menschen - so man sie denn versteht. Wobei sich Witze über die sächsische Mundart á la "Gänsefleisch mal den Gofferraum uffmachn?" selbstredend verbieten. Leipzigs Taxifahrer sind etwas empfindlich. Sie reden gerne, auf lange Diskussionen bezüglich der Zahl der Mitfahrer oder des Fahrpreises lassen sie sich jedoch eher ungern ein. Also: Nicht viel reden, sondern reden lassen! Groß in Mode sind Rikschafahrten durch die Stadt – allerdings ist Leipzig nicht Shanghai und die Innenstadt so kompakt, dass sich die relevanten Orte problemlos zu Fuß erreichen lassen.

Der kleine Leipzig-Crashkurs soll schließen wie er angefangen hat - mit Goethe: Das Restaurant "Auerbachs Keller" in der Mädler-Passage ist zwar dank des guten Johann Wolfgangs "Faust" eine literarische Legende. Davorstehen, angucken und den Fuß der Mephisto-Plastik streicheln reicht aber völlig aus – die Stimmung dürfte andernorts deutlich besser sein. Und das Bier billiger.

WM-Quartier Leipzig

Was man nicht in den Beinen hat, muss man im Kopf haben. Fragen Sie mal Günter Netzer. Deshalb ist ein Besuch bei "Ilses Erika" empfehlenswert. Hinter dem Laden steht "Gudruns Gesellschaft für angewandte Popkultur". Es gibt Poetry-Slams, Lesungen und andere Geistesnahrung allererster Kajüte. Auch das Immergut-DJ-Team ist am Start. Wann und warum, das erfahren Sie unter www.ilseserika.de 

Adressen:

Fan-Fest, Augustusplatz, 04109 Leipzig
"m-seven", Münzgasse 7, 04019 Leipzig
"Volkshaus", Karl-Liebknecht-Straße 32, 04107 Leipzig
"Champions Sports Bar", Am Hallischen Tor 1, 04109 Leipzig