WM-Stadt Hannover Meister aller Klassen
"Warte, warte los!" Mit einem dumpfen Knall rennen die Spieler des Deutschen Rugby Clubs gegen die gelben Sandsäcke. Es folgen zehn Liegestützen mit versteinerten Mienen. Mit einem weiteren "Warte los!" geht es dann gegen die nächsten Rammböcke, statt einer Pause gibt es die Wiederholung. "Unser Training würden die Fußballer von Hannover 96 wohl nicht überstehen", sagt Trainer Mark Kuhlmann. Die harte Arbeit lohnt sich: Der Deutsche Rugby Club Hannover ist bereits zum siebten Mal Deutscher Meister geworden und damit hierzulande der erfolgreichste Rugby-Verein.
In Hannover wird deutsches Rugby gespielt, hier sitzen der Deutsche Rugby-Verband und gleich drei der acht Bundeserstligisten. Ein Endspiel um den Meistertitel ohne einen Verein aus Hannover hat es noch nie gegeben, von den bisherigen 79 Endspielen wurden 58 von hiesigen Mannschaften gewonnen. "Hannover kann stolz auf diese Erfolge sein", sagt Kuhlmann. Als Co-Trainer wird er 2007 die Nationalfünfzehn zur Weltmeisterschaft in Frankreich begleiten. In der Qualifikationsrunde ist die deutsche Mannschaft derzeit Gruppenbester.
Doch Rugby ist ein Amateursport, die Siege der Vereine werden in und um die Landeshauptstadt kaum wahrgenommen. "Nicht-olympische Sportarten sind wirtschaftlich und medial nicht interessant", sagt Volker Himmer, Sportdirektor des Deutschen Rugby Verbands. Das habe sich zwar kurzzeitig geändert, als Ende April in Hannover das Länderspiel gegen Belgien ausgetragen wurde. "Solche Momentaufnahmen sind aber selten."
Schützenfest in Weltformat
Laute Musik von allen Seiten, flackernde Lichter, kreischende Mädchen auf Kopfüber-Karussells. Dazwischen grüne Trachten und Blasmusik. Auch solche Momentaufnahmen gehören zu Hannover: Seit 477 Jahren feiert der kühle Norden das weltgrößte Schützenfest, vergleichbar der Kirmes im Ruhrgebiet oder der Wies'n in München. Zwei Millionen Besucher werden in diesem Jahr erwartet, viele davon aus Übersee.
Rund 13.000 Traditionsschützen werden am 2. Juli durch die Innenstadt Hannovers marschieren, vom Neuen Rathaus mit seiner grünen Kuppel bis zum WM-Fantreff am Waterlooplatz. Angestoßen wird dort mit der Lüttje Lagen, dem inoffiziellen "Nationalgetränk". Dazu wird ein kleines Glas Dunkelbier zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt, ein zweites mit hochprozentigem Alkohol halten Mittel- und Ringfinger der gleichen Hand fest. Gleichzeitig werden die Gläser an die Lippen gesetzt - und runter damit. Wer ein echter Hannoveraner sein will, darf beim Trinken natürlich nichts verschütten.
"Das Schützenfest ist für Hannover so wichtig wie der Karneval für Köln", sagt Ute Körner vom Hannoverschen Schützenfest Verein. Noch vor 30 Jahren hätten die Kinder deswegen schulfrei bekommen, heutzutage kommen Australier mit norddeutschen Wurzeln. "Deutsche Auswanderer sind traditionell sehr eng mit dem Schützenwesen verbunden", sagt Körner. Besonders groß sei die Fangemeinde in den USA. "Hannover kennt man dort nicht erst seit der Expo."
WM der Feuerteufel
In China kennt man die Landeshauptstadt dagegen von einer anderen Seite, einer künstlerischen: Der Internationale Feuerwerkswettbewerb hat wieder begonnen. Noch bis September treten Pyrotechniker aus aller Welt über den barocken Gärten Herrenhausens gegeneinander an. In diesem Jahr haben sich auch Journalisten aus Fernost angemeldet, das Medieninteresse in Asien ist groß.
Die ersten Raketen des 16. Feuerwerkswettbewerbs sollten Pyrotechniker aus Österreich steigen lassen, doch zum Debüt kam es unabsichtlich und viel zu früh: Sechs der Knallkörper hatte bereits der Blitz eines Nachmittagsgewitters gezündet. Erst kurz vor dem Startschuss um 22 Uhr konnte die letzte fehlende Fontäne ersetzt werden. Dann schossen rote Lichtkörper in den Himmel, dazu ertönten düstere Musik und eine noch düstere Männerstimme, die von der Geschichte Salzburgs erzählte. "Feuerwerke sollten nicht immer das gleiche lustige Spektakel sein", sagte Christian Czech vom österreichschen Team zur Erklärung.
Das Publikum runzelte die Stirn, der Veranstalter applaudierte. "An solchen Experimenten erkennt man, dass sich unsere 'Spiele' entwickeln, sagt Oliver Schulte vom Tourismus Service Hannover. Seit 16 Jahren findet der Wettbewerb in Herrenhausen statt. Das Zündeln hat in Hannover eine lange Tradition. Schon die barocken Herrscher des 17. Jahrhunderts feierten mit Lichtspielen besondere Anlässe. Im Jahr 1965 wurde diese Sitte für Queen Elisabeth wieder aufgefrischt. Ernst Rohr, ein ehemaliger Sprengmeister, begrüßte die britische Monarchin mit einem 20-minütigen Spektakel, abgestimmt auf Händels Feuerwerksmusik. 1990 machte Rohr Hannover dann zum Treffpunkt der Pyrotechnik und etablierte den Internationalen Feuerwerkswettbewerb.
Dieser ist zwar keine richtige Weltmeisterschaft, aber laut Schulte "eine der renommiertesten Meisterschaften weltweit". Das merke er am Interesse aus China. "Hannover bewegt sich" - auch sechs Jahre nach der Weltausstellung.