WM-Stadt Nürnberg: Alles nur ein Spiel - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

WM-Stadt Nürnberg Alles nur ein Spiel

Keine WM-Stadt ist so verspielt wie Nürnberg, aber mit Fußball hat das wenig zu tun. Der Zauber der Kindheit blickt aus mundgeblasenen Glasaugen und umweht Blechrennwagen, die ein kleines Vermögen kosten. Schon der Sonnenkönig schwor auf die fränkischen Spielzeugarmeen.
Von Gregor Waschinski
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jutta Endres steht hinter der Ladentheke und tüpfelt einem Puppenkopf behutsam Gesichtsfarbe auf die Wange. "Die Tupfer müssen so hell sein, dass man keinen einzelnen Farbabdruck sehen kann", sagt sie in weichem Fränkisch. Endres ist Puppenmacherin im Handwerkerhof. Das verwinkelte Fachwerkstädtchen im Schatten der Nürnberger Stadtmauer wurde vor knapp 40 Jahren auf einem alten militärischen Appellplatz nachgebaut und sieht ein bisschen aus wie eine zu groß geratene mittelalterliche Playmobil-Kulisse.

"Zu mir kommen keine Leute, die Massenware haben wollen", sagt Endres, "sondern Menschen, die sich ihre Kindheit bewahrt haben und eine besondere Erinnerung daran haben möchten." Hinter der Puppenmacherin blicken die bereits fertigen Porzellan-Schönheiten treuherzig aus mundgeblasenen Glasaugen von den Regalen herunter, ihre Echthaar-Perücken sind perfekt frisiert. Von jedem der zerbrechlichen Geschöpfe gibt es höchstens ein Dutzend Exemplare.

Nürnberg ist die verspielteste deutsche WM-Stadt. Zahlreiche Spielzeugunternehmen haben ihren Sitz in der Frankenmetropole, jedes Jahr findet hier die internationale Spielwarenmesse statt. Die bekanntesten Nürnberger Spielzeuge kennt noch heute fast jedes Kind. Da sind zum Beispiel die "Rutschfahrzeuge mit Fuß-Schubmotor", wie die Bobby-Cars offiziell heißen, jene roten Flitzer, auf denen viele Autofahrer einst ihre ersten Lenkübungen wagten. Oder die Piraten von Playmobil, die - stets freundlich lächelnd - unzählige Kinderzimmer geentert haben. Weitere Klassiker sind die Modelleisenbahnen von LGB und Fleischmann, die Miniaturautos von Schuco, die unzähligen Puppen und Stoffbären – Generationen von Kindern sind mit Spielzeug aus Nürnberg und Umgebung aufgewachsen.

Von Dockenmachern zu Bärendoktoren

Doch es ist nicht die Spielwarenindustrie alleine, die Nürnberg zur Spielzeughauptstadt Deutschlands macht. Der Zauber der Kindheit zeigt sich vor allem abseits der Massenproduktion. Kleine Werkstätten führen die handwerkliche Tradition des "Nürnberg Tand" fort: Bärendoktoren flicken zerzauste Teddys wieder zusammen, Zinngießer stellen in Handarbeit Miniaturfiguren her. Und in Sammlerläden hüten die Händler ihre Spielzeugschätze, als handele es sich um die Goldreserven von Fort Knox.

"Ich habe Porzellanpuppen schon immer geliebt", sagt Puppenmacherin Endres." In meinem Elternhaus standen damals viele solcher Puppen, ich durfte sie als Kind aber nie anfassen." Zum Glück hatte ihr Onkel eine Porzellanmalerei, hier konnte sie ihre ersten eigenen Puppen herstellen. Vor zehn Jahren eröffnete sie den Laden im Handwerkerhof. "Fast alle Puppen und Bären, die ich verkaufe, sind Handarbeit aus der Region."

Angefangen hatte die Nürnberger Spielzeugtradition mit den Dockenmachern, die schon im 14. Jahrhundert in Steuerlisten erwähnt wurden und damit als älteste dokumentierte Spielzeugproduzenten in Europa gelten. Diese Puppenmacher fertigten bemalte Holzpuppen mit beweglichen Gliedern, die sich mit der wachsenden Bedeutung Nürnbergs als Handelsstadt im 15. und 16. Jahrhundert zu Verkaufsschlagern entwickelten. Dann kam der Zinnsoldat, der von Franken aus Europa eroberte. Frankreichs Sonnenkönig Louis XIV. soll seinen Kriegsbaumeister sogar höchstpersönlich nach Nürnberg geschickt haben, um die Herstellung der Spielzeugarmee für seinen Sohn zu überwachen.

"Viele Kunden erkennen sofort ihr Spielzeug von früher"

Ende des 19. Jahrhunderts begann die Ära des Blechspielzeugs, aus dem Spielzeughandwerk wurde eine Industrie. Mechanische Figuren, Dampfmaschinen und Modellautos aus Nürnberg faszinierten die kindliche Kundschaft. Mittlerweile hat Plastik das Blechspielzeug abgelöst, die Produktion verlagert sich zunehmend nach Osteuropa und Fernost. Aber noch immer stellen über 20 Unternehmen in Nürnberg Spielzeug her, etwa ein Viertel des Jahresumsatzes der deutschen Spielwarenindustrie wird in der Region erwirtschaftet.

Der Blechspielzeugladen von Alexander Baier lebt von Erinnerungen an die Zeit bevor das Plastik kam, als Nürnberger Firmen noch Blechkarossen im Miniaturformat produzierten und Modellautos der Traum eines jeden Jungen waren. "Das war in den 1950er und 1960er Jahren", sagt Baier, und in seiner Stimme schwingt Wehmut mit. "Blechspielzeug ist aufwendiger, teurer, benötigt mehr Handarbeit. Deshalb wird das heute kaum noch hergestellt, höchstens in Asien." In Baiers Vitrinen stauen sich die Rennwagen, Motorräder und Traktoren, die einst durch die Kinderzimmer der jungen Bundesrepublik rollten. "Viele Kunden kommen rein und erkennen sofort ihr Spielzeug von früher", sagt Baier.

Wer die Erinnerung an die Kindheit mit nach Hause nehmen möchte, muss allerdings tief in die Tasche greifen. Die Sammlerstücke kosten oft mehrere tausend Euro. "Je seltener und mechanisch aufwendiger, desto teurer", sagt Baier. "Und mit Originalverpackung ist es noch wertvoller." Der Besuch in Baiers Laden ist eine Reise in das Blechzeitalter des Spielzeugs.

Nicht weit entfernt davon, im Nürnberger Stadtkern, kann man im Spielzeugmuseum Kinderträume aus anderen Epochen erleben: eine Rassel aus dem 8. Jahrhundert vor Christus, historische Puppenhäuser, aber auch Legofiguren, Barbie-Puppen und neuerdings sogar Gameboys haben hier ihren Platz. Draußen vor dem Museum bewacht ein überdimensionaler Plastikreiter die prächtige Renaissance-Fassade des Hauses. Und spätestens beim Anblick dieser knallbunten Phantasiefigur wird klar: Nürnberg selbst ist eine kleine Spielzeugwelt.

Mehr lesen über