Ferien in der Klimakrise »Wie war der Urlaub?« Schon immer ging es in der Antwort ums Wetter. Jetzt geht’s um Feuer, Trockenheit und Algen
Manchmal hilft Distanz, um etwas besser zu beobachten. Bei Freunden und Verwandten, die man nur alle paar Monate oder gar Jahre sieht, sieht man oft sofort, ob sie zu- oder abgenommen haben, wie stark sie gealtert sind oder ob ihnen der neue Job guttut. Bei den Menschen, die wir täglich um uns haben, ist das anders. Wir leben an ihrer Seite – und können die Dramatik von schrittweisen Veränderungen manchmal kaum wahrnehmen.
Etwas Ähnliches scheint bei Reisen der Fall zu sein, besonders bei Orten, die man kennt. Alle Jahre wieder hat die Frage »Wie war der Urlaub?« zwischen Mitte August und Anfang September Hochsaison. Schon immer ging es in den Antworten ums Wetter. Und doch hat sich in den vergangenen Jahren etwas verändert. Viele Menschen kehren aus »der schönsten Zeit des Jahres« mal ernüchtert und mal erschrocken zurück, weil sich ihre liebsten Urlaubsorte so stark verändern. Nicht jede Momentaufnahme lässt sich auf den Klimawandel reduzieren. Aber Klima zeigt sich in der Kombination von vielen Wetterereignissen. In der Veränderung von Landschaften. In den häufiger auftretenden Extremen.
Stefan Gössling, Experte für Reisen und Klima, geht davon aus, dass in den kommenden Jahren viele Reisende Erfahrungen mit Wetterextremen gemacht haben werden , mit Feuern, Fluten, extremer Hitze oder Regen. Und auch zwischen den Extremen spüren viele den Wandel, der uns bevorsteht. Fünf Kolleginnen und Kollegen beschreiben, wie sie ihre Reiseziele wahrgenommen haben – vom Rheingau bis nach Südafrika, von Schweden bis nach Italien.
Schweden: »Wir pulten Pilze getrocknet aus dem Waldboden«
Während meine Freunde vor Urlaubsantritt die Waldbrände in Südeuropa beobachteten, fühlte ich mich sicher. Klar, die Katastrophen machten mich betroffen, aber sie wirkten weit weg. Ich reiste schließlich in die sommerlichen Wälder Südschwedens.
Noch vor der Abreise erreichte mich allerdings die Nachricht der Vermieterin: starker Wassermangel. Waschmaschine nur im Notfall. Kein Lagerfeuer. Waldbrandgefahr. »Wie bitte?«, dachte ich und hoffte auf ein stark ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis ihrerseits. Bis meine Zehen den Waldboden berührten.
Unter den Füßen knirschte das Moos. Pfifferlinge, die wir in den vergangenen Sommern eimerweise gesammelt hatten, fanden wir kaum. Falls doch, pulten wir die Pilze bereits getrocknet aus dem Waldboden. Im See vor der Haustür tauchten jeden Tag neue Steine auf, die das Wasser freigegeben hatte. Die Gefahr war offensichtlich, und ich beäugte jeden Funken, der vom Grill wegflog. Nach der Rückkehr befragte ich das Internet. In der Region Skåne sei es bis tief in den Boden trocken, las ich. Zu wenig Regen, schon im Winter. Der Bezirk habe Löschflugzeuge angefordert. Feuer bekämpfen mussten sie zum Glück noch nicht.
Frankreich: »Von wo weht der Wind?«
Rauchwolken ziehen über die Dünen von Lacanau-Océan: Ein verheerender Waldbrand zerstörte große Flächen Kiefernwald
Foto: Jan Athmann / dpaDie Ferien an Frankreichs Atlantikküste begannen erwartbar schön: mit dem Duft von Pinien, mit Moules-frites, mit dem Blick auf den Horizont und der Vorstellung, wie weit es ist bis zur nächsten Küste. Es kam Ebbe, es kam Flut, alles wie immer, bis es brannte.
Unser Campingplatz lag – anders als der einer Kollegin, die evakuiert wurde – nicht im Brandgebiet. Doch als das Feuer ausbrach, waren wir an einem Strand in der Nähe. Wir konnten sie sehen, die ersten Rauchwolken am Himmel. Und roch es nicht auf einmal verkokelt? Überhaupt: Woher weht der Wind gerade? Schnell die Wetter-App! Wie ist die Vorhersage für die nächsten Tage? Bis wohin hat sich das Feuer schon ausgebreitet? Hat Google nicht diese Waldbrandanzeige? Ein paar Klicks auf dem Display – und ich erschrak. So viel Rot! Wie viel Kilometer sind das von hier? Was schreiben die französischen Zeitungen?
Frankreichs Feuerkatastrophe war am letzten Tag meines Urlaubs am Atlantik das alles beherrschende Thema. Ich suchte per Smartphone nach Informationen – und hoffte auf Entwarnung. Doch alle Zeichen standen auf Alarm, der Waldbrand wurde immer größer. Er kam nicht bis zu unserem Urlaubsort. Aber ich war trotzdem erleichtert abzureisen. Wenn man nur noch durch Apps wischt und sich sorgt, dass der Wind gefährlich drehen könnte – was ist Urlaub dann noch wert? Die Frage beschäftigte mich, und die Gedanken kamen mir zynisch vor. Als Touristin konnte ich die Katastrophe schnell hinter mir lassen: Sachen packen, rechtzeitig abreisen, noch ein Baguette jambon-fromage kaufen und auf in Richtung Sicherheit. Doch der Schaden bleibt: für die Natur und für die Einheimischen.
Italien: »Eine lauwarme Brühe«
Cala dell’Aquaviva in Marina di Marittima: Eine berühmte Bucht mit kaltem Wasser
Foto: Stuart Black / robertharding / picture allianceIn den Sommerferien meines Lebens steuerten Gespräche mit Verwandten und Freunden verlässlich auf eine Frage zu: Wie ist das Meer? Der Dialekt des Salento, einer Halbinsel auf einer Halbinsel, einer Gegend am Stiefelabsatz Italiens, aus der ein Teil meiner Familie stammt, bietet unzählige Möglichkeiten, das Meer zu beschreiben.
So wie manche im Grünen lebende Völker Hunderte Worte für die grünen Nuancen in ihrer Welt fanden, dachte ich manchmal während solcher Gespräche, brauchen sie hier eben etliche Begriffe fürs Meer. Weil es sich von Bucht zu Bucht unterscheidet, weil es überall überwältigt. Es gehört niemandem und gehört doch allen. Es kann azurblau und schlagend sein, ein Brett, ruhig, gefährlich, klar, so, dass man tausend Fische sieht, schmutzig, mit Bläschen oben, tyrrhenisch, ionisch, von Tramontana- oder Sciroccowinden aufgescheucht und dank mancher Begriffe unübersetzbar. Leider fällt seit einigen Jahren häufiger ein anderer sehr gut übersetzbarer Begriff: na sciotta, eine lauwarme Brühe. Viele sagen es mit Ekel, manche mit Schulterzucken, manche in Badehose, noch andere mit sorgenvoller Stirn. In einer Brühe will niemand baden.
Tierchen tauchen auf und erweitern das Meeresvokabular: borstige Würmer, toxische Algen. An den Stränden ist es schlimm, in einigen Buchten wirbeln Strömungen wenigstens kaltes Wasser die Felsen hoch. Früher wollte dort niemand hin, zu umständlich, eher etwas für Taucher. Ich gehörte jedes Jahr zu denen, die im Spätsommer abreisten und das Meer in allen Nuancen vermissten. So wird es auch dieses Jahr sein. Für diejenigen, die bleiben, muss der Blick aufs Blau schmerzen. Denn wenn die Natur sich über das Wasser rächt, endet nicht nur der Urlaub, sondern eine Welt. So viel ist sicher, und sicher haben sie dafür auch Worte. Ich werde es dieses Mal jedenfalls am Anfang erfragen: Wie ist euer Meer?
Südafrika: »Verbrannte Erde abseits der Joggingstrecke«
Urlaubsfoto aus Südafrika: Ja, ich habe diese Reise genossen. Aber war sie richtig?
Foto: Katharina Hölter / DER SPIEGELWenn wir reisen, reisen wir von vielen Problemen davon, der Klimakatastrophe können wir nicht entfliehen. Im Januar flogen meine Familie und ich nach Südafrika. Wenn ich von dieser Auszeit erzähle, zeige ich meinen Freundinnen und Freunden Bilder von unendlich schönen Küsten, atemberaubenden Blicken aufs Meer, hervorragenden Weingütern und mächtigen Tieren.
In unserem Fotoalbum finden aber auch beklemmende Momente Platz. Da sind das fast malerische Bild von dem bereits bekämpften Buschfeuer in Franschhoek, die verbrannte Erde, die man abseits der Joggingstrecke sieht, oder die mahnenden Worte in der Pinguin-Auffangstation, wir sollten die Wunden der Welt heilen, um unsere eigenen zu heilen. So wird Wangari Maathai zitiert, die Friedensnobelpreisträgerin, deren Green Belt Movement heute mehr als 50 Millionen Bäume gepflanzt hat. In Erinnerung bleiben die Durchsagen im Radio, wo gerade welches Feuer wütet; der Blick auf die Löschflugzeuge, während wir im Restaurant sitzen; die Informationen über sinkende Populationen auf der Safari zu Land und zu Meer; die Nachrichten über die Überschwemmungen im Kruger-Nationalpark.
Ja, ich habe diese Reise genossen. Und ich bin dankbar, dass ich sie unternehmen konnte. Aber war sie richtig? Sollten wir das noch so tun? Versuche ich, etwas zu rechtfertigen, was nicht mehr zu rechtfertigen ist?
Rheingau: »Mit Blaulicht durch den Kurpark«
Kurpark: In der Kindheit sind wir dorthin, wenn es uns am Rhein zu heiß war
Foto: Verena Töpper / DER SPIEGELWir hatten es gerade durch das mit Weinkorken gefüllte Becken des Barfußpfades geschafft, als meine Mutter anrief: »Wir müssen den Wald verlassen!« Meine Großtante und sie wollten schon vorausgehen zur längsten Bank Hessens, geschnitzt aus einer fast 35 Meter langen Douglasie. Doch Polizisten versperrten den Weg: Waldbrandgefahr!
Mit Blaulicht fuhr ein Polizeiauto durch den Kurpark, um Besucherinnen und Besucher herauszulotsen. Meine siebenjährige Tochter bekam Panik. Sicher nur eine Vorsichtsmaßnahme, beruhigte ich sie – und joggte dann mit ihr über völlig vertrocknete Wiesen Richtung Parkplatz. So hatte ich mir den Heimatbesuch nicht vorgestellt.
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Ich war selbst als Kind oft in dem Kurpark. Wir sind dorthin, wenn es uns am Rhein zu heiß war. Üblicherweise ist es dort immer schön kühl, weil der Kurpark in den Wald übergeht. Es gibt mehrere Seen und sogar eine kohlensäurehaltige Quelle.
Das Feuer an jenem Tag war nicht das erste und nicht das letzte. In den Tagen davor und danach sind in der Umgebung von Bad Schwalbach insgesamt mehr als 30.000 Quadratmeter Wald abgebrannt – eine Fläche, so groß wie vier Fußballfelder. Der Kurpark hatte Glück. Wir auch.
Was haben Sie diesen Sommer erlebt – hat sich Ihr Urlaubsort verändert? Wir freuen uns, wenn Sie Ihre Erlebnisse mit uns teilen. Schreiben Sie uns an reise.leserpost@spiegel.de und bitte auch, wie wir mit Ihnen am besten kurzfristig Kontakt aufnehmen können. Einige Ihrer Antworten würden wir nach Rücksprache gern veröffentlichen.